Mensch? Was dröhnsest da so lang?"
Magdalene antwortete mit stockender und gedrückter stimme.
"Was? Ich will nicht hoffen, dass du heulst!" fuhr die Stiefmutter sie an.
Das Mädchen schwieg.
"Was hast du denn?" fragte die Alte hart und lieblos weiter. Als das Mädchen abermals keine Antwort gab, rief sie: "Das muss was Besonders sein. Der Herr suche mich nicht so schwer heim und lasse mich's nicht erleben, dass du dich am ende gar vergangen haben wirst."
"Oh, Mutter", rief Magdalene, die hier plötzlich ihre stimme fand, "wie könnt Ihr mich so verschänden! Ihr solltet Euch der Sünde fürchten, so etwas so laut vor der Nachbarschaft zu sagen, da Ihr doch wisst, wie ungerecht Euer Gerede ist. Ihr müsst's ja selber am besten wissen, dass ich Euch niemals aus den Augen gekommen bin."
"Nun, nun, ich will ja weiter nichts gesagt haben, als dass das Heulen und Aunxen überflüssig ist, wenn man ein gut Gewissen hat."
"Mein Gewissen ist gut", erwiderte Magdalene unmutig. "Wenn nur auch alles andere so gut wäre."
"Ei was, es steht alles gut. Mach jetzt nur, dass du ins Bett kommst. Du musst morgen mit hellen Augen und roten Backen aufstehen, weisst wohl, warum."
"Oh, Mutter, seid barmherzig und bringt den Vater auf andere Gedanken! Auf meinen Knien wollt ich Euch anflehen, wenn ich wüsste, dass es bei Euchanschlüge."
"Still mit den Narreteien da!"
"Mutter, ich hab einen Abscheu vorm Heiraten. Ichwill Euch bei den höchsten drei Namen schwören, ledig zu bleiben mein Leben lang."
"Damit wär mir gedient!" rief die Stiefmutter mitöhnischem lachen. "Was ein recht's Mädle ist, dashat eine wahre Begier aufs Heiraten und kann nichtbald genug eine eigene Haushaltung überkommenwollen, um darin tätig und fleissig zu sein nacheigenem Sinn. Ein recht's Mädle sucht seinen Elternvom Hals zu kommen, sobald es kann, und willnicht als eine unnütze Brotesserin zu Haus auf derfaulen Haut liegen."
"Lieg ich auf der faulen Haut?" entgegnete Magdalene vorwurfsvoll. "werde ich nicht gepudelt vom frühen Morgen bis in die späte Nacht? Hab ich dasbissle Essen nicht so gut verdient, wie wenn ich Eure Magd wär?"
"Nun, so sei froh, dass du jetzt bessere Tage kriegst."
"Ich will keine bessere Tage, ich bin ja zufrieden. Ich will noch härter arbeiten, will Euer Kehrbesen sein und Eure Ofengabel, will schlumpen und pumpen, nur lasst mich bleiben wie ich bin."
"Das wär ein Kunststück! Bin ich eine Hex? Kann ich dich halten, dass du bleibst, heute wie gestern, und morgen wie heute? Kann ich's verhindern, dass du eine alte Jungfer wirst?"
"Eine alte Jungfer kann auch in Himmel kommen."
"Ja, aber durchs Nebentürle. Und jetzt hör auf mit dem Geschwätz. Es ist eine Ehr für dich, dass dich der Chirurgus nehmen will, so ein Herr! Wart, wenn du an seinem Arm daher stratzen kannst, das wird eine Hoffärtigkeit sein! Du verdienst's gar nicht, dass es so hoch hinaus soll mit dir!"
"Freilich verdien ich's nicht! Er soll eine andere nehmen, meinetwegen die verwitwete Herzogin, die tät vielleicht besser für ihn passen."
"Was hast du gegen den Chirurgus?" rief die Sonnenwirtin zornig. "Was kannst du wider ihn sagen?"
"O Mutter", begann das Mädchen nach einer Weile mit bebender stimme, "denkt an Eure eigene Jugend zurück – er ist so alt – und so –"
"Du wüste Strunz du!" rief die Sonnenwirtin. "So, da liegt der Has im Pfeffer? Der Ehstand ist eine christliche Anstalt, dem Herrn zum Preis, und nicht für Üppigkeit und Fleischeslust. Wenn du so liederliche Gedanken hast, so bet, dass sie dir vergehen, oder behalt sie wenigstens bei dir und schäm dich. Wenn die leute wüssten, dass du so fleischlich denkst, sie täten mit Fingern auf dich zeigen."
Magdalene schluchzte: "O Mutter, Mutter!"
"Ja, Mutter!" spottete jene. "Ich weiss wohl, was Jesus Sirach einer Mutter einschärft im Sechsundzwanzigsten: 'Ist deine Tochter nicht schamhaftig, so halte sie hart, auf dass sie nicht ihren Mutwillen treibe, wenn sie so frei ist. Wie ein Fussgänger, der durstig ist, lechzet sie und trinket das nächste wasser, das sie krieget, und setzet sich, wo sie einen Stock findet, und nimmt an, was ihr werden kann.'"
"Passt das auf mich? Ich will ja lieber gar keinen?" rief Magdalene laut weinend.
Ohne sich irremachen zu lassen, fuhr die Sonnenwirtin fort: "Ich bin auch jung gewesen, aber in der Furcht Gottes, und so freches Zeug ist mir nicht im Schlaf eingefallen, geschweige dass es mir über die Lippen gekommen wäre. Dein Vater, wie ich ihn genommen hab, ist auch kein heurig's Häsle mehr gewesen. Im Gegenteil, dein Bräutigam ist dir noch näher im Alter. Wo ist der Mensch, dem's in der Welt