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vor dem Tore. Nun stutzte er freilich einen Augenblick, aber der Torwächter, dem die Langeweile an diesem selten betretenen Tore den blick geschärft haben mochte, hatte vom kleinen Fenster aus sein Stutzen bemerkt. Wäre er zu fuss gewesen, so würde er jetzt noch unwillkürlich den Fuss angehalten und den Schritt gewendet haben. Des Reitens seit langer Zeit ungewohnt, liess er das Pferd gehen, und so wurde dieses zum Werkzeug seines Schicksals, dessen Hand lähmend auf seinem geist lag. Seine Uhr war abgelaufen, das Pferd trug ihn blindlings durch das Tor, hinter welchem sich ein Gewirre von engen Gässchen auftat, das Gitter fiel hinter ihm und der Mann mit dem spürenden Blicke trat aus dem Torhäuschen heraus.

Die geschichte der Verhaftung selbst hat der Oberamtmann bereits erzählt; aber sein Sohn berichtet noch einige weitere Züge, die in Verbindung mit dem, was aus sonstigen Stellen der Akten hervorgeht, aufbewahrt zu werden verdienen. Derselbe erzählt, sein Vater habe die Pässe des Fremden, an welchen der Torwächter gezweifelt, ganz richtig befunden, und Schwan sei nun schon so gut wie frei gewesen, aber ein kleiner Umstand habe ihm Freiheit und Leben gekostet: er sei nämlich auf einem sehr elenden Pf erde gesessen, das mit seinem eigenen trotzigen und kühnen Anständeund, wie aus den andern Quellen hervorgeht, mit seiner durchaus ehrbaren Kleidungeinen höchst lächerlichen Widerspruch gebildet habe, und dieser Umstand, sowie das auffallende Gesicht des Mannes, habe gemacht, dass der Oberamtmann mit Aufmerksamkeit bald auf dem Pferde, bald auf ihm verweilt sei. Diese Aufmerksamkeit sei dem Reiter nicht entgangen, der nun habe annehmen müssen, das gestohlene Pferd sei bereits steckbrieflich geschildert, und deshalb, da der Oberamtmann eine Veränderung in seinem gesicht zu erblicken glaubte und ihm abzusteigen befahl, die Flucht zu ergreifen gesucht habe.

Gleichwohl würden nach seiner Vergewaltigung durch einige mutige Vaihinger Bürger, die, wie der Vorgang von Jöhlingen beweist, ihr Leben dabei wagten, die Inzichten, die in seinem Benehmen und den bei ihm gefundenen allerdings verdächtigen Gegenständen lagen, noch nicht zu einem zuversichtlichen Verfahren gegen ihn ausgereicht haben. Er hatte sich schon mehr in solchen Verlegenheiten befunden und wusste, wieviel man der Obrigkeit, selbst auf halbem Augenschein von ihr ertappt, durch hartnäckiges Leugnen abtrotzen konnte. Aber die erste Gefängnisnacht in Vaihingen vollendete die Umwandlung, die schon lange in seinem inneren begonnen hatte und durch die Stürme des Lebens, die Foltern des Gewissens so vorbereitet war, dass sie nur noch eines äusseren Anstosses bedurfte.

Wer seinen Mutterwitz und seine offenherzige Leutseligkeit für die einzigen von seiner Mutter ererbten Eigenschaften hielt, hatte sich garstig in ihm verrechnet, und teuer mussten die Genossen seiner Übeltaten diesen Rechnungsfehler büssen. Das hauptsächlichste Erbe, das er von seiner Mutter überkommen, das heisst, vermittelst ihres Einflusses sich in sein Herz eingeprägt hatte, war die Religion, wie sie in den Liedern seiner Landeskirche, in den Sprüchen der Luterschen Bibel und in den fragen und Antworten des protestantischen Katechismus niedergelegt war. Die Art, wie er diese Religion in der Welt ausüben sah, hatte ihn oft über sie spotten machen, und der Beifall, den seine Witze fanden, hatte ihn in seinen Spöttereien bestärkt. Aber was sein Geschichtschreiber aus seinem Mund erzählt, beweist, dass sie dennoch die Heimat seines innersten Gemüts geblieben war, und der nämliche Erzähler, dem es gar nicht einmal einfiel, an der Wahrheit jener Mitteilung zu zweifeln, sagt bei einer andern gelegenheit von ihm, Aufrichtigkeit sei, selbst in seinen ruchlosesten Jahren, ein Hauptzug in ihm gewesen. Oft, erzählt derselbe bei der Darstellung seines inneren Zustandes während seines Aufentaltes unter den Gaunern, oft sei er nachts im Traume aufgewacht, nachdem er vergebens durch Berauschung sein Gewissen einzuschläfern gesucht, habe geschrien, geweint, gebetet, bis sein Weib an seiner Seite ihn durch Spöttereien über seine Feigheit wieder zum Schweigen gebracht habe. Oft sei er auf die Knie gefallen und habe den Himmel um Gnade zu seiner Besserung angefleht. Oft sogar sei er unter dem Galgen niedergekniet und habe Gott gebeten, ihn aus diesem Leben herauszuführen. Dann habe er wieder sein Weib genötigt, auf die Knie zu fallen und mit ihm zu beten, in der Hoffnung, dass ihre, wie er gedacht, noch weniger befleckte Seele eher Erhörung finden würde. Oft sei er mit Schrecken aus dem Schlummer aufgefahren, habe geseufzt und gebetet, und wenn sein Weib gefragt, was ihm fehle, ihr allemal geantwortet, er denke an den Waisenpfarrer zu Ludwigsburg. "O Weib", habe er weinend und seufzend gesagt, "wenn du wüsstest, was das für ein Mann war, was er mich gelehrt, wie er mich ermahnt hat – o Gott, wenn er recht hat, so sind wir beide verloren, und ach, gewiss, er hat recht!" Als er einst zu Offenburg gefangen gelegen, habe er mit einem von der Wand abgebrochenen Stückchen Speiss ein Kruzifix gemalt, dasselbe, um sich stets an den Gekreuzigten zu erinnern, beständig angeschaut, geküsst und mit Tränen benetzt. "Damals" – dies sind, sagt sein Geschieh tschreiber, seine eigenen Worte – "versprach ich vor dem Bilde meines Heilandes Besserung und nahm mir fest vor, eher mein Brot zu betteln, als ihn weiter zu beleidigen. Ich netzte dieses Bild mit Tränen, ich küsste ihm die hände und bat um meine Befreiung. Sie erfolgte, ich war so glücklich, dass ich entrann, oder vielmehr so