nach seinem Kopf geht? Ein Christ muss sich in das schikken, was unser Herrgott über ihn verhängt. Jetzt heul, soviel du willst, heute mein'talben die ganze Nacht da unten. Aber morgen hat's ein Ende mit dem Heulen, oder wenn's dich zu sauer ankommt, so wird dir dein Vater schon ein freundliches Gesicht herausbringen helfen, du weisst, er hat Mittel und Wege. Jetzt gut Nacht, Jungfer Braut."
Die Alte schoss aus dem Gärtchen in das Haus zurück, wie ein unheimlicher Nachtvogel. Friedrich eilte, sich zu seiner Schwester zu gesellen, denn, dachte er, die kann's brauchen. Sie wär in der Dunkelheit leicht zu finden; er durfte nur dem Schluchzen nachgehen, das ihren jungfräulichen Busen zu zersprengen drohte. Stillschweigend fasste er ihre Hand.
Sie hatte ihn nicht kommen hören; erschrocken und zornig riss sie die Hand weg und rief: "Wer ist da?"
"Gut Freund, Schwesterle. Hat der gelbe Drach wieder Gift gespien? Was ist denn das für ein Bräutigam, dem du die alten Knochen wärmen sollst?"
"Ach Gott, der Chirurg!"
"Was! der Zaunstecken?" – Und nun folgte eine Flut von Scheltwörtern, die immer drolliger wurden, so dass das arme Mädchen zuletzt selbst darüber lachen musste. Plötzlich aber fiel sie in das vorige Weinen und Schluchzen zurück und warf die arme um den Hals des lustigen Trösters: "O lieber Bruder!" rief sie – sie mochte nicht Frieder sagen wie die andern, und Friedrich klang ihr zu vornehm, zu gewagt – "lieber Bruder, ich wollt, ich wär bei unserer Mutter! Sieh, ich bin dir die ärmste Kreatur auf der ganzen Gotteswelt! Morgen soll der Verspruch sein, und das ist mein Tod. Ich kann ihn nicht ansehen, er ist mir zu arg zuwider!"
"Soll ich ihn zerbrechen?" fragte er grimmig durch die Zähne.
"Um Gotteswillen, fang keine Händel an! Du würdest mich nur aus dem Regen in die Traufe bringen." Sie schwieg eine Weile und fuhr dann verzagend fort: "Es gibt nur ein einziges Mittel, um aus dem Jammer hinauszukommen."
"Vermutlich. Was denkst du?"
"Ich spring in die Fils, und das noch heute nacht."
Friedrich lachte überlaut. "Du arm's Närrle! Das müsstest du künstlich angreifen bei dem niedern Wasserstand. Nein, das ist nicht der Weg. Ich weiss einen andern – und der wär ganz sicher, sobald man sich fest darauf verlassen könnte."
"Du bist ein leidiger Tröster."
"Ja sieh, Kind, es steht ganz bei dir, und du hast's in der Hand, ob das Mittel zuverlässig sein soll oder nicht. Kannst du dich auf dich selbst verlassen?"
Er sprach diese letzten Worte mit besonderer Stärke, und es lag dabei etwas Geheimnisvolles in seiner stimme, so dass seine Schwester ihn verwundert ansah. "Ich weiss nicht, wo du hinaus willst", sagte sie.
"Der Mensch kann alles, was er will", hob er an. "Heisst das, ich hab mich nicht ganz richtig ausgedrückt. Der Mensch kann n i c h t alles, was er will, denn ich mag wollen, so viel ich will, so kann ich z.B. nicht Tag aus Nacht machen." Er schwieg eine Weile, um seine Gedanken auf der ungewohnten Spur zu sammeln.
"Ja, das kann ich auch nicht", sagte Magdalene dazwischen, mit einem Tone, welcher deutlich verriet, dass ihr das eine brotlose Weisheit dünke.
"Wart nur, ich bin noch nicht auf dem rechten Trumm. Ich hätt eigentlich sagen sollen: der Mensch kann alles, was er n i c h t will."
"Jetzt hör auf!" rief Magdalene unwillig. "Du bist dem Narren übers Säckle kommen. Wenn du mir keinen bessern Rat weisst als solches Kauderwelsch, so muss ich ungetröstet ins Bett gehen."
"Ich schwitz wie ein Magister", sagte er. "Ich möchte dir das Ding recht glatt eingeben und bring's nicht richtig heraus. Aber halt, jetzt geht's. So hätt ich sagen sollen: was der Mensch nicht haben will, das kann er sich vom Leib halten."
"Da, halt uns den Regen vom Leib, weil du so ein überstudierter Kopf bist", sagte Magdalene spottend.
Es fing nämlich soeben zu tröpfeln an.
"Gegen den Regen sind Schirme gewachsen, oder auch zum Beispiel die Laube dort. Komm, wollen uns drin bergen, denn es macht nicht bloss nass herunter, sondern auch recht kühl, und ich bin noch lang nicht fertig."
Die beiden Geschwister gingen miteinander nach der Laube. Sie wär noch sommerlich genug überrankt, um vor dem Regen zu schützen, der jetzt in grösseren Tropfen auf die Blätter niederschlug.
"Den Regen kann man sich allerdings vom Leib halten, wenn man irgendwo unterzustehen vermag", fuhr Friedrich fort. "Aber ich sehe jetzt doch, dass mein Gleichnis nicht auf alles passt. Denn, wenn mich zum Beispiel ein Blitz trifft, so kann ich ihn nicht –"
"Behüt uns Gott!" unterbrach ihn seine Schwester. "Unberufen, unberufen, unberufen!" – Nachdem sie sich beeilt hatte,