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den Tau von dem gemähten Heu, das in grossen Haufen auf dem feld lag, so dass bald ein süsser Duft sich mit den Morgenlüften mischte, jener Duft, der vor allen anderen den Menschen mit heimatlichen Empfindungen erfüllt. Der Geächtete sog ihn gierig ein, und Tränen traten in seine müden Augen. Wie oft hatte er da unten als Knabe mit anderen Knaben, die jetzt sich verabscheuend von ihm wandten oder mit der Mordwaffe seine Spur verfolgten, in dem aufgeschichteten Heu sich gewälzt und vor Freude gejauchzt! Von dem Vorsprung, auf dem er stand, konnte er in seinen Flecken hineinsehen und die Giebel der Häuser erkennen, an welchen seine Erinnerungen hafteten. Dort, von den Erlen des Flüsschens überragt, stand das Haus, das ihn geboren, das nach dem rechten Laufe der Dinge ihn als Erben hätte behalten sollen. Hier, am Ende des Flekkens, stand das Haus der Armut, wo seine Kinder waren, wo er den schwarzen Faden angeknüpft hatte, der sich auf seinem Lebenswege immer fester um seine Füsse wand. Und dort weiterhin sah er den Giebel des Ratauses, wo ihm aus diesem Faden die Stricke gedreht wurden, die ihn immer weiter von der bürgerlichen Gesellschaft losrissen. Dort war seine erste Christine diese Nacht im Gefängnis gelegen und befand sich jetzt wohl schon auf dem Wege, zu stark verwahrt, als dass er sie hätte befreien können. Und wenn ihm auch ein kühner Streich gelänge, er konnte ja doch den Kindern nicht die Mutter wiedergeben, und der Vater war auf lange, vielleicht auf immer, von ihrer Schwelle verbannt.

Doch war es nicht dies allein, was seinen blick an die grauen Giebel fesselte: es war der wunderbare Zug nach der Heimat, den seine heimatlosen Gesellen nicht verstanden. Seltsamer Drang des Herzens! Keine heimische geschichte, vom Mund des Grossvaters auf den Enkel fortgepflanzt, keine alte Volkssitte lebte in diesem nüchternen Orte, woraus das Gemüt des Knaben Nahrung und dankbare anhänglichkeit hätte schöpfen können, und doch zog es den reifenden Mann aus der Öde der Verbannung immer wieder nach der kargen Heimat zurück. Sie hatte ihn ausgestossen und von sich gespien, sie fürchtete sich vor ihm wie vor dem wilden Tiere, das aus den Wäldern hervorbricht; er fluchte ihr und drohte ihr mit Mord und Brand: und doch kam er immer wieder nach ihr zu schauen, und in seiner kindisch unverdauten Weise war er mehr als auf jede krieges- oder Friedensneuigkeit darauf erpicht, zu wissen, was man in Ebersbach von ihm sage, obgleich er sich die Antwort selbst geben konnte, die ihn immer wieder mit Wut und Hass gegen die Menschheit erfüllte.

Wut and Hass traten auch jetzt wieder an die Stelle der Wehmut; ohnmächtige Racheblicke sendete er hinab, und sein abgehetztes Hirn begann zu wirbeln, so dass er sich dem Wahnsinn nahe fühlte und es geraten fand, sich mit der Jagd nach wild eine Beschäftigung aufzuerlegen, um der Hetzjagd seiner Gedanken zu entgehen. Auch war es Zeit für ihn, das Feld zu räumen, denn die Mäher kamen da und dort aus dem Flecken gezogen, und ihre Sensen blitzten in der Sonne. Bald gehörte die Welt, mit Ausnahme der Waldwinkel und Diebsherbergen, wieder den Menschen, die in den Schranken des Lebens blieben und sich unter das Gesetz beugten. Sein Platz war nicht mehr hier, und wenn er dem Lichte des Tages zu trotzen wagte, so durfte er sich bald wieder auf das wilde Geschrei der Menschenjagd gefasst halten.

Er ging in den Wald und zog aufmerksam spürend einen grossen Bogen, der ihn zuletzt wieder, eine gute Strecke unterhalb seines Vaterortes, gegen das Tal herausführte. Er befand sich hier an einer steilen Bergseite über einem ganz engen Seitentälchen, das in der Urzeit nur eine Schlucht gewesen war. Ein dünnes Bächlein rieselte durch den Grund nach dem grösseren Tale hinaus, und neben dem Bächlein lief ein schmaler Weg hin, kaum für kleine Fuhrwerke befahrbar. Das Bächlein und der Weg füllten den Grund des kleinen Einschnittes völlig aus; über dem Bächlein hing der steile Bergwald, wie eine beinahe gerade Wand, und von dem rand des schmalen Weges an stieg die entgegengesetzte Wand, sich sanfter zurücklehnend, nach der Anhöhe empor, die das grössere Tal begrenzte. Auf dieser nicht so steil geneigten Seite zogen sich Wiesenstücke vom Tal herein und von der Höhe herab bis an den Rand des Weges, aber von Wald unterbrochen, der sich an einzelnen Stellen von der steilen Bergwand her über das Bächlein auch auf die andere Seite verbreitet hatte, so dass der schmale Weg sich oft im wald zu verlieren schien. Das Tälchen war so still, dass das wild hier oft bis an den Weg herunterkam, um aus dem Bächlein zu trinken.

Er zog sich an der steilen Bergseite hin und geriet in eine Vertiefung, die von oben nach dem Tälchen herablief, wie sie, vom volk Klingen genannt, in den vielfach eingeschnittenen Bergwäldern sich häufig finden. Ein Erdaufwurf, mit Moos und Waldgras bewachsen, hinderte seinen Schritt. Er blieb stehen und besann sich. "Richtig!" sagte er, "hier am Kirnberg, weit ab von ihrer Gemeinschaft, haben sie dich eingescharrt, armer Küblerfritz! Wenn einer des weges daherkommt, so geht er gewiss scheu vorüber und denkt in seinem Herzen: Herr, ich danke dir, dass ich kein, solcher bin. Bei Nacht wird sich vollends gar keiner herwagen, und doch bleibst du sicherlich auf deinen trotzigen Ellbogen ruhig liegen, denn