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dass man auch Augen im Kopf hat, so gut wie sie. Ich glaube, wenn ich bei ihnen wär, ich tät bald mit ihnen wetteifern, nur nicht in Börtlinger Geschichten, denn so viel wird dir dein eigenes Herz sagen, dass das etwas ganz anders ist, als alles, was du früher getan hast. Die leute sagen schon lang von dir, du habest einen Bund mit dem Teufel. Ich hab's nie glaubt; auch müsst er nicht besonders spendabel sein, wenn's wahr wär. Aber bei so Unmenschen musst du dem Teufel verfallen."

"Ich hab nur mitgetan, weil mich ein gegebenes Wort gebunden hat", erwiderte er. "Ich tu's nicht mehr. Es gibt andere Mittel und Wege."

Sie waren an der Ruhebank angekommen. Sosehr Christine eilte, so erklärte sie doch, sie müsse ein wenig sitzen, denn die Knie zittern ihr vor Müdigkeit und Bekümmernis. Nun sass sie an derselben Stelle, wo kurz zuvor ihre Namensschwester gesessen. Welch ein ganz anderes Bild bot sich ihm jetzt in den grauen Schatten des Abends dar! Die Waage musste zuungunsten des armen, bleichen, vor der Zeit alternden Weibes hoch emporsteigen, wenn er sie mit jenem von Schönheit und Jugend strahlenden Geschöpfe der Wüste verglich.

Er fühlte dies und kämpfte dagegen an. Er wollte dem weib seiner Jugend Wort halten, und wenn er die Unmöglichkeit selbst überwinden müsste. Leidenschaftlich rang er mit ihrem Entschlusse, bat, drohte, tobte, fluchte. Sie blieb fest. "Du kannst mich erschiessen", sagte sie, "aber ich tu's meinem rechtschaffenen Vater unter dem Boden nicht zuleid, dass ich zu dem Gesindel ging."

"Du weisst", sagte er grollend, "dass mir die Welt nach allen anderen Seiten hin verbaut ist, und jetzt auf dem einzigen Wege, den ich noch gehen kann, willst du mich verlassen! Ist das deine Liebe zu mir?"

Sie fiel ihm laut weinend um den Hals und zog ihn auf die Steinbank zu sich nieder. "O Frieder!" rief sie, "ich hab dich liebgehabt wie kein' Menschen sonst in der Welt und hab dich heute noch lieb. Sieh, ich weiss wohl, ich bin dein Unglück gewesen von Anfang an. Wenn ich nicht gewesen wär, so wärst nie auf die Weg kommen. Aber deine Liebe und Treue zu mir hat dich ins Verderben geführt, immer tiefer und tiefer. Wenn ich dir's damit lohnen könnt, dass ich für dich stürb, o wie gern! Aber mut mir nicht zu, dass ich mit dir in d i e Welt gehen soll, tu's um deinetwillen nicht. Du kannst mich nicht brauchen, ich wär auch da eine Sperrkette für dich, wie ich's immer gewesen bin, und da noch weit mehr. Da wär's bald so weit, dass du mich verstossen müsstest und die andere nehmen, die zu so Sachen mehr Schick hat als ich."

"Nie!" rief er. "Wenn du bei mir bleibst, so sollst du sehen, dass mir keine andere an die Seite kommt. Aber das erklär ich dir offen: wenn du von mir abfällst, so schlag ich mich zu der anderen Christine, denn sie heisst wie du und hat mich lieber als du."

"Tu's nicht, Frieder, tu's nicht!" rief sie ihn umklammernd. "Ich säh dich ebensogut in der Hand deiner Stiefmutter. Ich will nicht sagen, sie mein's nicht in ihrer Art gut mit dir, aber wohin wirst du an ihrer Hand geraten? Sieh, wenn du ein Schritt hundert oder zweihundert von der Bank da vorgehst, so siehst so weit ins Tal, dass du den Ebersbacher Galgen ins auge fassen kannst. Wie lang meinst du denn, dass du's auf d i e Art treiben könnest? Eins, zwei, drei Jahr, wenn's hoch kommt, und dann nimmt's ein schrecklich's ende. Oh, Frieder! Frieder! dass ich d a s voraussehen muss! Gibt's denn gar sonst kein' Ausweg mehr für dich?"

Sie fasste seinen Kopf mit beiden Händen und küsste ihn unter fortwährendem Schluchzen, das ihr die Brust zu zersprengen drohte, so inbrünstig, wie er nie einen Kuss von ihr empfangen zu haben glaubte, und ihre Tränen brannten auf seinen Wangen. Er war erschüttert. "Könnt ich einen finden", sagte er, "ich tät's dir zulieb." Er starrte gegen das Gebirge hin, das jetzt nur noch als eine graue Linie zu erkennen war. "Versuch's einmal", sagte er endlich, den Büchsenranzen neben sie auf die Bank legend, "ob du nicht die Sachen da drin verkaufen und mir einen Lehrbrief dafür anschaffen kannst, mit dem ich mich ausweisen könnte. Wenn ich unter eine Armee ginge, so wäre vielleicht in etlichen Jahren manches vergessen –"

"Drauf! Drauf!" schrie es hinter ihnen. Sie fuhren auf und sahen sich von Streifmannschaft umringt, welche aus dem wald hervorgebrochen war, und rechts und links auf sie eindrang. "Halt dich fest zu mir!" rief er, hatte im Nu die schwächste Seite der Angreifer, die ihm nach dem wald zu entkommen erlaubte, ausgespäht und warf sich mit angeschlagenem Gewehr