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frommen Mann, weil er fleissig in die Kirche gehet; aber doch hat er und seine Frau schon lange und vieles mit den Räubern zu tun; der Schulteiss tut ihm alles zu wissen, wann eine Streife ergehen soll, denn er erhält zuerst das Schreiben des Oberamts, und wann eine ergehen soll, so tut man es den Räubern gleich zu wissen, dass sie fliehen sollen. Dieser Schulze", setzt er sofort in seiner ganzen Gewissenhaftigkeit hinzu, als ob er sich nicht das Recht zugestände, demselben gerade zu leib zu gehen, "kommt mir auch sehr verdächtig vor: ich habe öfters mit demselben getrunken in seines Schwagers Wohnbehausung, und er hat alles von mir gesehen, Pulver, Blei und Pistolen, hat mir auch selber ein Terzerol" – im Inquisitionsprotokoll sagt er immer Terzrohr – "an Krämerwaren verhandeln wollen, was aber meine Frau nicht geschehen liess. Der Schulteiss lässt es nur nicht so öffentlich an den Tag kommen, weil er ein sehr vermöglicher Mann ist, aber nach seinen eigenen Reden, die er getan, ist ihm" – von den Spitzbuben nämlich – "wohl zu trauen. Was aber seinen Schwager und Schwester anbelangt, so hat es seine Richtigkeit. Das Ort ist edelmännisch." Wiederum heisst es von einem dergleichen Orte: "Ich habe gesehen und aus ihrem mund vernommen, dass ihnen sehr wohl gedient mit solchem Räubergesind ist; sie haben auch viele mit Namen genannt, die mir selbiges Mal noch nicht bekannt waren. Ferner haben sie gesagt, man solle doch nur zu ihnen kommen, man dürfe ja hier nichts fürchten, die Räuber gehen viel mit den Leuten in die Kirche aus und ein, man lege keinem etwas in den Weg, wenn man nur das Gestohlene wohlfeil von denselben bekomme, so sei alles recht." Wieder in einem anderen Ort "hat mich der Wirt auch zu dem Burgermeister hingeführet und! da geredet so offenbarlich vom Stehlen und Rauben, als wenn lauter Räuber und Zigeuner beieinander wären, so dass ich mich selber sehr verwundern musst, weil mir solche Orte und Gelegenheiten noch nicht bekannt waren; habe auch gleich, einen besseren Mut zum Stehlen bekommen, und da sie auch selbst die jenische Sprache reden, so gut wie die Räuber selbst, so gedachte ich gleich: den Leuten ist zu trauen, und müssen schon dergleichen Leute gehabt haben, sonst kennten sie die Sprache nicht. Es ist aber auch wahr, denn die Sprache ist nicht leicht zu lernen, und in den schulen hat man sie nicht dazu angehaltenso kann ich ja leicht vernehmen, dass dergleichen Leute öfters dagewesen seien und es wohl zu trauen war. Wo mich meine Frau hingeführet, in den Häusern reden die Leute die Sprache besser als ich, und sie haben mich öfters sehr ausgelacht und gesagt, wann ich die Christine so lang hab als sie sie kennen, so werde ich schon besser mit der Sprache fortkommen können." Ferner in einem Ort: "Beim Kreuzwirt und seiner Tochter, der Strausswirtin, sind die Räuber bekannt, und man weiss auch alles von denselben, und sie machen sich nichts daraus, da der Herr Stabsschulteiss ein sehr naher Freund zu ihnen ist, und sie verlassen sich darauf." In einem anderen Ort: "Der Schulz hat auch vieles mit den Räubern zu schaffen und ich bin dem Schulteissen wohlbekannt, er hat auch alles von mir gesehen und gewusst, woher und wer ich bin, und ist mein ganzer Lebenslauf demselben bekannt; aber er war ein Liebhaber solcher Leute und sehr verschwiegen, sonderbarlich seine Frau, die mit der alten Anna Maria vieles zu schaffen gehabt, sich auch hat brauchen lassen und sich unterstanden, da damals der Anna Maria ihr Sohn in Verhaft gekommen, und sich die Schulteissin viel Mühe gegeben, wie möchte zu helfen sein, aber dabei gemeldet, um wenig Geld helfe sie nicht dazu, aber wenn man ihr gebe was recht sei, so wolle sie es in Stand bringen, dass sie gewiss hindurchkommen." Dass die Weiber, wenn sie einmal die Scheu überwunden haben, viel entschiedener als die Männer auf das Ziel losgehen, zeigen auch sonst noch manche Stellen dieser Denkwürdigkeiten, wie er denn von einer andern dieser Gelegenheitsmacherinnen sagt, sie sei eine solche schlimme Frau, dass er es selbst nicht genug beschreiben könne, und habe ihm manchen Seufzer ausgepresst, weil sie einem keine Ruhe gelassen habe, bis man zum Stehlen fortgegangen sei. Bemerkenswert und ein Zeugnis für die schlechten Nahrungsverhältnisse ist, dass die Leute den Räubern beständig in den Ohren liegen, sie sollen ihnen doch Fleisch verschaffen; selbst in das Wirtshaus müssen sie, wenn sie dort nicht Mangel daran leiden wollen, gestohlene Hammel mitbringen. Die Entüllungen umfassen einen beträchtlichen teil von Süddeutschland, und beinahe in jedem der genannten Orte ist die Ortsbehörde in das Getriebe des Gaunerwesens mitverwickelt. "Was den Herrn Schulteissen anbelangt", heisst es bei solchen Gelegenheiten, "so werden seine Umstände bald am Tag sein, wann man ihm sein Zollbuch abfordert, denn er hat mir ein Zollzeichen gegeben, damit ich soll richtig mit der gestohlenen Ware durchkommen, und in dem Zollbuch wird stehen der Name Joseph Klein oder Sigmund Hermann." Andere Gemeindebehörden verhelfen den Räubern zu Pässen, mit welchen sie die land unangefochten durchziehen können. Da ist gar ein Bürgermeister "ein solch schlimmer Mann: wenn eine Streife ergangen, hat er die Räuber selbst in sein eigenes Bett hineingelegt, wie ich und meine Frau