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lachend.

"Ja freilich, dann hat sich's herausgestellt, dass er nicht der rechte Pfarrer ist, sondern ein abgedankter. Er hat mir selber erzählt, er hab nur ein klein's Spässle gemacht und sei deswegen gleich weggeschmissen worden. Nun möchte ich doch wissen, ob ein abgedankter Pfarrer auch noch kopulieren kann."

"Willst du dich denn in Ebersbach häuslich niederlassen und dem Amt deinen Trauschein vorzeigen?" fragte Bettelmelcher spöttisch.

"Nein, das just nicht."

"Nun, so gib dich zufrieden und sei froh, dass du's schwarz auf weiss hast. Das Papier kann dir unter Umständen viel nutzen, es kann dir statt eines Passes dienen, und wenn du dich mit deiner Frau einmal in einem fremden land irgendwo setzen willst, so kannst du dich damit legitimieren. Meinst du denn, man frage überall so genau darnach?"

"Ja, wenn's nur ein bissle etwas ist", bemerkte Christine, die es als eine grosse Genugtuung empfand, endlich einmal urkundlich, wie auch die Urkunde beschaffen sein mochte, verheiratet zu sein.

Friedrich beruhigte sich. Sie zahlten ihre Zeche und gingen bald darauf zu Bette.

Morgens fanden sie sich beim Frühstück wieder zusammen, wie Gäste, die sich zufällig in der gemeinsamen Herberge kennengelernt haben. Der hinzugekommene Genosse machte dem Ehepaar keine Schande: er sah jetzt beim Tageslicht in seinem braun- und blaumelierten Rocke sehr ehrbar und wohlhabend aus und benahm sich äusserst gesetzt. Man speiste eine Milchsuppe, zu welcher der Wirt silberne Löffel auflegte. Christine schien sich bei dieser vornehmen Bewirtung behaglich zu fühlen; sie trat ihrem mann auf den Fuss und flüsterte ihm zu: "Das ist ein kostbarer Wirt!"

Beim Fortgehen schlug Bettelmelcher den entgegengesetzten Weg ein, gesellte sich aber bald auf der Strasse wieder zu ihnen. "Nun muss man doch auch auf ein Hochzeitsgeschenk für die junge Frau mit dem achtjährigen Kopulationsschein denken", sagte er lächelnd. "Was wär denn etwa nach ihrem Gusto?"

Christine lachte, nicht ungeschmeichelt, und erwiderte, man dürfe sich ihretwegen nicht in Unkosten stürzen. Als er aber freundlich in sie drang, zu sagen, ob sie in ihrem neuen stand nicht irgend etwas wünsche, versetzte sie, weniger gegen ihn als ihren Mann gewendet: "E Bissle erquickt en Äderle; ich brauch nicht viel; wenn ich nur ein klein's Pfännle hätt, dass ich mir hier und da etwas Warm's machen könnt."

"Das ist ein bescheidener Wunsch!" erwiderte Bettelmelcher lachend, "und doch muss man, wenn man sich auch nur bescheidentlich fortbringen will, die Augen offen haben und in viele Sättel gerecht sein. Wer träumt und dröselt, kommt nicht weit. Mit silbernen Löffeln speisen, ist wohl angenehm, nicht wahr? Aber das kann jeder, dessen Eltern so gescheit gewesen sind, ihm eine gute Erbschaft zu hinterlassen. Wer keine so gescheiten Eltern gehabt hat, der muss selbst den Verstand brauchen. Ich möchte wohl wissen, ob die junge Frau in dem Wirtshaus da die Hälfte von dem bemerkt hat, was zu sehen und zu beobachten gewesen ist. So ein Wirt meint wunder, wie klug er seine Sachen einrichte, und vergisst alles drüber, wenn er drei pfaffen im Kabinett sitzen hat."

"Oh, ich hab auch meine Augen", sagte Christine, die sich durch den Zweifel an ihrer Beobachtungsgabe verletzt fühlte; "ich habe wohl gesehen, wie der Wirt seine Löffel in ein Schublädle getan hat, nachdem sie ausbraucht gewesen sind, und wie er das Geld von uns und von den drei Herren in ein Glas in dem nämlichen Schublädle getan hat, hab auch gesehen, dass ein Goldstück in dem Glas gewesen ist."

Bettelmelcher sah sie erstaunt mit einem gewissen Ausdruck von achtung an. "Wahrhaftig, die Frau ist nicht soträumerisch, wie sie aussieht", sagte er, "sie kann noch brauchbar werden." Er schlug bald nachher einen anderen Weg ein, um, wie er sagte, seinen Geschäften nachzugehen.

Das Paar setzte seine Wanderung bis in den Nachmittag fort, da stand ein alter Bettler mit weissem Bart und lang herabhängenden weissen Haaren am Wege und bat um ein Almosen. "Wir haben ja selber nichts!" fuhr ihn Christine verdriesslich an, während ihr Mann nach einer Kupfermünze suchte. "Wenn das der Fall ist", sagte der Bettler, "so soll mir's auf eine kleine Beisteuer nicht ankommen." Mit diesen Worten zog er unter dem Wams eine kleine Pfanne hervor und überreichte sie ihr. "Sie ist zwar nicht mehr ganz neu", sagte er, "aber ein Schelm gibt's besser, als er's hat."

"Du Spitzbub!" rief Friedrich lachend, "diesmal hast du mich selbst getäuscht; ich hätte dich an keinem Zug erkannt, nicht einmal an deinen nichtsnutzigen Augen."

Bettelmelcher stiess ein lustiges Gelächter aus und sprach dann eine Weile jenisch mit ihm, wobei Christine verwundert auf die fremden, seltsamen Ausdrükke hörte. Hierauf entfernte sich Bettelmelcher, und die beiden gingen weiter, bis sie ein einsames Wirtshaus am Saume eines Waldes erreichten, wo Friedrich etwas Essen und Trinken kommen liess. Christine hatte sich schon mehrmals über Ermüdung beklagt. Nachdem er einige jenische Worte mit dem Wirt gewechselt, eröffnete er ihr, sie könne hier der Ruhe pflegen, er werde die Nacht über