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nach dem Schreiben aufrichtig war; unter dem Schreiben selbst aber, haben wir gesehen, überkam ihn das Gefühl des leiblichen und geistigen Schadens, den ihm diese Leute getan, und war stärker als er. Ohne Rückhalt wird man jedoch glauben, was er hinzusetzt: "Wenn ich gedenke, dass dadurch ihre Kinder abgehalten werden, den bösen Exempeln ihrer Eltern zu folgen, dass so viele Unschuldige gerettet, dass manches Kind im Mutterleibe werde erhalten werden, so bin ich überzeugt, dass ich hieran recht getan habe." – Um die Zeitbestimmung nicht misszuverstehen, wenn er klagt, dass er von seinen jungen Jahren an in solche Häuser verleitet, in seiner blühenden Jugend in die verruchten Häuser eingezogen worden sei, muss man sich sagen, dass diese Jugend zu der Stunde, da er schrieb, noch blühte oder wenigstens nach menschlicher Berechnung hätte blühen sollen: denn er feierte seinen einunddreissigsten Geburtstag in dem Gefängnis zu Vaihingen. Die eigentlichen Diebsherbergen aber hat er nach seiner eigenen Angabe, wie sogleich die folgende Stelle zeigen wird, erst durch seine Verbindung mit der schwarzen Christine kennengelernt; und dass diese nicht früher als drei Jahre vor seiner Vaihinger Verhaftung angefangen hat, geht unwiderleglich aus den Akten hervor. Diese nicht einmal vollen drei Jahre müssen ihm somit, als er die Klage niederschrieb, in welcher er seine Jugend fern und längst vergangen sah, wie eine Ewigkeit erschienen sein. Wohl mag ihm auch eine Erinnerung an jenen Krämer in Rechberghausen vorgeschwebt haben, dessen Bekanntschaft für ihn jedoch nur eine Vorstufe zu der Leiter in den Abgrund war. Auch hat er diesen sowohl, als den Hof, auf welchen er der schwarzen Christine folgte, in seinen Entüllungen genannt, ohne jedoch einen grossen Verrat an der Freundschaft zu begehen, denn der gute Freund arbeitete bereits seit zwei Jahren, wie aus dem Amtsblatt vom 28. Februar 1758 hervorgeht, puncto furti, receptationis et celationis facinorosorum mit angehängter Kugel im Zuchtause. Bei diesem Anlasse muss noch hervorgehoben werden, dass durch die Entüllungen des Verbrechers kein eigentlicher Landsmann desselben betroffen worden ist: denn die zuletzt Genannten gehörten ritterschaftlichem Gebiete an. Aus seiner Heimat hat er niemand verraten, als die Genossin seines Unglücks von Anfang an, die blonde Christine. Wenn hienach das damalige Herzogtum Württemberg, obgleich sein Zuchtaus stets gefüllt war, doch im Vergleiche mit den umliegenden Herrschaften und adeligen Besitzungen als der einzige gesunde Kern von Süddeutschland erscheint, so kann man dies, da die Nachbarn mit ihm das Christentum gemein hatten, nur dem Vorzuge zuschreiben, dass dieser Bruchteil des schwäbischen Volkes, wenn auch in sehr verkümmerter Gestalt, allein noch einen kleinen Rest von Freiheit und Selbsterrlichkeit besass.

"Dermalen" – so schliesst die merkwürdige Aufzeichnung – "soll nun die Obrigkeit betrachten, was ich in den kurzen etlichen Jahren schon an Aufentalten gemeldet habe, und das wird unter den tausend Aufentalten kaum ein teil sein, was nämlich die, welche zeit- und taglebens schon mitlaufen, sagen könnten, wenn sie eine beständige Erkenntnis ablegen wollten. Ich sage an: wie es denn möglich sei, Schelmen oder Diebe zu fangen, wenn man nicht solche Aufentalte zuerst ausrottet? Es gehet etwa ein Schreiben aus von den gnädigsten Herrschaftenso sind solche Leute da und machen es den Räubern zu wissen, oder verbergen sie selbst gar. Wie will man dieselben dann bekommen? Es ist keine Möglichkeit, wenn man solche Orte nicht verderbt; es entspringt der ganze Ursprung von Stehlen und Rauben aus solchen Häusern.

Nur um eine kleine Andeutung zu machen, wie mir's in denen Häusern selbst gepassieret ist: als meine erste Frau, die Christina Müllerin, in Verhaft gekommen, und mich diese Christina Schettingerin durch ihre liebliche Redensarten zu sich gezogen und mir die gelegenheit und solche Aufentalte gewiesen, die mir nicht bekannt waren, und wie ich nun von einem Haus in das andere gegangen, und zum ersten kam, sprach er:

'Hat Christina wieder geheiratet?' – Sie sprach: 'ja!'

'Ist er aber auch ein so guter Räuber wie euer erster?' – Sie antwortete: 'ja!'

Hätte sie gesagt: nein, so war ich schon nicht wohl daran gewesen. Sie sprach im Haus herum: er hat bald eine Sau geholet, bald ein Schaf, bald dies bald das.

'Er hat uns sehr viel Gutes getan, wenn ihr nur auch so gut werdet.' – Das eine sprach: 'ich bin heute über Feld gewesen, ich habe da und dort was von Tierfleisch gesehen; ich habe auch die Schäferpferche auf der Brache gesehenholet das Fleisch oder holt ein Schaf, dass wir auch wieder Fleisch essen dürfen!' – ferner: 'habt ihr nichts Gestohlenes bei euch? Ich brauche was von Kleidern, mein Mann hat nichts und meine Kinder haben auch nichts; wir müssen gekleidet seinmachet, dass ihr was zu stehlen bekommet, und schaffet uns was an! Ich bin nicht weit über Feld hinausgekommen, sonst wollte ich euch etwas ausersehen haben, wo ihr was erwischen könntet, aber bis ihr wiederkommet, will ich was ausersehen!'

Und so sind alle diese Aufentalte. Eine manche Weibsperson, die auf dem land gehet, hat schon bis drei oder vier am Galgen; sie führet noch einen aus einem Dorf heraus, der nur ein Liebhaber des schönen Frauenzimmers ist; sie bringt ihn an solche Örter hin; er höret solche Reden; was dieses Mensch nicht Böses genug an