1855_Kurz_155_206.txt

sich zusammennehmen muss, um mit dem geist und mit der Feder zu folgen.

Für den prüfenden Leser zerfällt das Protokoll somit in zwei Bestandteile von nicht ganz gleichem Gehalte: der eine gehörtsagen wir nicht dem Oberamtmann, sondern dem Lebenskreise, dem e r angehörte, und der Urlieber des anderen ist der begabte Verbrecher selbst. Besonders verdient die lebendige Kraft hervorgehoben zu werden, mit welcher er die Masse von Personen, um die sich seine Aussagen drehen, zu schildern wusste: mit wenigen Worten, die wie breite Pinselstriche wirkten, entwirft er ein Bild nach Gestalt und Tracht, dass die geschilderte person in anschaulicher Leibhaftigkeit aus dem Protokoll vor das Auge springt und ebensogut dem Richter zu einem Steckbrief, als dem Dichter, soweit dieser Lust hat unter die Räuber zu gehen, zu einem Gemälde in Lebensgrösse dient. Und damit man nicht glaube, dass einem ungebildeten Menschen aus dem volk hiermit des Guten gar zu viel geschehe, so möge an dieser Stelle in andern Worten und anderer Auffassung die Bürgschaft des jüngsten Bearbeiters der geschichte des "Sonnenwirts" eintreten, der ihn nur aus dem Vaihinger Inquisitionsprotokoll, also von seiner schwärzesten Seite kennt, und gleichwohl den Eindruck, den ihm die Persönlichkeit des Inquisiten in den Akten machte, so wiedergibt: "Die Bekenntnisse des Verbrechers drängten sich völlig frei und ungezwungen und in solcher Masse dem Verhörrichter entgegen, dass der Bedarf inquisitorischen Scharfsinns zu ihrer Erhebung sich ungleich geringer herausstellte, als der Aufwand an Zeit und Mühe für die juristische Digestion des reichen Materials. Die Sprache, die er vor Gericht führte, war gewogen, anständig, zuweilen edel, und zeugte im allgemeinen von einem nicht geringen Masse natürlichen Verstandes, namentlich aber wenn es galt, dem untersuchenden Beamten das Unlogische mancher Unterstellungen verweisend unter die Augen zu halten; ja in Fällen, wo sich der Richter dahin vergass, ungerechte Beschuldigungen mit Hartnäckigkeit aufrechterhalten zu wollen, hatte die besonnen kalte Rechtfertigung des Angeklagten etwas von der Ruhe eines Gerechten an sich und glich in keiner Weise jenem hündischen Trotze verhärteter Bösewichte, die, niedergedrückt vom Gewicht gegründeter Beschuldigungen, den kleinsten Bezieht, der sie unverschuldet trifft, willkommen heissen, um darüber in die Klagen beleidigter Unschuld aufzubrausen."

Er hat aber ausser diesen mündlichen Angaben noch ein schriftliches Denkmal hinterlassen, wozu er selbst die Feder oder vielmehr den Bleistift in die Hand nahm und, unabhängig von dem Stil des Oberamtmanns, sich in seiner eigenen Weise gehen liess. Er hatte schonungslos die Genossen seiner Übeltaten ans Messer geliefert, als es ihm in der Einsamkeit seines Gefängnisses einfiel, dass das Werk nur halb getan sei, wenn er nicht auch die Hehler angebe, die das Bestehen einer so weitin gegliederten Kette von Feinden der Gesellschaft möglich machten und immer wieder ergänzten.

"Es treiben mich die Bewegungen meines Herzens" – mit diesen Worten begann er in carcere, wie der Oberamtmann in seinem Protokoll bemerkt, mit dem ihm vergönnten Schreibmaterialien einen mehrere Bogen langen Aufsatz, mit kräftiger, klarer Handschrift, nach der Schreibweise seiner Zeit, in welcher sich die Ungebildeten von den Gebildeten darin unterschieden, dass jene den ererbten Sprachschatz der Luterschen Bibelübersetzung mit mehrerem oder minderem Geschick handhabten, während diese ihrer nicht bei Luter erlernten Satzbildung mit lateinischen Einschwärzungen je nach dem dritten deutschen Worte auf die Beine zu helfen suchten. Diese Entüllungen eines Gauners und Gaunergenossen aus der Zeit, die man als die gute, alte, sittliche, fromme rühmen hört, stellen alle angenommenen Vorstellungen von jener Zeit auf den Kopf, lassen es höchstens begreiflich erscheinen, dass einzelne Enkel einzelner Familien, die inmitten der allgemeinen Verderbnis sich unter günstigen Lebensumständen rein erhielten, auf ihre Vorfahren stolz sein können, zeigen aber die grosse Mehrheit des Volkes, trotzdem, dass es sehr fleissig in die Kirche ging, in einer Fäulnis, die einen Leutnant Mockel, wenn er sich mit seinesgleichen zu dem Streiche, der ihm aufgedämmert war, erhoben hätte, auf einige Wochen oder Monateschwerlich viel längerzum Herrn von Süddeutschland hätte machen können. Diese Entüllungen sagen nicht bloss von Wirten, Bauern, Hofbesitzern, ja von ganzen Dörfern weit und breit umher: "hier ist ein Aufentalt für alle Räuber" – nein, sie nennen eine Masse von Ortsbehörden selbst, die mit den Gaunern im engsten Verständnis waren. Nicht von Husaren, Hatschieren, und wie sonst die niederen Beamten der öffentlichen Sicherheit hiessen, zu reden, die Schulteissen selbst, und in unglaublicher Anzahl, waren mit den Feinden der öffentlichen Sicherheit förmlich verschworen. Da heisst es auf jeder Seite dieser Denkwürdigkeiten, wo von diesem oder jenem Orte die Rede ist: "Vom Herrn Schulteissen ist mir sehr und wohl bekannt, dass er ein guter Mann gegen die Räuber und Diebe ist", "und soviel weiss ich, wenn einer verwahrt ist, er sei ein Räuber so gross als er will, so wird Herr Schulteiss ihm durchhelfen", "und die Frau des Sohnes ist wohl zu brauchen auf den Märkten, wie ich selber aus ihrem mund gehöret, sie wolle mit meiner Frau gehen, denn sie halte man nicht für verdächtig; sie könne besser bei den Krämerständen brav zugreifen; wenn man ein Bekanntes dabei habe, so sei man nicht so im Verdacht." Wieder gibt er in einem anderen Orte den Schwager des Schulteissen an, als einen Mann, "der beständig derlei Leute im haus liegen und auch mit ihnen zu schaffen hat." "Dieser Mann", sagt er, "ist aber anzusehen für einen