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nicht!

Kampf und Wut und Schrecken umnebelten den Geist des ausgestossenen Sohnes der Gesellschaft, der sich vergebens beredete, dass er mit kaltem Blute in dem Kriege, welcher gegen ihn geführt wurde, seinen Feind niederschiessen könne. Seine Rachegedanken waren ihm wüst und unklar durch die Seele gegangen; sie schwanden hin, und gänzliche Verwirrung seiner Sinne blieb zurück, in welcher nichts von Hass und Rache, nichts von Bewusstsein mehr war, in welcher nur jene dunkle stimme fort und fort flüsterte: "Tu's! Tu's! Du musst es tun!"

Der Schuss krachte über das Tal hinüber, der Hirsch war mit einem Satze verschwunden, und der Rauch, der von dem Gewehr aufstieg, verhüllte den friedlich blauen Himmel einen Augenblick. Obgleich von oben nach unten versendet, hatte der Schuss nicht gefehlt. Der Mörder hörte und sah, während der Rauch sich verzog, wie sein Opfer aus der gebückten Stellung sich aufrichtete, die Hand auf den Unterleib drückte und ausrief: "Oh, du verfluchter Hunder hat mich getroffen!" Der Gefährte des Fischers eilte hinzu und riss ihn, noch erschrockener als der Getroffene, mit sich an den Weg hinab, auf welchem er, beständig den Kopf geduckt haltend, mit ihm fortrannte. Der Mörder schritt an seiner Bergseite weiter vor gegen das Tal hinaus und sah mit stumpfer Teilnahme, mit einer seltsamen Art von Neugier aus der Höhe zu, wie die beiden gegen das offene Tal hinausliefen, wie der Fischer, den seine Eingeweide zu brennen schienen, von seinem Genossen unterstützt aus dem Bache trank und wie den Zusammensinkenden ein draussen vorbeikommender Wagen aufnahm. Die Leute liefen im Tale von den Feldern zusammen, und er hörte in seiner waldigen Höhe das Geschrei: "Meuchelmord!"

Es wurde still in dem engen Tal des Todes, so still, dass alle Hirsche des Waldes sich darin hätten versammeln können. Nach einiger Zeit kam eine Kuh langsam aus dem wald den Weg daher. Sie mochte sich von einer nahen, im wald gelegenen Weide hierher verloren haben. Sie lief auf die Wiese, wo der Fischer den Todesschuss erhalten hatte, und begann sich an dem von der Sense verlassenen Grase zu ergötzen.

Wieder verging einige Zeit, da kam ein Mann aus der Tiefe des Tälchens den schmalen Weg dahergegangen, eine vom Alter gebeugte und gebrochene Gestalt. Es war der Sonnenwirt, der in dieser frühen Stunde auf einem benachbarten hof einen Viehhandel abgeschlossen hatte und jetzt dem Tale zuging, um auf den Wiesen im Vorübergehen nach seinen Mähern zu sehen. Sein bleiches, mit tiefen Furchen gezeichnetes Gesicht verriet, dass seine guten Tage gezählt waren.

Er schritt, kummervoll zu Boden blickend, seinen Weg dahin. Da rief eine stimme über ihm, wie mit Donnerton: "Sonnenwirt von Ebersbach!"

Er fuhr zusammen und blickte in die Höhe. War das sein Sohn an dem steilen Waldabhange über ihm? Er stand auf einer Lichtung, so dass die Bäume unter ihm nur bis an seine Brust reichten und ihn als eine Gestalt von übermenschlicher Grösse erscheinen liessen.

"Sonnenwirt von Ebersbach!" rief er, auf sein Gewehr gestützt, "wo hast du deinen Sohn?"

Dem Alten ging ein Schauer durch Mark und Bein.

"Sieh her", fuhr die Erscheinung fort, auf ein junges Bäumchen deutend, das ohne Stütze überhing, und dann auf einen knorrig verkrüppelten Baum daneben: "sieh, wenn ich den jungen Schössling in die Höhe ziehe und ihm eine Stütze gebe, so wächst er aufrecht und lustig fort, aber an dem alten Knorren, der in seiner Jugend versäumt worden ist, ist alle Kunst verloren. Du hast deinem Sohn gesagt, du wollest ihm die Äst abhauen, wenn er zu krattelig werde. An dem alten, verwachsenen Knorren kannst du sehen, wie weit du es gebracht hast. Du hast deinen Schössling üppig aufwachsen lassen, da ihm strenge Zucht nötig war, und zur Zeit des freien Wachstums hast du ihn zu Schanden geschnitten. Dein Bub ist jetzt ein Mann geworden, ein Räuber und ein Mörder. – Lass dein Weib nicht für mich beten, wie sie einmal gesagt hat: ihr Gebet hat keine Kraft. Wenn du aber glaubst, alter Mann, dass du dir mit deinem Handel und Wandel eine Ansprache im Himmel eröffnet habest, dann bete du für mich. – Meine Zeit ist um, Vater, Ihr braucht keine Angst mehr vor mir zu haben, denn es riecht hier nach Blut. Der Abgrund hat sich aufgetan, und ich fühl's, wie ich zusehends tiefer and tiefer hineinsinke. Ich höre rufen: Komm! Und ich komme. Lebt wohl, Vater, mög Euch Gott verzeihenich verzeihe Euch!"

Die Knie zitterten dem alten mann, und er musste sich an dem rand des Weges zu Boden setzen. Erst nach langer Zeit wagte er in die Höhe zu blicken. Die furchtbare Erscheinung war verschwunden. "Ist das mein Sohn gewesen oder –? Was er predigen kann! Hätt ich ihn denn vielleicht einen Pfarrer werden lassen sollen? Dummes Geschwätz! Wenn er ein Räuber und Mörder ist, wie er sagt, so ist er ein schlechter Prediger. Aber ich hab's ja immer gesagt: er ist im Kopf nicht recht."

Mit diesen Worten hatte er s i c h wieder zurechtgefunden. Er erhob sich, schüttelte den Schrecken aus den Gliedern und schickte sich an, das Tälchen, in