du zurück", sagte er. "Ich gehe grad auf dem Weg hier fort nach dem Waldsaum da drüben."
"Wo du dich hintraust", versetzte sie, "da geh ich mit. Ich begleite dich bis an den Hof und überlasse dich dort deinem Stern oder deinem Unstern."
Sie gingen zusammen weiter. Er befand sich allerdings in einer Gegend, die für ihn nicht sicher war, die er sehr gut kannte. Eine kurze Wanderung auf der sich gegen den Talrand senkenden Anhöhe würde ihm sein Heimattal gezeigt haben. Er erkannte es an dem jenseitigen Höhenzuge, von welchem der obere bewaldete teil zu sehen war. Er warf einen finsteren blick nach der Stelle, wo unsichtbar für das Auge sein Vaterort drunten lag, und wandte sich zum Weitergehen, als er bemerkte, dass Christine, jeder Besorgnis Trotz bietend, auf einer steinernen Ruhebank Platz genommen hatte. Ihre Augen flogen wie trunken ins Weite. Er folgte mit seinem blick und sah jetzt erst den wundervollen Anblick, der sich ihnen bot. Der Albgebirg in seiner ganzen Ausdehnung stieg über die niedrigeren Höhen empor, die sich vor ihm lagerten. Das fliehende Gewitter hatte seine letzten Wolken im Westen gesammelt, wo die Sonne unterging. Man sah sie nicht, aber durch die Wolken sendete sie nach dem Gebirge ein zauberhaftes Licht, das nach und nach die ganze Kette heimzusuchen kam. Im äussersten Westen begann das Schauspiel, und Achalm und Neuffen mit ihren Mauern und Felsen glänzten auf. Dann lief das Licht am Gebirg herüber und in die tiefsten Taleinschnitte hinein, die sonst ununterscheidbar im Ganzen verschwammen, so dass jetzt in ihrem Hintergrunde die fernsten Felsen wie Diamanten blitzten und das Grün der Wälder wie in einem warmen Rauche leuchtete. Nach einigen Augenblicken sank die beleuchtete Stelle in eine graue Masse mit dem übrigen Gebirge zurück, während der wunderbare Strahl immer weiter wanderte, bis er endlich im letzten Osten der Bergkette erlosch. Nun aber spiegelte sich hinter dem Staufen und Rechberg das Dunstbild der unsichtbaren Leuchte, von welcher der Zauberschein herkam, so dass dort in einem dichten Purpurrauche eine zweite Sonne auf- und unterzugehen schien.
Er wusste nicht, ob er wachte oder träumte; die Welt war ihm neu, und er glaubte, sie, obgleich kaum eine Stunde von seinem Geburtsorte entfernt, zum erstenmal zu sehen. Er heftete den blick wieder auf seine Genossin, durch deren Augen er dieses Liebesspiel der Sonne mit einem Fleck der Erde, den er seine Heimat nannte, erschaut hatte, und siehe, auch sie hatte der Lichtstrahl in seinen blendenden Bereich gezogen. Er hing bewundernd an ihrem Anblick, da kehrte sie ihm das braune, in rötlichem Schimmer strahlende Antlitz zu und rief: "Du bist ja ganz von Glanz umflossen!"
"Auch ich?" fragte er verwundert.
"Wir sind bei der Frau Sonne zu gast", sagte sie, "wir Kinder des Waldes haben darin viel vor den anderen Menschen voraus. Aber komm, es muss nun einmal sein."
Sie gingen dem gegenüberliegenden wald zu und verfolgten einen durch denselben gehenden Weg, bis sie in der Nähe des Hofes angelangt waren, wo er die blonde Christine untergebracht hatte.
"Hier scheiden sich unsere Wege", sagte die schwarze Christine. "Und nun hör noch eins. Ich weiss, dass du mich lieb hast und dein Herz schwer von mir losreissen wirst; deshalb will ich dich nicht an mich locken, wie ich wohl könnte. Aber dein Herz wird dir selbst sagen, wie es um uns steht. In ihr hast du nur dich selbst geliebt, deinen eigenen Willen, in ihr hast du nur dir selbst Wort gehalten. In mir liebst du etwas anderes."
"Ja, den Teufel!" murmelte er. "Und doch bist du mir soeben wie ein Engel des Lichtes erschienen."
"Nenn's, wie du willst. Wenn du sie zu uns mitbringst, so wirst du bald sehen, dass du auf mich vor allen bauen kannst. Folgt sie dir nicht in das neue Leben, dessen tür du, wie dir selbst bewusst sein wird, unwiderruflich aufgestossen hast, folgt sie dir nicht, wie das Weib dem mann folgen soll, und du gibst deinem Herzen Gehör – wohlan, du weisst genug und ich habe mich schon zu viel angeboten. Unsere Tage hier sind gezählt. Wenn du willst, kannst du uns finden."
Sie grüsste leicht mit der Hand und war im Wald verschwunden.
35
Christine war nicht da. Sie sei diesen Nachmittag fortgegangen, hörte er von ihrer Wirtin, und habe gesagt, sie müsse nach ihrem mann sehen und ihre Kleidungsstücke holen. Sie habe vorher eine Zeitlang in der Bibel gelesen, und sei dann auf einmal aufgebrochen. Er setzte sich verdrossen vor das noch aufgeschlagene Buch und las mühselig in der Dämmerung: "Ich suchte des Nachts in meinem Bette, den meine Seele liebt; ich suchte, aber ich fand ihn nicht." Es war das hohe Lied, das in dunkler, aber zündender Sprache von zwei verbundenen Herzen, die sich suchen und wiederfinden, erzählt. Obgleich die von der Kirche hinzugefügten Überschriften diesem berauschenden Klag- und Jubelliede eine ganz andere Auslegung gaben, so schienen doch seine Flammenworte Christinens Herz in der Einsamkeit ergriffen und mit jenem Weh angefüllt zu haben, von welchem das Lied selbst sagt: "Liebe ist stark wie der Tod, und Eifer ist fest wie die Hölle; ihre Glut