ohne den religiösen Zwischenvorgang zu den Akten gegeben hat, einen so deutlichen Beleg, dass dieselbe, die auch sonst merkwürdige Züge darbietet, hier nicht übergangen werden darf. Nach verschiedenen Abenteuern mit eigennützigen Polizeimännern und nachlässigen Obrigkeiten, welche sich den Schutz der ihnen anvertrauten bürgerlichen Gesellschaft so schlecht angelegen sein liessen, dass diejenigen, die dem Markgrafen von Baden ihre etwaigen Gefangenen um Geld verkauften, noch weitaus zu den besseren gehörten, hatte das Paar den Unstern, auf dem Jahrmarkte zu Offenburg in seinen Geschäften durch die Wachsamkeit dortiger Bürger gestört zu werden, wie denn überhaupt in allen ähnlichen Geschichten jener Zeit die Gaunerherrlichkeit immer erst da ein Ende hat, wo mutige und aufopfernde Bürger, oft schmählich im Stich gelassen, der Obrigkeit zu Hilfe kommen. Dem Räuber gelang es in eine Kapelle zu entspringen, seine beiden Terzrohre, wie der Sprachgebrauch der Zeit sie nannte, unter dem Hochaltar zu verbergen und seine Barschaft von drei Karolins dem Chorrektor, der mit mehreren Geistlichen sogleich herbeieilte, in die Hand zu drücken. Der Chorrektor versprach, ihn nicht eher auszuliefern, als bis er vom Magistrat einen Salvuskondukt in so bündiger Form ausgewirkt habe, dass man ihm weder an das Leben gehen, noch ein Glied verletzen, sondern, wenn er je eine Todesstrafe verwirkt, ihn wieder hierher in die Kirche stellen müsse; für Schläge könne er ihm freilich nicht stehen. Der Stadtmeister der katolischen Reichsstadt lag nebst einigen anderen Personen soeben in der gleichen Kirche seiner Andacht ob und sah die Unterhandlung zwischen dem Geistlichen und dem verdächtigen Flüchtling mit an. Als nun die Kirche denselben mit dem weiteren Versprechen, dass er das anvertraute Geld nach seiner Freigebung bei dem Pfarrer eines benachbarten Ortes wieder abholen könne, der weltlichen Obrigkeit übergeben hatte, so wollte diese mit aller Gewalt wissen, was er dem Geistlichen zugestellt habe. drei Tage hintereinander erhielt er jedesmal vierzig Streiche, bekannte aber nichts, ungeachtet er nach seiner Erzählung unleidliche Schmerzen auszustehen hatte, und in der Nacht des vierten Tages gelang es ihm, die Riegelwand von Backstein durchzubrechen und sich am Leintuche herabzulassen, worauf er bei dem bezeichneten Pfarrer seine drei Karolins wieder abholte. Die Kirche hatte im Kampfe mit dem Staat ihr Recht um jeden Preis behauptet und eher einem Räuber, dessen Eigenschaft sie kaum bezweifeln konnte, durchgeholfen, als sich ihr Asylrecht verletzen lassen. Nach diesem Hergang darf man sich jedoch nicht wundern, wenn Christine über die geschichte der dreitägigen Busse vor einem mit Speiss gemalten Kruzifix, welche ihm jeden Tag durch die Aussicht, morgen wieder vierzig Schläge zu erhalten, geschärft worden war, den vierten Tag aber mit einem Ausbruch geendigt hatte, in ein höhnisches Gelächter ausbrach und die luterischen Anwandlungen um so unpassender fand, als ihre eigene Kirche ihn soeben zu nicht geringem Danke verpflichtet hatte.
Dennoch liessen diese Anwandlungen nicht von ihm ab, und jetzt wird es begreiflich, wie sie in Vaihingen so plötzlich zum Durchbruch kommen konnten. Zugleich aber lernt man auch deutlicher zwischen den Zeilen des Vaihinger Protokolls lesen, wenn man sich den Auftritt von dem Sohne des Oberamtmannes erzählen lässt.
"Den zweiten Tag", sagte er, "erschien Schwan wieder. Der Beamte schlug nun den entgegengesetzten Weg ein. Er wiederholte ihm zwar noch einmal, dass er ihn für einen ausgemachten Bösewicht halte; aber nun forderte er ihn nicht mehr durch Drohungen, sondern durch Darstellung der schrecklichen Folgen des Lasters, durch Schilderung des Glücks eines ruhigen Gewissens, durch Bezeugung seiner herzlichen Teilnehmung an seinem Schicksal und durch Verspruch, ihm dasselbe durch alles, was nur in seiner Gewalt stehe, zu mildern, auf; kurz, er versuchte nun durch Religion und teilnehmende Güte sein Herz zu rühren. Der Versuch gelang. Der trotzige blick milderte sich sichtbarlich, Traurigkeit trat an die Stelle der Wut, eine Träne floss in dem wilden Auge. 'Ich habe meinen Mann gefunden', rief er gerührt, 'ich bitte Sie, lassen Sie diese Leute hinausgehen, und ich will Ihnen alles gestehen.' Der Oberamtmann, um diese Rührung nicht zu stören, liess alle nicht ganz notwendigen Personen hinausgehen, und in diesem Augenblick stammelte Schwan mit bebendem mund: 'hören Sie in einem Wort alle meine Verbrechen: ich bin der Sonnenwirtle.' "
H i s c e praemissis ist das Bekenntnis des Räubers nicht mehr so sehr überraschend, wie es in dem Protokoll des Oberamtmanns überrascht und wie dieser selbst, der freilich im Protokoll dies wenig merken lässt, nebst Stadt und Land davon überrascht gewesen ist. Hätte er sein Inquisitionsschema, wie er es in das Protokoll schrieb, angewendet, so würde er wohl lange auf diese überfliessende Offenheit haben warten dürfen; denn dieses Schema, das auch den redlichsten Beamten ohne seine Schuld zu einer gewissen Unwahrheit zwingt, ist dem volk so fremd wie die römische Advokatur es seinen zungenausreissenden Vorfahren war. Dem mann, der den Menschen und den Oberamtmann mit so gutem Erfolge für sein Protokoll zu vereinigen wusste, soll hieraus kein Vorwurf gemacht werden: er hat seinerzeit einen wichtigen Dienst geleistet, und sein Gefangener selbst hat ihm die Abkürzung einer Laufbahn voll Schmach und innerer Verachtung, deren Mass immer voller geworden wäre, in der ganzen Aufrichtigkeit seines Herzens gedankt.
Mit diesem Bekenntnis nun, das gleich in den ersten Worten den Stab über sein verwüstetes Leben brach, halte er sich nicht bloss in die Hand der Obrigkeit, sondern auch in die Hand seiner Kirche ergeben, welche ihre Diener sandte, um dieses Leben zu einem bussfertigen und seligen Ende zuzubereiten.