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verwandelt und entstellt sein ursprünglich gutes Gemüt war, so konnte er sich doch dem Eindringen der Wahrheit nicht entziehen, die aus diesen Worten hervorleuchtete: die erste grössere Rachetat, womit er die von der bürgerlichen Gesellschaft erlittenen Unbilden zu vergelten meinte, hatte einen Gerechten getroffen.

Er sprach wenig mehr und überliess den Hüter bald der ohne Zweifel willkommenen Einsamkeit, indem er sich wieder in den Wald aufwärts zog.

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Ruhig lag die Welt, wie ein eingewiegtes Kind. Das Gewitter hatte den schwülen Druck des Sommers hinweggenommen, und in der freundlichen Kühle atmete alles Wesen auf. Die Felder ruhten von des Tages Hitze, und durch die Blätter des Waldes ging ein frischer, sanfter Hauch, dass sie nur leise wie im Traume zitterten. Die Menschen schlürften in bewusstloser Wonne den Segen dieser milden Nacht, die selbst dem Fieberkranken wieder einmal Ruhe und Frieden schenken konnte.

Einer aber schlief nicht. Er bettete sich unter dem dichtesten Gesträuch, wo nicht einmal ein wild hinkam, legte den Arm über eine Baumwurzel und bereitete sich so sein Kopfkissen; aber der Schlaf, den er hundertmal auf rauherem Lager gefunden hatte, wollte ihn nicht besuchen. Er drückte die brennenden Augen in das feuchte Moos, aber sein von langer Schlaflosigkeit gequälter Kopf hörte nicht zu summen und zu dröhnen auf. Das Flüstern der Blätter störte ihn; es war ihm, als ob sie sich etwas von ihm erzählten. Er brach wie ein gescheuchtes wild durch die Zweige, floh aus dem wald heraus und irrte durch die Äcker und Wiesen, die am Abhang der Anhöhe lagen. An einer Stelle setzte er sich auf den Markstein, an einer anderen legte er sich in das kühle Gras, wo es noch nicht von der Sense berührt war, denn seine Glieder waren von Ermattung wie zerschlagen; aber sein Körper fand die Ruhe nicht, die seiner Seele fehlte. Er hörte vom Tale herauf den Schlag der Glocke und den Ruf des Wächters in regelmässigen Absätzen, die den unerbittlichen gang der Zeit verkündigten. Er sah den Mond über den Himmel wandeln und seinem Ziele näher und näher sinken; an seinem weiten Wege konnte er sehen, wie lange schon die Welt der Ruhe pflegte, die ihn floh. Die Sterne glänzten in der herrlichen Sommernacht wie eine goldene Schrift auf dunkelblauem grund; aber mit seinem stumpfen blick konnte er sie nicht lesen, und kopfschüttelnd ging er nach dem wald zurück.

Sein ganzes Schicksal zog in dieser Nacht an seiner Seele vorüber; die Vergangenheit schmerzte, stachelte ihn, und die Zukunft hing wie eine wetterschwangere Wolke vor seinem Auge. Es sah wüst und wild in seinem inneren aus. Vermöge seiner Anlagen und seiner Erziehung wusste er recht wohl zu unterscheiden, was gut und böse sei, und diese Erkenntnis redete zu ihm in der Sprache der überlieferten Religion, die er mit der Muttermilch eingesogen hatte. Obwohl er mit der Kirche oder vielmehr mit dem Pfarrer haderte und das Maulchristentum der meisten um ihn her verachtete, so war er doch kein Freigeist; woher hätte er auch, der ungeschulte Denker, das Zeug dazu nehmen sollen? Er glaubte fest an seinen Heiland, wie alles um ihn her, und seine von Not und Schuld gepeinigte Seele schrie oft gegen Himmel auf; aber er war das Kind eines aus hartem Stoffe geschaffenen Volkes, das oft das zarteste Gebet und den rohesten Fluch beinahe in einem Atem auf die Lippen bringt. Ein beissender Witz, ein Anreiz zur Lebenslust oder eine Wallung des Zornes konnte die erschütterndste wirkung des Heiligen im Nu verwischen, und seine Anklage gegen die Welt, dass sie nicht nach den Geboten des Glaubens lebe, lieh auch ihm die Entschuldigung, dass ein echtes Christentum die Kräfte des Menschen übersteige. Dennoch brannten ihn jene frommen Lehren, welche ihm am eindringlichsten von seiner Mutter eingeprägt waren, wie mit Flammenschrift in seine Seele, die verzagend ihr Verdammungsurteil in ihnen las. Er konnte es sich nicht bergen, dass er von einer verworfenen Tat herkam und einem verworfenen Leben entgegenging, in welchem nicht mehr bloss augenblickliche Not oder leidenschaft vorübergehend das Schiffchen mit einem missfarbigen Einschlag durch das Gewebe trieb, nein, in welchem das Verbrechen als alltägliches Handwerk in seiner kalten Gemeinheit waltete.

In dieser schweren Nacht gedachte er an jene biblische Erzählung von dem Erzvater, der im Traume eine Leiter auf der Erde stehen sah, die mit der Spitze bis an den Himmel reichte; die Engel stiegen daran auf und nieder, und Gott selbst stand oben darauf. Ihm nahm das Traumgesicht die entgegengesetzte Richtung: er sah endlose Stufen in die Tiefe führen; der Weg hinab war leicht, aber die Rückkehr abgeschnitten; schon war er weit hinuntergestiegen, und jetzt reichten ihm seine Genossen die hände und tanzten lustig lachend immer tiefer mit ihm hinab. Die verführerische Gestalt der Gefährtin seines Verderbens winkte ihm, die Tochter einer gesetzlosen Welt erschien ihm wie eine schöne Tigerin, die mit heisser Zunge an seinem Herzen leckte. Mitten im Grausen der Verworfenheit empfand er den Reiz, der ihn zu ihr hinzog, und seine Sinne riefen ihm zu, die Lust des Lehens noch recht zu kosten, wenn er denn doch rettungslos verloren sein solle.

Er schweifte in weiten Kreisen vom feld in den Wald und vom wald in das Feld zurück; aber weder im Feld noch Wald wuchs das Kraut, das den fieberischen Aufruhr seines Blutes heilen konnte.

Der Morgen kam, und endlich ging auch die Sonne über den Bergen auf. Höher steigend schien sie in das breite Tal hinein und trocknete