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unglücklich, dass ich gelegenheit bekam, meine vorigen Sünden mit neuen zu vermehren. Einige Tage tat ich gut. Aber ich konnte keine bösen Tage leiden. Nur allzubald war der vorige gute Vorsatz verschwunden, und ich war zu meinem Schaden klug genug, Entschuldigung für meine Sünden zu finden und mich manchmal gar zu bereden, dass alles Torheit sei, was man vielleicht bloss um der Einkünfte willen in den Kirchen predige. Das ging nun freilich nicht ohne innerliches Widersprechen meines Gewissens ab, und überhaupt hatte ich beständig quälende Gewissensbisse." Nichts aber, setzt sein Geschichtschreiber hinzu, habe seine Besserung so sehr gehindert, als sein Weib, die seine Begierde nach derselben als Zuckungen eines Feigen belacht und, wenn Spotten nichts mehr half, seine Frömmigkeit bloss als einen Vorwand, sie zu verlassen und zu seiner luterischen Christine zurückzukehren, angesehen habe.

Die schwarze Christine bekannte sich zu der katolischen Kirche. Sie hatte mit ihrem Geliebten gleich nach ihrer Verbindung eine Wallfahrt zu der schwarzen Maria von Einsiedeln gemacht, um sich trauen zu lassen, daselbst auch Bereitwilligkeit gefunden, die jedoch, nicht zur Tat werden konnte, da keines von beiden Brautleuten daran gedacht hatte, seinen Taufschein mitzubringen. Ihr erstes Kind war in einem badischen Orte, dessen gaunerfreundlicher Schulteiss dabei zu Gevatter stand, von einem Jesuiten getauft worden. Über den Tod dieses Kindes, das sie frühe wieder verlor, betrübte sie sich so übermässig, dass sie in Verzweiflung verfiel und dem Wahnsinn nahe kam; sie wollte sich, durchaus nicht von dem kind trennen und trug die verwesende Leiche in einem Kästchen mit der grössten Beschwerde acht Tage lang herum. Über ihr Verhältnis zu ihrer Religion sagt der akademische Geschichtschreiber dieses Räubers und dieser Räuberin: "Niemand betete pflichtlicher das Paternoster. Niemand besuchte die Wallfahrten so fleissig oder wohnte den Prozessionen so häufig bei. Schwan hat versichert, dass sie auf eine einzige solche heilige Feierlichkeit mehr als dreissig Gulden aufgewandt, dass sie aber auch öfters das Geld dazu vorher gestohlen habe." Übereinstimmend hiermit sagt ein Schriftsteller des vorigen Jahrhunderts, der über die Gauner schrieb und sich durch seine Sprache als Protestanten zu erkennen gibt, die Religion, zu der sich diese Menschenklasse bekenne, sei in der Regel die katolische, man dürfe immer hundert Katoliken auf einen oder zweien Luteraner, Reformierte oder Juden rechnen; diese Minderheiten bilden die Ausnahme und seien allemal Überläufer aus dem Bürgerstande; die Religionswissenschaft der Mehrheit bestehe in einigen auswendig gelernten Formeln, in Legenden, in ungestalteten Ideen von Wallfahrten, Messelesen, Rosenkranzbeten u. dgl., und mehr, fügt er mit protestantischer Härte hinzu, brauchen sie als Gauner auch nicht zu wissen, denn die Religion würde ihnen, wenn sie sie dem Wesen nach kenneten, nur beschwerlich sein.

Die katolische Kirche, die sich die allgemeine nennt und es zu werden strebt, macht dem Menschen den Eintritt in ihre allezeit offenen Tempel leichter und legt ihm kein so schweres Opfer auf wie ihre Schwesterkirche. Da sie alles unter ihre Flügel versammeln will, so muss sie wie eine gütige nachsichtige Mutter verfahren, die dem kind je nach dem Masse seiner Gaben nicht das Schwerste zumutet, sondern sich mit der Andeutung des guten Willens begnügt. Daher erklärt es sich, dass ihre opferfreudigen Sendboten unter den kindlichen Völkern einer jüngeren Welt, wie bei den aus Indien nach Europa eingewanderten Zigeunern, welche grossenteils den Grundstock der Heimatlosen des vorigen Jahrhunderts abgegeben haben, im Pflanzen und Ernten glücklicher gewesen sind als ihre Nebenbuhler von der anderen Kirche. Diese strengere Mutter weist die bloss äusserliche Andeutung zurück, sie duldet es nicht, dass der Mensch an seiner Statt Gott einen guten Mann sein lasse, sondern legt ihm selbst, unter Verheissung des göttlichen Beistandes zwar, die Riesenarbeit auf, sich die Geheimnisse des Glaubens anzueignen und das eigene Ich zu überwinden. Da sie selbst die Grösse dieser Forderung sich nicht verbergen kann, so sagt sie, es sei nur Auserwählten möglich, dieselbe zu erfüllen, während sie zugleich, da sie so wenig wie die andere Kirche ihren Kreis zu beschränken gemeint ist, hiedurch in den Widerspruch gerät, auch Nichtauserwählten ihr Joch auferlegen zu wollen. Hiezu kommt noch, dass ihr seit mehr als hundert Jahren gerade unter ihren begabtesten Söhnen Gegner aufgestanden sind, die, statt sich als Auserwählte zu zeigen, den Grund des Glaubens mit der Schneide der Prüfung und Verneinung aufgewühlt und ihre unbegabteren Brüder beunruhigt haben, so dass die Kirche selbst, im Kampf mit ihnen, so wie andererseits mit ihrer älteren Schwester genötigt worden ist, um den Glauben zu streiten, das heisst, die Breite, Höhe und Tiefe der Gotteit auszumessen, was zwar den Weltkindern freistehen mag, der Kirche aber durch ihre heiligen Urkunden nicht empfohlen ist. So weisen denn beide Kirchen an ihren Bekennern Schattenseiten auf, welche die Gefahren der einen wie der anderen anzeigen: dort Leichtsinn, hier Verwirrung. Beide aber, die nachsichtige wie die strenge Mutter, geben dem Menschen für das Leben die gleiche Vorschrift: Liebe deinen nächsten wie dich selbst; und wenn diese Lehre befolgt würde, wenn mit diesem Beispiel die Lehrenden selbst und unter ihnen die heissesten Eiferer für ihre Kirche und ihren Glauben zuerst vorangingen, so wäre unter den Flügeln der einen wie der anderen dem Menschen eine gute Wohnstätte bereitet. Dass auf der einen wie auf der anderen Seite von dieser Liebe nicht gar viel zu spüren ist, das ist wohl zunächst die Schuld des einzelnen Menschen, noch weit mehr aber die Schuld und Not des ganzen Kreises,