auf dem Anstande sein und sie den andern Morgen wieder abholen.
"Ach, Frieder!" sagte sie erschreckend, "du gehst auf kein' Hirsch aus. Ich sehe's wohl, du bist nicht in den besten Händen, du hast dich mit dem Spitzbuben, dem Bettelmelcher, in etwas eingelassen."
"Wenn ich dir sage, ich geh auf den Anstand, so hast du nichts weiter zu fragen", entgegnete er streng. "Ich werde am besten wissen, was ich zu tun hab."
"Mein Herz sagt mir, du hast nichts Gut's vor!"
"Und wenn es auch so wär – hast du eine Glückkshenne, die mir goldne Eier legt? Oder kannst du mir ein Haus oder Geschäft in Ebersbach kaufen? Glaubst du, der Wirt da, obwohl du sicher bei ihm aufgehoben bist, werde dich umsonst beherbergen? Halt mich nicht unnötig auf, ich kann die Zeit nicht mit Streiten verlieren. Bleib ruhig hier, bis ich wiederkomme."
Er trank sein Glas aus und ging rasch fort.
"Frieder! Frieder!" rief sie, ihm auf die Strasse nachlaufend.
Er blieb unwillig stehen.
"Frieder", sagte sie ihm ins Ohr, "wenn du etwas tun willst, was dir Gott verzeihen mög, so tu doch wenigstens schwarze Strümpf an, deine weisse Strümpf machen dich sichtbar in der Nacht!"
Er lachte, hiess sie ohne sorge sein und entfernte sich auf dem Wege, den sie hergekommen waren.
Den andern Vormittag erschien er versprochenermassen wieder in dem wirtshaus, zahlte die Zeche und führte Christinen weiter. "Meine Freunde haben mir ein Hochzeitsgeschenk für dich verehrt", sagte er unterwegs und überreichte ihr ein paar silberne Löffel nebst einem silbernen Besteck.
Sie besah die Löffel aufmerksam. "D i e kenn ich!" rief sie, "das sind die Löffel, mit denen wir gestern früh die Milchsupp gessen haben. Du, für d a s Geschenk dank ich, das ist nicht auf richtige Art in deine Händ kommen. Oh, Frieder, du bist bei dem Wirt zu Heseltal einbrochen!"
"Ich hab ihm das Haus mit keinem Fuss betreten", erwiderte er.
"Dann haben's deine Kameraden getan", sagte sie, "und die werden ihm die Löffel nicht abkauft haben."
"Heb mir die Sachen auf", entgegnete er mit einem Tone, der jede fernere Erörterung abschnitt. "Wenn du sie nicht willst, so gehören sie mir. Du meinst gleich, der Teufel hole dich darüber; wenn du in Ebersbach wärest, so sprängest du schon dem Amtmann zu."
Sie nahm die Löffel und das Besteck in Verwahrung und sagte nichts mehr. Nachdem sie stillschweigend bis gegen Mittag gewandert waren, sah Christine einen Berg vor ihnen, auf dessen Gipfel eine Kirche stand, und nun fand sie sich wieder in bekannter Gegend. Es war der Rechberg. Friedrich wandte sich demselben zu und schlug den Weg nach der Höhe ein. Sie folgte ihrem mann ohne zu fragen. Als sie den Gipfel erstiegen hatten, begaben sie sich in das der Kirche gegenüber gelegene Pfarrhaus, mit welchem von jeher zum Besten der frommen Wanderer eine Wirtschaft verbunden war. Beim Eintritt rief Christine überrascht: "Ei, da sind ja –" Er stiess sie in die Seite und bedeutete sie, zu schweigen. Um den runden Tisch am Fenster sassen drei Mitglieder der Gesellschaft vom wald, Bettelmelcher, Schwamenjackel und die jüngere Zigeunerin, welche in aller Ruhe miteinander zehrten. Der Wanderer begrüsste sie, wie man Fremde grüsst, mit welchen man sich an einem einsamen Orte zusammengeführt sieht, und entschuldigte sein Weib, die sich von irgendeiner Ähnlichkeit habe hinreissen lassen, einen Augenblick Bekannte in ihnen zu sehen. Sie nahmen die Entschuldigung mit gleichmütiger Höflichkeit auf, erwiderten, dergleichen Irrtümer kommen häufig vor, und boten den Ankommenden Platz an ihrem Tische an. Dann fragte man sich gegenseitig, woher und wohin, und tischte einander beliebige Auskunft darüber auf. Christine hörte sehr verdutzt auf diese Reden und konnte nicht begreifen, wie ihr Mann sich so schnell in das angenommene Betragen finden konnte. Nach und nach wurde man immer bekannter, indem der Wein die fremden Herzen gegeneinander aufzuschliessen schien; und als die Gesellschaft zusammen aufbrach, um den zufällig gemeinsamen Weg miteinander fortzusetzen, hätte die Hauserin des Pfarrers, welche die Wirtschaft führte, darauf schwören können, dass hier Leute, die sich in ihrem Leben zum erstenmal gesehen, auf dem freundlichen Berge recht heiter und vertraulich miteinander geworden seien.
Sie nahmen ihren Weg über den schmalen Grat, der, einem Messerrücken ähnlich, vom Hohenrechberg nach dem Hohenstaufen führt. Friedrich und Christine waren die vordersten in der wandernden Gesellschaft. Er zankte sie tüchtig aus, dass sie in dem Pfarrhause so unvorsichtig herausgefahren sei, und gebot ihr, in Zukunft ihre Zunge besser zu hüten.
"Wie hab ich denn wissen können, dass ich die leute gar nicht kennen darf!" maulte sie. "Da weiss man ja gar nicht mehr, wie man sich betragen soll."
"So sei künftig ganz still und wart, bis man dich reden heisst!" sagte er zornig.
Sie verschluckte die Antwort, die sie im Unmute geben wollte, und schritt immer stärker zu, während er sich mit verdrossenem Gleichmut im bisherigen Gange hielt. Auf diese Weise geriet sie, ohne sich umzusehen, ziemlich weit voraus