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. Serenissimus kam aus der bekannten Schlacht von Fulda, die ein Laufen, kein Schlachten zu nennen war und in der er seinem auf preussischer Seite fechtenden Bruder nicht bloss das Feld, sondern auch eine reichbesetzte Tafel nebst einem Teile seiner Armee, während er mit dem Rest entrann, hinterlassen hatte. In der Laune, die er mit diesen Lorbeeren heimbrachte, wollte ihn der gefürchtetste Bösewicht seines Landes um den ausserordentlichsten Sonnenschein oberherrlicher Gnade ansprechen! Der Zufall ersparte ihm eine Enttäuschung, führte aber dafür einen Sendling der jüdischen Leutnants in seinen Weg, der ihn zu einer neuen Unternehmung anwarb und eine halbe Zusage von ihm erhielt.

Zuerst aber drängte es ihn wieder nach dem hof bei Stein. Die Gegend schien sicherer geworden zu sein, und er blieb wieder einige Zeit dort stille liegen, bis die Not ihn aufscheuchte, um das Anerbieten der Juden bei herannahender Frist anzunehmen. Von Christinen, nach welcher er sich in Gestalt eines Hanfhändlers erkundigte, war nichts Tröstliches zu vernehmen; vielmehr schien das Gericht Verdacht gefasst zu haben, dass sie sein Weib sei, und in diesem Falle musste er eine ewige Trennung von ihr gewärtigen. Seine geistige Kraft war noch früher als die körperliche gebrochen, obgleich auch diese durch Entbehrungen jeder Art auf eine harte probe gesetzt war. Dass er sich der nahen württembergischen Grenze zuwandte, einer Gegend seines Vaterlandes, die ihm unbekannt war und wo er sicher zu sein hoffte, beweist, dass der trotzige Mut, mit dem er allen Gefahren seines Bekanntseins in der Markgrafschaft die Stirne geboten hatte, von ihm gewichen war.

Im grossen Hagenschiesswalde, der sich von Pforzheim in das Württembergische erstreckt, traf er unversehens auf einem abgelegenen Holzwege, wo ein einzelner Soldat nicht leicht zu marschieren pflegt, einen herzoglichen Grenadier, der noch überdies, um das Sonderbare der Erscheinung zu vermehren, zu Pferde sass und seine weisse Grenadiermütze tief über das Gesicht gezogen hatte. Beide erkannten sich sogleich. Der Grenadier war sein Landsmann durch Abstammung und sein Verwandter durch Wahl, der sogenannte Schneidermichel, der eine Base Christinens sich beigelegt hatte, von ihr aber wegen seines zu friedliebenden Gemütes verlassen worden war. Dasselbe hatte ihn unter dem zweiten Grenadierbataillon, in das man ihn aus dem Zuchtause "gestossen" hatteder Ausdruck ist amtlichin die sogenannte Fuldaer Schlacht begleitet, in welcher er keinen Vorwurf auf sich lud, da er das Schlachtfeld gleichzeitig mit der ganzen Armee, soweit sie nicht gefangen war, und mit dem Kriegsherrn verliess. Nur hatte der Soldat der Reichsarmee, während seine Kameraden in den Wintergarnisonen unterkamen, bis zu diesem Tage die Flucht nicht eingestellt. Er bekannte seinem Freunde, dass er herzoglich württembergischer Deserteur sei, zu seinem besseren Fortkommen das Pferd, das er reite, dem Adlerwirt in Flehingen aus dem Stall genommen habe, und sich nach Hechingen zu wenden willens sei. Dies redete ihm der Sonnenwirtle aus und sagte, er sei zu Hechingen nicht sicher, er solle lieber mit ihm in das Deutschherrische gehen. Der andere willigte ein; da er aber als württembergischer Deserteur sich auf württembergischen Boden so wenig sicher fühlte als sein Freund auf badischem, so beredete er diesen, das Pferd zu nehmen, mit welchem er sich gleichfalls nicht mehr durch das Badische getraute, weil er es dort gestohlen hatte, in einem kleinen Orte oder auf einem einzelnen hof bei Enzweihingen über Nacht zu bleiben und den anderen Tag in Heilbronn mit ihm zusammenzutreffen. Mit dieser Verabredung trennten sie sich. Eine Aufmunterung, in Kriegsdienste zu gehen, woran er manchmal in seinem Leben gedacht, konnten die Erzählungen dieses der Fuchtel entlaufenen Soldaten für ihn nicht entalten. Wenn dagegen der Grenadier den Räuber, wie ohne Zweifel geschehen ist, nach dem Befinden der Bekannten fragte, so konnte dieser ihm eine lange Unglücksliste eröffnen. In der kurzen Zeit dieser drei Jahre hatte der Tod eine reiche Ernte gehalten. Von der Gesellschaft, die er im wald von Wäschenbeuren getroffen und mit der er sich noch am besten vertragen hatte, lebten nur noch die weiblichen Mitglieder; der scheele Christianus war gehängt, Schwamenjackel geköpft, Bettelmelcher von den Streif Wächtern erschossen; und von den Weibern war nur noch eine einzige frei, seine freche Schwägerin, denn Christine sass in Stein und die alte Anna Maria in Steinbach gefangen. Er selbst hatte die Alte in Gestalt des wandernden Krämers, der oft von solchen Marktdiebinnen betrogen worden, in ihrem Gefängnis aufgesucht und die gelegenheit benützt, ihr verstohlen einen teil seiner Barschaft in die Hand gleiten zu lassen.

Der Verfolg beweist, dass er das Pferd, das er offenbar aus Gutmütigkeit angenommen, um dem andern aus der Verlegenheit zu helfen, gar nicht angesehen hatte, denn sonst würde er es wohl schwerlich bestiegen haben. Seine sonst so schnellen Augen wachten nicht für ihn, und er muss an diesem verhängnisvollen Tage ganz in schwere, tiefe Gedanken versunken gewesen sein.

In einem dorf auf der Höhe hielt er an und trank ein Glas Wein. Als er weiter ritt, neigte sich die Hochebene und der Weg teilte sich in drei Pfade, die von keinem Wegweiser bezeichnet waren. Er wählte den mittleren geraden, der ihn steil ins Tal hinunterführte. Eine Stadt mit Mauern und Toren, von einem schloss überragt, lag vor seinen Augen, als das Ziel des Weges, den er ritt. Er kann sie unmöglich gesehen haben, denn der erste blick hätte ihm gezeigt, dass es vernünftiger sei, sie zu umgehen. Eine brücke trug ihn über die Enzer befand sich