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i r t h l e seie, eigentlich aber Friedrich Sehwahn heisse, von Eberspach, Göppinger Amts, gebürtig, 31 Jahre alt und von Profession ein Mezger seie, auch nicht nur an dem sogenannten Fischerhanne zu Eberspach einen Mord begangen, sondern auch sich sonsten hie und da auff vielerlei Art schwehrlich versündiget habe; welches er alles gewissenhaft bekennen und darunter weder Seiner selbsten, noch derjenigen im Geringsten verschonen wolle, welche an seinen Verbrechen teil gehabt, und zum teil in Garlsruhe und Stein, Durlachischer herrschaft, wirklich in Verhaft genommen seien, und das um so mehr, als ihm sein so sündliches als elendes Lehen (bei dem er unterdessen wenig gute Tage gehabt, auch von Hunger, Kälte, und seinen sich dabei gemachten Strapazen entsetzlich viel erlitten) schon lange entlaidet, wie er dann aus diesem Grund nicht nur an den Durlachischen Beamten zu Stain, erst vor 8 Wochen, mit aigner Hand, unter dem Namen Gillch, ein weitläufiges Schreiben, so ihm auch vermutlich richtig werde belüfert worden sein, des Inhalts habe ergehen lassen, dass wann man ihm Gnade versprechen und erteilen wolle, er ihme, dem Herrn Beamten, auf etlichen Jahrmärkten eine damals in der Nähe gewesste Partie von sechzig Mann, so lauter Juden gewesst, und dann wiederum eine andere Partie Spitzbuben von eben so gros- oder noch gröserer Anzahl, welche sich diessund jenseits dem Rhein, bei Gannssheim, Mosshardt und Oberacherach, in den Wäldern auffhalten, und ihre besondere Hüttinen darin haben, ohne allen Anstand in die hände lüffern, und dadurch die ganze Gegend von diesem Gesindel reinigen wolle, sondern auch, da er gehöret, dass seine Herzogliche Durchlaucht in der Retour aus der letzten Campagne durch Mergental passiren werden, er sich zu dem Ende in dem Ort begeben habe, um sich Höchstdemeselben zu Füssen zu werffen, sich zu erkennen zu geben und um Gnade zu bitten; Weil aber Seine Durchlaucht die Stadt nicht passiret, so seie ihm die gelegenheit dazu abgeschnitten worden. – Q. 2. Ob seine beede Eltern noch im Leben? R. Sein Vatter sei noch im Leben, und ungefähr 75 Jahr alt, seine rechte Mutter aber schon vor 15 Jahren gestorben; Nach ihrem Tod habe sich sein Vatter wiederum an eine Frau verheuratet, die wenig Liebe vor ihne und seine Geschwistrigte bezeugt, sehr böss und vorteilhaftig, und eben desswegen viel daran schuld gewesen seie, dass, da er sich in ihren Kopf nicht schicken können, ein Excess aus dem andern bei ihm darüber entstanden, und er zuletzt auf die unglückseligste Abwege geraten. – Dass vorstehende Aussage auf beschehenes Vorlessen von dem Inquisiten nochmalen bestätiget worden, Ein solches bezeugen die Urkunds-Persohnen: Mateus Brecht, Joseph Luypoldt." Der wichtige Fang wurde von dem Oberamtmann sogleich untertänigst einberichtet und, da nach wenigen Tagen die Resolution einlief, dass die Untersuchung in Vaihingen, als in foro deprehensionis, geführt werden solle, mit derselben fortgefahren.

So war denn der Verbrecher aus verlorener gesellschaftlicher Stellung nach kaum dreijähriger Laufbahn ein lebensmüder Gefangener und Verräter seiner Mitschuldigen geworden. Dieser letztere Zug darf am wenigsten übergangen werden, denn es handelt sich hier nicht darum, durch den Aufputz eines Helden der Vorstellung des Lesers zu schmeicheln, sondern die innere Welt eines Menschen aus dem volk darzulegen, damit, wer da will, sich daran spiegeln möge.

Zum Glück ist das Protokoll des Oberamtmanns von Vaihingen nicht die einzige Quelle hiefür. Er war, im geist seiner Zeit, ein gewissenhafter Beamter, persönlich ein Menschenfreund und Ehrenmann, dessen Nachkommen noch heute stolz darauf sind, dass er nicht wie fast alle Regierungsdiener um ihn her, seine Stelle vom Herzog erkauft habe, sondern eher den Dienst aufgegeben als sich zum "Schatullieren" erniedrigt haben würde; aber eine innerliche Auffassung des Lebensbildes, das die Untersuchung vor ihm entrollte, in den Akten niederzulegen, war nicht seines Amtes, und gleich das erste Protokoll zeigt, dass er Inquirent genug war, sich das überraschend freiwillige Entgegenkommen seines Gefangenendem er nicht so leicht beigekommen wäre, wenn dieser nicht selbst, gebrochenen Gemüts, ihm seine Seele in die hände gelegt hättenach den Quadrangeln des Inquisitionsprozesses zurecht zu machen; ein Verfahren freilich, das ihm weniger als seiner Zeit und seinem amt angehört.

Der Oberamtmann hatte einen Sohn, der den Verbrecher täglich, wenn er ins Verhör geführt wurde, sah, die allgemeine Teilnahme der Stadt an den vielen freundlichen Seiten im Wesen des Unglücklichen mitempfand und sich häufig mit ihm unterhielt. Die Familiensage erzählt von ihm, dass er schon als Knabe, wie später noch im Mannesalter, für Cato und Brutus, als die grössten Männer, geschwärmt habe. Aus dem mund dieses Knaben erfuhr der gefallene Sohn des Volkes ohne Zweifel zum erstenmal in seinem Leben, dass es in der geschichte Bürger gegeben habe, welche die Retter oder Verderber ihres Vaterlandes wurden. Als der Knabe ein Mann geworden war und an der hohen Schule seines Herzogs junge Männer bilden half, erinnerte er sich des armen Friedrich Schwan und zeichnete nach der Erinnerung seine geschichte auf, wie er sie aus seinem mund und aus der Nacherzählung erwachsener Männer vernommen hatte. Seine römischen Helden schwebten ihm auch bei dieser Aufzeichnung vor, und er beginnt die ersten Zeilen derselben mit den Worten, der junge Friedrich sei mit ausserordentlichen Anlagen des Geistes ausgestattet gewesen, habe den Keim jeder grossen Tugend und jedes grossen Lasters in sich getragen, und nur von der äusserlichen Lage habe es abgehangen, ob er Brutus oder