gesagt habe. Nun fand sich der Richter wieder in ihm zurecht und schenkte ihm nach und nach so vollen Glauben, dass, wie sich aus dem Protokoll ergibt, der Unschuldsbeweis hinsichtlich des an dem Schützen zu Ebersbach begangenen Mordes lediglich auf seine eigene Aussage gegründet ist. Das Urteil wurde hierdurch freilich in nichts abgeändert, doch blieb dieser angebliche Meuchelmord, den ihm die Ebersbacher aufbürdeten, aus der im Urteil aufgestellten Reihe seiner Verbrechen weg. Der kleinliche Groll, dem die blonde Christine in ihrem der Schwachheit ausgesetzten Gemüte Zugang verstauet hatte, schwand wieder, denn sie kannte sein Herz und glaubte an die Aufrichtigkeit seiner Zerknirschung, die ihm nicht anders zu handeln erlaubte, obgleich sie sich die Rechnung machen konnte, dass sie dieselbe, nachdem es ihr geglückt war, aus dem Zuchtaus in einem Dienst unterzukommen, mit einer abermaligen Zuchtausstrafe zu bezahlen haben werde.
Allerdings ein harter Lohn für so viel Liebe und Aufopferung, die in dem Protokoll mit dem amtlichen Kunstausdruck praematurus concubitus abgefertigt wird! In zwei brandmarkenden Worten die geschichte eines siebenjährigen Kampfes voll Weh und Treue erschöpft! Und dabei war der Oberamtmann noch billiger als das Gesetz, das ein ohne elterliche Einwilligung geschlossenes Liebesband mit einem noch härteren Ausdrucke brandmarkte. Sein Angeklagter muss ihm in jenen Stunden, wo die Inquisition "einen vertraulichen Ton annahm", ergreifende Eröffnungen gemacht haben, die freilich nicht im Protokoll zu lesen sind, auf die man aber daraus schliessen darf, dass das Protokoll, dass ja nicht die geschichte seines Schicksalsganges, sondern nur die geschichte seiner Verbrechen entalten sollte, die Anklage gegen Stiefmutter, Vater, Pfarrer und Amtmann, zwar kurz und dürr, aber doch in wenigen Worten vollständig aufgenommen hat, die Anklage: "nachdem er sich ehlich mit seiner Geliebten versprochen und seine Minderjährigkeit bei der Regierung wegsuppliziert, habe sein Vater, weil sie ihm nicht reich genug gewesen, durchaus nicht darein willigen wollen, und es bei dem Pfarrer und Amtmann dahin zu bringen gewusst, dass ihm aller Umgang mit derselben verboten worden, ob man sie schon zum drittenmal miteinander ausgerufen gehabt, und dass hieraus die Exzesse entstanden seien, die ihn nach und nach auf den Weg des Verderbens geführt." Auch die Weigerung des geistlichen Hirten, seinen Schafen einen unentgeltlichen Dienst zu leisten, hat der Oberamtmann, ohne Zweifel von dem stummen Gefühl des Ehrenmannes geleitet, gewissenhaft in sein Protokoll eingetragen.
Aber die Rachsucht, mit welcher der Unglückliche so oft über diesen Erinnerungen gebrütet hatte, war mit seinem Stolze gebrochen. "Er selbst", erzählt der Sohn des Oberamtmanns, "hielt die abgeschlagene Heirat mit Müllerin für die Ursache seines Unglücks, und brannte daher während seines ganzen Lebens von Wut und Rache gegen seinen Vater. Dennoch redete er zuletzt mit grosser Mässigung von ihm. 'Er hätte können anders mit mir verfahren', sagte er einst: 'doch es ist auch wahr, dass mein Eigenwille allzu gross war; ich selbst habe das Gute verworfen und das Böse erwählet. Ich will daher gern alle Schuld auf mich allein nehmen. Aber wenn er ja auch schuld sein sollte, so gedenke doch Gott seiner Sünden nicht. Er hat auf dieser Welt Trübsal genug an mir erlebt. Der arme Mann', fuhr er ein andermal fort, 'mein Vater dauert mich. Ich will ihm keine Vorwürfe machen. Ich wünschte mir noch seinen Segen. Der Eltern Segen baut der Kinder Häuser. Das schickt sich nun freilich nimmer auf mich. Aber sein Segen würde mir doch erquickend sein. Oh, dass Gott seine Sünden vergeben wollte, wie er mir die meinigen vergeben hat!'"
Diesem Hauche des Friedens entsprechend malt der Geschichtschreiber seine ganze übrige Gemütsstimmung. "Nichts aber", sagt er, an das Vorige anknüpfend, "war jetzt so lebhaft, als die niemals ganz verbannten Empfindungen der Liebe. Sein ganzes Herz hing an seinen beiden Frauen, und vorzüglich an seinem Kind. Man schickte ihm nichts zu essen, von dem er nicht diesen mitteilte. Besonders aber war er für ihren Seelenzustand so bekümmert, dass er ihnen, wo er nur konnte, auf das nachdrücklichste zusprach, dass er stets sich nach ihren Gesinnungen erkundigte und sowohl dem Oberamtmann als den Geistlichen die Metode anzugeben suchte, wie man ihren Herzen am besten beikommen könnte. Eine solche Gemütsverfassung gab ihm Mut in Augenblicken und unter Umständen, in denen sich sonst Verzweiflung auch der Stärksten bemächtigt; ja er erhob sich durch dieselbe bis zu einem solchen Grad der Freudigkeit, die ihm selbst bewunderungswürdig vorkam und die bisweilen so weit ging, dass er selbst befürchtete, ob sie nicht blosser Leichtsinn sein möchte."
Unter allen diesen Stimmungen aber ging die Arbeit ununterbrochen fort, nicht bloss jene Arbeit der Busse, sondern die geistige Arbeit einer treuen Zeichnung der Welt, in der er gelebt hatte. Diese Zeichnung ist in den Untersuchungsakten niedergelegt. Wohl selten ist ein so dickes Protokoll in der Zeit von so wenigen Monaten vollendet worden. So hohe Anerkennung man dem Fleisse und der Berufstreue des Beamten schuldet, der der Verwaltung und Rechtspflege seines Bezirks zugleich vorzustehen hatte, mit der person seines Gefangenen eine in halb Süddeutschland verzweigte Untersuchung in die hände bekam, und neben den fortdauernden Verhören einen durch diese veranlass ten sehr ausgebreiteten Verkehr mit einheimischen und auswärtigen Behörden führen musste – so entüllt sich doch zugleich aus diesen Akten das Bild eines Angeklagten, der ungezwungen und in rasch fliessendem Vortrage, gleichsam als die leitende Seele der Untersuchung, seine Angaben diktiert, so dass der Richter