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. Als sie eine Strecke von ihm entfernt war, sah er sich von Bettelmelcher und Schwamenjackel eingeholt.

"Was?" rief Bettelmelcher, "ich will nicht hoffen, dass es gleich nach der Hochzeit zu Ehedissidien kommt."

"Das ist sehr oft der Fall", erwiderte er lachend, "wenn der Pfaff einmal die Garantie übernommen hat, so meinen die Leute gewöhnlich, sie brauchen für sich selbst nichts mehr dazu zu tun. übrigens ist's bei uns nicht so gefährlich: ich hab meiner Frau bloss ein wenig Behutsamkeit im Weltleben eingeschärft, und jetzt scheint sie ihren Katechismus ungestört lernen zu wollen."

"Das wird sehr gut sein", versetzte Bettelmelcher. "Soll ich ihr nicht ein wenig dabei helfen?"

"Kann nichts schaden."

"Dir fehlt's indessen nicht an Gesellschaft", setzte jener hinzu, auf die herankommende Zigeunerin deutend, welche ganz allein die Nachhut bildete. Mit diesen Worten ging er rasch seines Weges, und Schwamenjackel folgte ihm, so dass Friedrich nur die Wahl hatte, auf seine schöne Freundin vom wald, die den Fingerzeig gesehen hatte, zu warten, oder mit sichtbarer Geflissenheit ihre Gesellschaft zu meiden. Er fand keinen Grund, ihr diese Beleidigung zuzufügen, wohl aber hundert Gründe, das Gegenteil zu tun.

"Komm, Katarina", sagte er, am Wege stehen bleibend.

"Ich heisse nicht Katarina", erwiderte sie. "Christina ist mein Name."

"Du heisst also wie meine Frau?" rief er erstaunt. "Warum haben dir denn die Deinigen einen falschen Namen gegeben?"

"Um meiner Sicherheit willen", antwortete sie. "Ich bin aller Länder, ausser Frankreich, Sachsen und Ungarn, verbannt, hab überall Urfehde schwören müssen, und wenn ich mich betreten liesse, so ging mir's um den Hals."

"Noch so jung und schon so viel erlebt!" sagte er.

"Von Kindesbeinen an bin ich in der Welt herumgehetzt und hab früh lernen müssen auf eigenen Füssen stehen, denn meine Mutter kann mir raten, aber nicht helfen, sie ist eben eine uralte Frau."

"Wo ist sie jetzt?"

"Sie betet ein Pater und Ave Maria ums andere, damit unser nächstes Vorhaben gelingen möge."

"Das kommt mir sonderbar vor", bemerkte er. "So gut stehen wir Luteraner nicht mit dem Himmel, dass wir so frei wären, ihm zuzumuten, er solle uns bei – s o l c h e n Dingen noch behilflich sein."

"Warum denn nicht?" versetzte sie ruhig. "Deine honetten Spiessbürger, die Ketzer wie die katolischen Christen, beten auch täglich zu Gott, dass er sie in ihrer Hantierung segnen möge, und was ist ihre Hantierung? Einander bestehlen, betrügen, unterdrücken, den guten Namen morden. Geh in den Landen umher und zähle die Leute, die im wahren Sinn des Wortes ehrlich sind und also allein zu beten berechtigt wären. Du wirst keine grosse Tafel zum Aufschreiben brauchen."

"Du hast recht", erwiderte er.

Sie gingen einige Zeit stumm nebeneinander, während welcher er es nicht unterlassen konnte, wiederholt ihre Augen zu suchen.

"Du scheinst mir nicht recht aufgeräumt zu sein", begann sie nach einer Weile. "Es gefällt dir nicht bei uns."

"Was d a s betrifft", erwiderte er mit einem mehr als freundschaftlichen Blicke, "so glaubst du wohl selbst nicht, was du sagst. Aber wahr ist's, es hat mich verdrossen, dass ich nur als Schmarotzer mitlaufen und aussen Wache stehen soll, während die anderen die Gefahr auf sich nehmen. Das halbe Sündigen ist mir in Tod zuwider: entweder ganz oder gar nicht! Auch liegt ein Misstrauen drin: ich merk's wohl, man will mich nur probieren."

Sie lächelte freundlich und zutraulich mit einem Ausdruck von achtung, den er tief empfand. "Du irrst dich", versetzte sie. "Es hätte sich nicht geschickt dich stärker in Anspruch zu nehmen, wo es sich darum handelte, ein Geschenk für dich aufzutreiben. Auch hast du dich ja nur zu einem einzigen Unternehmen anheischig gemacht, brauchst also das von heute nacht nicht zu rechnen. Wenn du so ehrenhaft denkst, selbst Hand anlegen zu wollen, statt andere für dich arbeiten zu lassen, so soll's dir nicht lang an gelegenheit fehlen."

"Nur zu!" rief er, mit finsterer Entschlossenheit die Stirne faltend.

"Du scheinst mir aber doch nur mit halber Seele dabei zu sein", setzte sie hinzu, "denn du sprichst von sündigen und nimmst die Sache schrecklich ernstaft. Ich merke wohl, an was du klebst. Tor! Die Menschen sind alle von einem Schlag, nur mit dem Unterschied, dass die einen den Galgen andiktieren und die anderen ihm davonlaufen. Wenn aber Stehlen todeswürdig ist, so gehört den einen so gut wie den anderen der Strang. Dass die Spitzbuben mit Haus und Hof über die heimatlosen Spitzbuben herfallen und ihnen von jeher nichts haben gönnen wollen, das ist eben eine ungerechte Verfolgung."

Der überlegene Ton, der ihn von einem mann abgestossen haben würde, machte aus diesem mund einen mächtigen Eindruck auf ihn. Er fühlte sich gedemütigt und angezogen zugleich.

"Wenn du aber der Sünde, wie du's heisst, ganz absagen willst", fuhr