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geboren hat –"

Ungeachtet des furchtbaren Ernstes, den die Unterredung angenommen, kämpfte ein unterdrücktes lachen in der Brust der Mädchen, die das Gesicht abwandten, und die Männer bissen sich auf die Lippen, um ihren gefährten nicht durch einen unzeitigen Ausbruch zu stören.

"Mein Vater", fuhr Schwamenjackel fort, "ist zu Alpirsbach auf dem Schwarzwald gerädert worden, und ich hab als ein zwölfjähriger Bube hart dabei zusehen müssen und bin nachher ins Zuchtaus gesteckt worden. In meinem ganzen Leben vergess ich's nicht und will's auch nie vergessen. Ich übe mein Gedächtnis mit Fleiss, dass es mir die Stösse des schweren, mit Blei ausgefüllten Rades und das Krachen der Glieder immer wieder als gegenwärtig vorstellen muss: erst den rechten Fuss und den linken Vorderarm, dann den linken Fuss und den rechten Vorderarm, dann den rechten Schenkel und den linken Oberarm, dann den linken Schenkel und den rechten Oberarm, und endlich, wenn sie's leidlich machen, den Gnadenstoss auf die Brust. Meinem Vater ist's aber nicht so gut geworden: lebendig haben sie ihn aufs Rad geflochten, stundenlang ächzen und stöhnen lassen in der greulichen Marter, bis sie ihm endlich den Kopf abgeschnitten und auf den Pfahl gesteckt haben. Und dabei haben die pfaffen immerfort in ihn hineingeschrien und ihm ihre Kreuze unter die Nase gestossen. Das halt ich mir tagtäglich vor, damit mich kein dummes Mitleid übermannt –"

Ein entsetzlicher Schrei unterbrach ihn. Alle sprangen auf und sahen sich um. Es war Christine, die unruhig geschlafen und, von der rauhen stimme Schwamenjackels erweckt, seine Worte noch halb gehört hatte. "Mein Herz!" rief sie, ihre hände auf der Brust zusammendrückend, "mein Herz! Das ist ja zu grässlich! Es bringt mich um."

"Sei ruhig, Christine!" rief Friedrich, der selbst etwas bleich geworden war, und eilte zu ihr. Sie sah ihn wild an und erholte sich erst allmählich. "Es ist ja nur von vergangenen Dingen die Rede", sprach er ihr zu. "Sieh, ich bin bei dir, und meine Freunde haben mir einen Pfarrer genannt, der uns trauen will. Sei munter, jetzt geht's endlich zur Hochzeit!"

"Hochzeit?" sagte sie, "ich hab gemeint, es seivon etwas anderem die Rede. Hab ich denn so schrecklich träumt?"

Er wiederholte ihr, dass er gleich am nächsten Tage mit ihr zur Trauung wandern werde. Ihr Angesicht belebte und erheiterte sich nach und nach. "Ist's denn wirklich wahr?" sagte sie, "soll ich endlich einmal mit dir vor den Altar kommen?"

"Sieben Jahre so lang wird's jetzt sein, dass wir das erstemal miteinander vor Kirchenkonvent gewesen sindsieben Jahre hab ich mir's um dich sauer werden lassen müssen, wie der Erzvater Jakob um die Rahel, und jetzt ist's endlich gewonnen."

"Gelt, und darüber bin ich zur Lea worden?" sagte sie, einen scheuen blick um sich werfend. Sie starrte die Gesellschaft an, wie wenn sie sie noch nie gesehen hätte, und drängte ängstlich fort. Er erklärte sich bereit, mit ihr zu gehen.

"Wir wollen jetzt auch zur Ruhe", versetzte die Alte.

"Der Hitzling ist hinab", sagte ihr Sohn, gegen Himmel deutend, "die Glanzer sind aufgegangen."

"Und der Jaim ist geschwächt", setzte Bettelmelcher hinzu, indem er das Fässchen mit einem Fusstritt auf den Boden schleuderte.

Beim Abschied wurde der Gast in jenischer Sprache aufgefordert, sich bald wieder auf dieser Stelle einzufinden, wo er die Gesellschaft noch eine Zeitlang gelagert finden werde. Er gab sein Wort. Der Zigeuner bot ihm Kleider an, da ihre Garderobe reich versehen sei und er den kleinen Vorschuss bei gelegenheit wieder erstatten könne. Er nahm das Anerbieten an und wurde alsbald mit einer vollständigen Kleidung versehen, die ihm für die Hochzeitsreise sehr zustatten kam. Christinen wurde nichts angeboten, und er scheute sich, etwas für sie anzusprechen. Bettelmelcher gab ihm noch genauere Anweisung über den Pfarrer, der ihn trauen sollte; er nannte ihm seinen Namen und beschrieb ihm seine wohnung so genau, dass er nicht fehlen konnte.

Als das Paar sich miteinander entfernt hatte, blickte sich die Bande eine Zeitlang stillschweigend an; dann sagte der scheele Christianus: "Er ist reif, und dir, Frau Schwester, gratulier ich zu der Eroberung. Lass du ihn zur Hochzeit und Kopulation gehen, er hält's bei dem Bauernmensch keine acht Tage mehr aus."

"Woher weisst du denn, dass ich ihn will?" fragte seine jüngere Schwester.

Er lachte.

"Was er für einen grossen Kopf hat!" sagte sie.

"Das Bild der Tatkraft!" rief er. "Verstelle dich nur nicht, ich hab in deine Augen gesehen und auch in die seinigen. Du musst das Band werden, das ihn an uns fesselt."

"Eine Messe lass ich lesen, wenn's gelingt und du wieder einmal versorgt bist", sagte die Alte.

"Amen", erwiderte ihr Sohn und bekreuzte sich andächtig.

"Die Altmutter hat recht", bemerkte Bettelmelcher, "er hat etwas Solides in seinem Aussehen und könnte treffliche Geschäfte für uns machen."

"Ich bin ihm nicht feind", versetzte der Schwamenjackel,