"und doch ist in seinem Gesicht etwas, das mir nicht ganz gefällt. Ich weiss nicht, was in dem Mütterlichen für ein Vorzug liegen soll. Was die Deutschen von ihren Müttern haben, das ist in der Regel eine butterherzige Dummheit, und ich will deshalb nur wünschen, die Altmutter möge diesmal fehlgeschossen haben. Habt ihr's nicht gesehen, wie er über der Beschreibung des Räderns erblasst ist?"
"Ich kenne ihn", erklärte der Zigeuner mit entschiedenem Tone. "Er steht am Graben und besinnt sich. Wenn er nicht mehr rückwärts kann, so springt er und fragt nicht, wie breit oder wie tief. Aber aus den Augen dürfen wir ihn nicht mehr lassen. An seinem Mut ist nicht zu zweifeln, er hat Mut wie der Teufel; aber auch der Mut will geübt sein."
"Und ein tüchtiges Probestück", versetzte Bettelmelcher, "müssen wir ihm vorlegen, dass die Haar davon fliegen, wie er selber sagt. Ich weiss nicht mehr, welcher König es war, der über Meer in ein fremdes Land einfiel: als er gelandet hatte, verbrannte er seine Schiffe hinter sich, damit seinen Leuten das Heimweh verging."
"Ja, auf diese Weise bringen wir ihn am besten aus der Gegend fort, dann wird er lustiger anbeissen."
"Um d e n Preis will ich mich zu einer Ausnahme von meiner Regel verstehen", sagte die Alte. "Hier herum werfen die Märkte ohnehin nicht so viel ab, dass ich Lust hätte, bald wiederzukommen und Sohn und Tochter zu riskieren, für die hier keine gesunde Luft ist."
Während sie so miteinander redeten, führte der Gegenstand ihrer gespräche Christinen nach dem hof, wo er ihr einen Aufentalt verschafft hatte. Er wusste sie unterwegs notdürftig über die Gesellschaft, in der sie ihn getroffen, zu beruhigen, was ihm diesmal leichter gelang, wie die Aussicht, endlich sein rechtmässiges Weib zu werden, in ihr alles andere überwog. Auch ihm gab dieser Gedanke neue Schwungkraft: er konnte endlich sein Wort halten, seinen Willen durchsetzen. Aber freilich, um welchen Preis!
33
Querfeldein über Berg und Tal schweifend, pilgerte gleich am nächsten Tage das schon so lange verbundene und immer noch nach dem Segen der Kirche dürstende Paar dem Kochertale zu, in dessen Umgebung ihm sein Wunsch erfüllt werden sollte. Wem man aber gesagt hätte, dass die beiden auf einem Brautgang begriffen seien, der würde sie verwundert angeschaut haben: der Hochzeiter war, wenn auch sein Gesicht von den Mühseligkeiten des Lebens zeugte, in der Blüte der Mannesjahre und schritt im blauen Rock, im rot-, blau- und grüngestreiften kalaminkenen Brusttuch (Weste), in den schwarzen Lederbeinkleidern, weissen Strümpfen und neuen Schuhen mit blanken, stählernen Schnallen gar stattlich einher, während aus der verschossenen, von haus aus farblosen und ärmlichen Bauerntracht der Hochzeiterin ein verblühtes, müdes Gesicht hervorsah. Bald waren sie wieder auf dem Rückwege von Tüngental, denn so schreibt sich der Name des Ortes, den der eigensinnige Volksmund in Dinkelteim verwandelt hat, gleichwie ihm umgekehrt die Residenz des deutschen Ordens, welche Mergenteim geschrieben wird, zu einem Mergental geworden ist. Am Abend des ersten Tages, da sie wieder in der Richtung nach der Rems wanderten, kehrten sie in einem Dorfwirtshause ein, um daselbst über Nacht zu bleiben. Sie waren die einzigen Gäste in der Wirtsstube, wo der Wirt ab- und zuging; im Kabinett sassen drei geistliche Herren, die miteinander tranken und redeten, ohne ihnen Aufmerksamkeit zu schenken. Kaum hatten sie das Fleisch, das ihnen der Wirt vorgesetzt, gegessen, so trat ein anständiger Mann in einem braunen Anzug ein, desgleichen die Gerber trugen, grüsste sie freundlich, setzte sich an ihren Tisch und verlangte gleichfalls ein Nachtquartier. Christine erwiderte den Gruss gleichgültig; Friedrich aber, nachdem er ihn angesehen, musste den Mund zum lachen verziehen. Der andere gab ihm einen Wink, zu warten, bis der Wirt die stube verlassen; dann fragte er lachend: "Nun, wie ist die Kopulation abgelaufen?"
Erst jetzt blickte ihn Christine näher an und erkannte mit Staunen einen der Männer aus dem wald von Wäschenbeuren. Es war in der Tat Bettelmelcher.
"Ganz gut", antwortete Friedrich, "aber sehr einfach. Es war eine Hauskopulation, die dein Pfaff in seiner stube vorgenommen hat, er wird wohl wissen warum, und der ganze Akt bestand darin, dass er uns geheissen hat, wir sollen einander die hände darauf geben, dass wir einander in Lieb und Leid nicht verlassen wollen."
"Nun, ist das nicht genug?" versetzte Bettelmelcher mit gerührter stimme und spitzbübischem Augenzwinkern.
"Dann hat er uns einen Kopulationsschein ausgestellt und hat ihn auf mein Verlangen noch um ein Jahr weiter zurückdatiert, so dass unsere Ehe jetzt schier für achtjährig gilt. Der tut alles, was man haben will. Deinen Gruss hab ich ihm ausgerichtet. Drauf hat er gelacht und gesagt: 'So ist der Spitzbub immer noch ungehenkt?'"
Bettelmelcher lachte.
"Aber du!" fuhr Friedrich fort, "das ist mir ein sauberer Pfarrer, den du mir rekommandiert hast, und mir kommen Bedenken, ob die Handlung und der Trauschein nur auch etwas wert sind. Wir haben zuerst nach dem Pfarrhaus gefragt, aber da sind wir schön angekommen."
"Ich hab dir ja seine wohnung angegeben", unterbrach ihn Bettelmelcher, immer noch