Bettelmelcher. "Das ist das Dorf Hohenstaufen, wo sie seit alter Zeit grosse Freiheiten haben und wie Männer zusammenstehen. Wenn du einen angreifst, so hast du gleich den ganzen Schwarm auf dem Hals. Das ist in den edelmännischen Ortschaften anders: dort wohnt meist Bettelvolk, das sich die Haut voll lacht, wenn einem vermöglichen Nachbar ein Malheur passiert."
"In den alten Schlössern mag man doch sicherer gewohnt haben", bemerkte der Zigeuner, nachdenklich auf die Steintrümmer blickend, die den naheliegenden Gipfel des berges bedeckten und die Abendsonne durch ihre Risse und Lücken scheinen liessen. "Das mag wohl auch schon lang her sein. Wer hat wohl vorzeiten hier gehauset?"
Diese Frage war jedoch selbst dem gelehrten Bettelmelcher zu hoch. "Ich weiss es nicht", sagte er, "vermutlich Räuber, die, wie es in den alten zeiten Mode war, von ihrem Berg ins Tal hinunterspähten und die vorbeiziehenden Kaufleute überfielen."
"Blitz! das war kein übles Geschäft!" rief Schwamenjackel: "da kann man auf einen Zug einen guten Fang tun. möchte wohl auch einmal dabei sein."
"Gelt, wenn die reichen Augsburger und Ulmer auf die Frankfurter Messe ziehen?" fragte Bettelmelcher.
"Oho!" lachte der Ebersbacher Bürgerssohn. "Da lass dir nur die Lust vergehen. Ich hab's oft mit angesehen, wie die mit ihrem Geleite das Filstal herunterziehen. Von Ulm werden sie an Württemberg überliefert und von einer stattlichen wohlbewaffneten Mannschaft in die Mitte genommen. Da könntest du dir die Zähne ausbeissen."
"Ja, ja, so ist es immer!" bemerkte der Zigeuner. "Den grossen Dieben ist nicht beizukommen."
"Es gibt auch mittlere", versetzte Bettelmelcher. "Komm", sagte er, den neuen Freund bei der Hand nehmend, und führte ihn auf die andere Seite des berges. Die übrigen folgten und sammelten sich um sie. "Du siehst das Dorf da drunten, links über Wäschenbeuren hinaus?"
"Wohl, das ist Börtlingen."
"Dort", fuhr Bettelmelcher fort, "wohnt ein Schulteiss, den du in dein Gebet einschliessest, sooft du über die Falschheit der Welt fluchst. Er ist ein Heuchler, ein Kopfhänger, ein Wucherer, und das ist die beste Seite an ihm, denn er hat brav Geld. Von seiner Lieblosigkeit gegen seine Nebenmenschen kann ich selbst Zeugnis ablegen, denn ich hab einmal bei ihm gebettelt, was die beste gelegenheit zum Auskundschaften ist, und bin von ihm mit dem Bescheid weggewiesen worden, ich sei ein fauler Tagdieb, solle sehen, dass ich was zu arbeiten bekomme. Bist du dabei, wenn wir ihm heute nacht einen Besuch machen?"
"Ich halte mein Wort", erklärte Friedrich mit entschiedenem Ton, die Stirn zusammenziehend.
"Das Haus steht in den Gärten, es sind nur drei Personen drin, er, seine Frau und seine Magd. Wenn man alert drauf losgeht, so ist wohl beizukommen. An Händen fehlt es nicht, für den Fall, dass im Dorf Lärm entstehen sollte. Wir sind unsrer sieben Genossen, und einige vornehme darunter, die du noch nicht kennst. Ich darf dir nur einen verraten, das ist der Amtmann von Adelberg –"
"Was?" rief der Angeworbene lustig lachend. "Den Börtlingern bricht ihr eigener Amtmann ein? Das geht ja noch über den Pfarrer von Dinkelteim. Geh, es wird auch wieder ein abgedankter sein."
"Es ist der abgekommene Amtmann Hallwachs von Adelberg, den man wegen eines Rests oder so was abgesetzt hat. Du wirst ihn mit eigenen Augen sehen."
"Gleichviel, ich hab's einmal versprochen und bin dabei, wenn auch der Amtmann von Ebersbach selber dazu käme."
"Um zehn Uhr heute nacht wollen wir im wald beim Wäschenschlösschen zusammenkommen und von dort den Zug antreten", sagte Bettelmelcher zu den anderen. "Ist's euch recht?"
Alle drei riefen: Ja! Der scheele Christianus zog den Hut über das blinde Auge herab und machte sich zum Aufbruch fertig. "Ich will vorher noch ein wenig schlafen", sagte er. Bettelmelcher und Schwamenjakkel sprachen die gleiche Absicht aus und redeten ihrem dritten Genossen zu, der Ruhe mit ihnen zu pflegen. Dieser aber erwiderte, er habe noch einen gang zu tun.
"denke doch dran, dass du die ganze Nacht aufgewesen bist", sagte die schwarze Christine zu ihm. "Gönn dir doch ein wenig Schlaf."
Bettelmelcher witzelte über diesen Zuspruch.
"Oh, ich weiss wohl, wo er hingeht!" rief sie.
"Die Liebe brennt heiss", sagte Bettelmelcher, "aber das Feuer der Eifersucht ist noch weit grösser."
"Ich eifersüchtig?" rief sie und war mit einem Sprung verschwunden. Man hörte sie den Berg hinunter lachen.
"Um zehn Uhr stoss ich zu euch", sagte er zu den drei Männern, welche hierauf gleichfalls den Berg hinabstiegen.
Er wählte einen Fussweg, der, ohne das unter dem Gipfel liegende Dorf zu berühren, am Hohenstaufen hinführte und nach dem wald hinablief. Unterwegs musste er von Zeit zu Zeit unwillkürlich stehenbleiben und nach dem Orte hinblicken, der diese Nacht der Schauplatz einer Tat sein sollte, welche sich, das fühlte er wohl, von allen seinen bisherigen Übertretungen stark unterschied. Das bedrohte Dorf lag, von Obstbäumen umgeben, wie im Schosse