sie lachend fort, "so kann ich dir in meiner eigenen Familie ein Musterbild von Tugend und Ehrbarkeit aufstellen. Lache nicht, es ist buchstäblich wahr. Ich habe noch eine zweite Schwester, die sich am tod so vieler Verwandten ein Exempel genommen hat und sich mit ihrem mann, einem Scherenschleifer, ehrlich und redlich fortbringt. Sie ist nicht besonders schön, dabei etwas schmierig und schlampig, wie es auch bei ihrer armseligen Lebensart nicht anders sein kann. Wir haben zwar keinen grossen Geschmack aneinander, aber wenn du eine Empfehlung willst, um das Scherenschleifen zu lernen, so steh ich zu Diensten."
"Es hat wohl eine Zeit gegeben", sagte er, "wo mir dieses verachtete Handwerk gut genug gewesen wäre; aber jetzt bin ich freilich dazu verdorben. Du hast keinen Begriff, von was ich mich losreissen muss. Du sagst selbst, du seiest von Kindesbeinen an hinausgestossen gewesen und habest dich gegen die Welt wehren müssen. Aber denke dir einmal, du seiest der Sohn des vermöglichen Sonnenwirts in Ebersbach, der nicht zu rauben braucht, weil er Geld genug hat, und seiest von einer liebevollen, sorgsamen Mutter, die alle Tage zu dir sagt: 'Mein Kind, fliehe die Sünde!' zur Frömmigkeit und Rechtschaffenheit erzogen – dann wird's dir nicht so leicht werden, den Rock völlig zu wenden, und wenn du auch schon lang eingesehen hättest, dass Frömmigkeit und Rechtschaffenheit in dieser Welt nur Lug und Trug sind. Ihr unterscheidet ja selbst zwischen den Deutschen und den – anderen."
"Ich bin auch zur Hälfte deutsch", erwiderte sie. "Mein Vater Schettinger, den die deutschen Mordhunde vor zwanzig Jahren in Weingarten umgebracht haben, ist so gut ein Deutscher gewesen wie sie und wie du."
"Nun, vielleicht ist's auch eine Zeitlang nachgegangen", versetzte er.
"Du kennst deine eigenen Landsleute nicht", sagte sie. "Komm, ich will dir sie zeigen. Wir haben noch Zeit genug, zu den anderen zu stossen."
Sie winkte ihm und flog zur Linken den Berg hinunter. Er eilte ihr nach. Als sie im raschen Laufe unten angekommen waren, sagte sie, weiter eilend: "Du musst dir's aber gefallen lassen, dass ich dich für meinen Mann ausgebe, sonst findest du da, wo ich dich hinführe, keinen Kredit."
"Das will ich gern annehmen!" rief er lustig, ihr nacheilend. "Du und keine andere müsstest mein Weib sein, wenn ich nicht schon eins hätte. Aber flieg nicht so, damit ich mein Recht auch ausüben kann."
"Lass das!" sagte sie, da er den Arm um sie zu schlingen suchte, "dazu ist jetzt keine Zeit. Den Arm kannst du mir geben, so, damit wir wie ein Ehepaar aussehen. Verheiratete Leute sind bekanntlich nicht so zärtlich miteinander, du scheinst mir das bereits aus eigener Erfahrung zu wissen."
Nachdem sie eine Strecke im wald zugeschritten, erreichten sie einen der vielen dort hin und her zerstreuten Höfe. Derselbe war ihm nicht unbekannt, denn er hatte ihm bei seinem Wilderersberufe mehr als einmal günstige Aufnahme gewährt. Wie erstaunte er aber über die Freudenbezeugungen, mit welchen seine Begleiterin von der ganzen Familie aufgenommen wurde! Wie horchte er hoch auf, als er hier, weit unverblümter, denn in ihrem eigenen Kreise, von dem Gewerbe seiner neuen Freunde reden hörte! Die Leute drückten ihre Freude aus, seine Begleiterin wieder verheiratet zu sehen, und bestürmten sie mit fragen, ob ihr neuer Mann auch so viel Geschick zeige als der vorige. Sie prangte mit ihm und seinen Taten und bezeigte sich so glücklich in seinem Besitz, dass ihm das Herz flammte, während zugleich die letzten Reste bürgerlicher Ehrbarkeit sich in ihm empörten, ohne in dem verwandten bürgerlichen Kreise, der ihn umgab, eine gleichartige stimme zu finden. Im Gegenteil sah er bald ein, dass er, was er früher nie geahnt, hier erst in die rechte Gaunergegend gekommen sei, denn die Frau des Hauses zählte ihm geläufig eine Menge berüchtigter Namen her, die zu verschiedenen zeiten das Jahr über in dieser von vielen Herrschaften und Kondominaten zerschnittenen Landschaft ihre Heimat fanden. Solange er ein blosser Wilddieb gewesen, hatte er hier kein Vertrauen gefunden; jetzt erst sprach sich der Hass gegen die Obrigkeit und gegen die von Glück und Gunst getragene Minderzahl der Mitbürger offen vor ihm aus, und seiner unbelehrten Seele drängte sich mehr oder minder klar die Wahrnehmung auf, dass das Volk so weit gekommen sei, den Druck der Herrschaften und der höheren Bürgerklassen durch Raub, Diebstahl und Diebeshehlerei zu bekämpfen! Das angebliche Ehepaar verliess den Hof, ungestüm von den Leuten aufgefordert, ihnen auch wieder einmal für billiges Essen und billige Kleidung zu sorgen.
"Nun?" fragte sie auf dem Rückwege.
"Es ist mir, als ob neben der Welt, die ich bisher gekannt habe, noch eine andere Welt herginge und als ob diese Welt die wahre wäre", antwortete er.
"Du kannst in dem Tal da", erwiderte sie, "von Hof zu Hof, von Ort zu Ort hinuntergehen, du triffst vertraute Leute genug, lauter Deutsche und keine Vagabunden, lauter sesshafte Leute."
Er sprach lange kein Wort. Was er gehört und gesehen, hatte sich ihm offenbar tief eingeprägt, und sie hütete sich wohl, die stille Arbeit dieses Eindrucks zu stören