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"Du hast also schon einen Mann gehabt?" fragte er nach einem langen Stillschweigen.
"Ich hab ihm den Laufpass gegeben", antwortete sie, "weil's ihm an Kopf und Herz gefehlt hat; nachher hat er sich in ungeschickte Diebereien eingelassen, die ihn an den Galgen gebracht haben. Wenn mir je wieder einer gefiele, so würde ich ihn vor einem solchen Schicksal zu bewahren wissen."
Er schwieg. Die Entdeckung, dass sie Witwe sei, war ihm nicht sehr nach seinem Sinn, und doch musste er sich gestehen, dass dieses Weib durch Schönheit und Geisteskraft einen mächtigen Zauber auf ihn auszuüben beginne.
"So, jetzt bist du aus dem Ehejoch entlassen!" sagte sie, als sie den Fuss des berges wieder erreicht hatten, und flog lachend hinan, da sie sah, dass er sich Mühe gab, sie einzuholen.
"Mir ist's nicht so eilig mit der Scheidung!" rief er hinter ihr drein und gab sich alle Mühe, an ihre Seite zu kommen, aber sie war immer einige Schritte voraus.
"Und mir pressiert's nicht mit dem Heiraten!" rief sie, als sie die Höhe erreicht hatte, lustig gegen ihn hinab, und ihre stimme spielte dabei so leicht und ruhig, als ob die Anstrengung ihren Atem gar nicht bewegt hätte; aber ein sprühender blick aus ihren schwarzbraunen Augen strafte ihre Worte Lügen.
Mit einem heftigen Ansatz hatte er die letzte Höhe vollends erstiegen und wurde dort von einem derben Gelächter männlicher Stimmen empfangen. Bettelmelcher und Schwamenjackel lagen auf dem Boden und erwachten soeben aus einem Schlafe, den sie sich zur Erholung von der überstandenen Nachtwache gegönnt hatten.
"Es scheint, Freund Schwan hat eine neue Hochzeitsreise gemacht!" rief Bettelmelcher.
"Und gleichfalls mit einer Christine", antwortete er lachend, "aber mit einer schwarzen."
"So, sie hat dir ihren Namen gestanden?" rief Schwamenjackel. "Da muss es mit der Vertraulichkeit schon ziemlich weit gekommen sein."
"In der Tat", sagte die Zigeunerin Christine, "wir sind Mann und Weib miteinander gewesen, aber nur vor den Leuten."
"Wo ist denn mein Weib", fragte Schwan.
"Auf und davon!" antwortete Bettelmelcher. "Der Eifersuchtsteufel hat sie ergriffen. Obgleich ich mein Äusserstes aufgeboten habe, sie zu unterhalten, hat sie sich doch nicht fesseln lassen. Sie hat mir nicht einmal bekannt, wo sie zu finden sei. Ich geh dahin, wo ich herkommen bin, hat sie gesagt, und weg war sie. Vermutlich denkt sie, du werdest wissen, wo du sie suchen müssest."
"Dummes Zeug!" sagte er ärgerlich.
"Neuigkeiten!" rief eine bekannte stimme von weitem, und der scheele Christianus kam, den anderen wohl nicht unerwartet, von der entgegengesetzten Seite herbeigeeilt. "Es hat eine Soldatenmeuterei gegeben im Lager bei Geislingen, der Herzog von Württemberg ist heute früh selbst hinaufgefahren und hat achtzehn erschiessen lassen."
"Eine Meuterei!" rief der Bürgerssohn von Ebersbach, "das ist ja was Unerhörtes im württembergischen Militär."
"Du hast eben in den letzten Wochen nicht viel erfahren, was im Land vorgeht", sagte der Zigeuner. "Es ist ja schon neulich ein Aufruhr in der Kaserne zu Stuttgart ausgebrochen und mit Mühe gedämpft worden."
"Was Teufels!"
"Dein Herzog", sagte die Zigeunerin, "hat seine Soldaten an die Krone Frankreich verkauft, gegen den König von Preussen, und nun wollen sie nicht ziehen."
"Ja", setzte ihr Bruder hinzu, "man ist den Leuten nachts in die Häuser eingebrochen und hat sie aus dem Bett gerissen, um die Regimenter vollzumachen, aber in Stuttgart sind sie alle wieder auseinandergelaufen. Darauf hat ein General, ich weiss nicht, wie er heisst, einen Generalpardon ausgeschrieben, und auf diesen haben sich eine Menge Ausreisser gestellt; aber der Herzog ist auf die Nachricht aus dem Feld zurückgeeilt, hat den Pardon nicht gehalten und viele von ihnen henken lassen. Jetzt ist der Teufel bei Geislingen wieder losgegangen, und da hat er heute vor den Toren andertalb Dutzend erschiessen lassen. Es ist ein Schrei der Wut im land."
"So hält man Wort! So geht man mit den Leuten um!" rief Schwamenjackel.
"Das geschieht in deinem gepriesenen Württemberg", sagte seine Führerin.
"Und uns heisst man Spitzbuben!" setzte Bettelmelcher hinzu.
"Ich besorge nur, die Gegend könnte für uns unsicher werden", bemerkte Christianus. "Gewiss haben sich viele Deserteurs in die Waldungen da herum geworfen, und nach diesen wird jetzt vom Militär gestreift werden."
"Ich glaube nicht, dass uns das in Verlegenheit bringen wird", versetzte Christine. "Der Herzog muss eilen, sein Volk ausser Lands zu bringen, denn wenn er mit ihnen liegen bleibt, so laufen sie ihm wie Quecksilber davon. Auf alle Fälle ist es aber gut, wenn wir auch nicht lange mehr dableiben; es sind ohnehin bloss noch ein paar Tage bis zum Schorndorfer Markt!"
"Also nur nichts aufgeschoben!" sagte der Zigeuner.
"Ja, ich möchte gleich über das nächste Nest da herfallen und ihnen die Hundeseelen austreiben!" rief Schwamenjackel, seinen kurzen dicken Stock gegen das an dem Bergkegel vor ihnen liegende Dorf schwingend.
"Das lass du bleiben!" lachte