Catilina werden sollte. Ach, die äusserliche Lage war, wie auch die Umstände beschaffen sein mochten, jedenfalls von der Art, dass er das eine wie das andere nur in sehr beschränktem Sinne werden konnte. Auch in anderen Dingen ist diese geschichte nach dem mangelhaften Geist und Geschmack der Zeit geschrieben; doch verhält sie sich zu den Akten wie ein farbiges Gemälde zu einem grauen Umriss; und nur aus beiden zusammen ist es möglich, ein Bild von den letzten Lebensjahren des verlorenen Sohnes von Ebersbach zu geben.
Der scharfsinnige Plan, der an der Waldecke bei Wäschenbeuren gefasst wurde, war nur sehr unvollkommen ausgeführt worden. Das Sprichwort, dass nicht alles Gold ist, was glänzt, hatte sich auch bei dem Eintritte Schwans in die Genossenschaft der Gauner bewährt. Es ist nicht wahr, dass die Spitzbuben ehrlich gegeneinander sind und dass sich auf diese Eigenschaft eine feste gesellige Ordnung unter ihnen gründen liesse. Neid, gegenseitiger Betrug und nie ruhender Verdacht, selbst unter Verwandten, verbitterten ihm das von haus aus arglose Gemüt gegen diese neue Welt bald noch stärker als gegen die alte, die ihn ausgestossen hatte. Er zog meist mit der schwarzen Christine, die er sich beigesellte, allein in den Landen umher. Dieses ungewöhnliche Weib, von welcher der Geschichtschreiber "eines Räubers" und "einer Räuberin" sagt, sie habe alle Gaben der natur in reichem Masse besessen und mit einer sehr schönen Körperbildung eine grosse Tätigkeit und Anlage des Geistes verbunden, hing an ihm mit einer leidenschaft, wie sie die alten Sagen jenen Hünenweibern beilegen; aber sie quälte ihn durch eine unbändige Eifersucht, und als die blonde Christine, trotzdem dass es ihr geglückt war, in einem Dienste unterzukommen, dem zug ihres Herzens folgend, ihn einst besuchte, so duldete die Zigeunerin sie nicht, sondern trieb sie gegen seinen Willen nach kurzem Zusammensein wieder fort. Dem Scharfsinn und der Gewandteit dieses Weibes verdankte er seine glücklichsten Tage, wenn man es ein Glück heissen kann, von gestohlenem Gute zu leben. Aber man trifft nicht jeden Tag einen Markt, um die Taschen zu füllen, auch gelang nicht jeder Marktbesuch. Christine wurde mehrmals gefangen; auch die Ehehändel trennten das Paar oft wochenlang. Wenn es gut ging, so zog er als Krämer mit Pass und Kramkiste durch das Land, verkaufte seine Waren um billige Preise von Haus zu Haus, mied jede verrufene Gesellschaft, herbergte in den besten Gastäusern und war, wie er in der Untersuchung sagte, auf der ganzen Strasse von Mergenteim bis Strassburg als der ehrlichste Kerl bekannt, so dass die Wirte, wie er hinzufügte, sich entsetzlich verwundern würden, wenn sie erführen, dass sie unter dem Namen des ehrsamen Krämers Johann Sigmund oder auch Hermann den Sonnenwirtle aufgenommen haben. Dass seine äussere Erscheinung ihn hiebei aufs beste unterstützte, gestand ihm nicht bloss der Spiegel, sondern sogar ein gedruckter Steckbrief, den zwei Schulteissen einst in der Schenke miteinander lasen, während er selbst ihnen, an ihrem gespräche über den Sonnenwirtle teilnehmend, gemütlich über die Schulter in das Papier blickte: "Und ist vorgemeldter Erz-Gauner", hiess es darin, "fünf Fuss, sieben Zoll gross, gedrungener Gestalt, hat gelbliches Haar, dicken Kopf, feines weisses Gesicht, dicke, runde Backen, volle Waden." Im Bewusstsein dieses ehrbaren Aussehens wagte er einst einem pfälzischen Schulteissen und zwei Jägern, die ihn im Spiel betrogen und ihm seine Pistolen nehmen wollten, mit gerichtlicher Klage zu drohen und dem Schulteissen, als er sich hiedurch nicht schrecken liess, den Hund, den dieser an ihn hetzte, niederzuschiessen. Aber nicht immer liefen die Abenteuer so lustig ab. Oft versiegten alle Erwerbsquellen, oder er wurde von Diebshehlern, welchen er auf seinen Irrfahrten um die gefangene Christine seine Kramkiste anvertrauen musste, um den Inhalt derselben bestohlen. In solchen zeiten musste er Hunger und Kummer leiden und, wie jeder, der sich dem Teufel ergibt, die Erfahrung machen, dass dieser ein Filz ist und dass man mit der Ehrlichkeit auch im schlimmsten Fall so weit kommt als mit dem Gegenteil. Dann griff er zu gefährlicheren Unternehmungen: er liess sich von den Judenbanden im Gebiete des deutschen Ordens anwerben oder sammelte vorüberziehende Genossen zu Einbrüchen unter seiner eigenen Hauptmannschaft, welche aber nie länger dauerte als das einzelne Unternehmen selbst. Auf der Strasse hat er nie geraubt. Sein Geschichtschreiber sagt, er habe sich gegen das Ende seiner Laufbahn Grausamkeiten aus Raubsucht erlaubt; doch habe er auch in seinen schwersten Verbrechen Spuren übriggebliebener Menschlichkeit, Mitleiden gegen arme und Unterdrückte gezeigt, den Grundsatz, nie einen Dürftigen zu berauben, durchgeführt, sehr grosse Almosen gegeben, und den Armen geschenkt, was er den Reichen gestohlen habe. Von wirklichen Grausamkeiten findet sich aber nichts in den Akten, die sehr genau in seine Verbrechen eingehen. Wohl sind Grausamkeiten von den Genossen seiner Taten angeführt, nicht aber von ihm. Auch verdient hervorgehoben zu werden, dass Einbrüche, die seine Genossen ohne ihn unternahmen, mehrmals von scheusslichen Mordtaten begleitet waren, wogegen bei Überfällen, die er leitete oder unterstützte, nie ein Mord begangen worden ist, mit einer einzigen Ausnahme, an welcher er unschuldig war, welche aber seine Heimat noch einmal in Furcht und Schrecken setzen sollte.
Ein Jahr nach dem tod des Fischers, um Ostern, wagte er sich wieder in die Gegend von Ebersbach, schickte die schwarze Christine in die 'Sonne' und trug ihr auf, seinem Vater zu sagen, sie habe einen Unbekannten auf der