mehr vor Augen haben. Das käm mir geschlichen, einen Zigeuner ins Haus zu nehmen. Das wär eine Gesellschaft für d i c h ."
Friedrich sah seinen Vater an. Einen Augenblick hatte seine Hand gezuckt; dann aber wandte er sich ruhig nach der Tür. "Ich glaube, ich wollt, ich wär wieder im Zuchtaus", sagte er, während er hinausging.
Die beiden Müller zahlten ihre Zeche und standen auf. Der Sonnenwirt, der sich ebenfalls erhoben hatte, wünschte ihnen, freundlicher als zuvor, gute Nacht. "Der Bursch ist doch ziemlich mürb geworden", sagte er zu dem älteren, "er hat nicht gegen die Ohrfeige rebelliert, und es hat den Anschein, als ob er jetzt das vierte Gebot in Ehren halten wollte."
Der Müller, geschmeichelt durch diese vertrauliche Anrede, blieb etwas zurück, während der jüngere nebst dem Knecht die Wirtsstube verliess. "Ja", sagte er zum Sonnenwirt, "der Frieder ist nicht so unrecht, man wird's noch erleben. Was, die Zigeunergedanken werden ihm schon vergehen. Um d e n ist mir's gar nicht angst. Man muss ihn eben jetzt noch ein wenig kurz aufzäumen, dann wird er schon gut tun. Und das bissle Ungelegenheit, das er in seiner unverständigen Jugend gehabt hat, wird ihm unter vernünftigen und christlich denkenden Leuten ins künftige nicht aufgerechnet werden. Er ist ja guter Leute Kind. Ja, ja, Herr Sonnenwirt, der kann sich einmal seine Frau holen, wo er will. Wofern aber jemals eins so töricht sein wollt und wollt ein Haar in der Partie finden, so will ich nur so grob sein und will's frei heraussagen, Herr Sonnenwirt, für mein Gretle wär er mir immerhin gut genug. Jetzt habt Ihr gehört, wo Ihr anklopfen könnt, wenn Ihr keine bessere Schmiede wisset."
In dem Gesicht des Alten, das erst ganz wohlgefällig ausgesehen hatte, zog allmählich der Ausdruck unendlichen Spottes auf. Er sah den Müller mit halb zugekniffenen Augen an, so dass dieser in Verlegenheit geriet und die hände aus den Wamstaschen, wo sie während seiner Rede gesteckt hatten, hervorholte. "So, meint Ihr?" erwiderte er trocken und stiess dann ein hochmütiges Gelächter aus.
"Nichts hab ich gemeint!" rief der Müller wütend. "Ihr könnt meinetalben Euren Galgenstrick verknöpfeln und verbandeln, wo Ihr wollt." Er ging und schlug die tür hinter sich zu, dass das Haus davon erdröhnte.
Indessen war Friedrich zu dem Zigeuner hinabgegangen, der, verabredetermassen seines Bescheides harrend, an dem Gartenzaune lehnte. Er reichte ihm ein Fläschchen, ein Brot, eine Wurst und ein Stückchen Geld. Das letztere hatte er sich unterwegs von seiner Schwester geben lassen; bei den Lebensmitteln mochte ihm in etwas uneigentlicher Form die Lehre des Waisenpfarrers vorgeschwebt haben. "Da nimm, iss und trink", sagte er mit einer sonderbaren Hast und Heftigkeit, "und dann mach, dass du zum Teufel kommst."
Der Zigeuner griff gleichmütig zu, dann heftete er sein scheeles Auge auf den Wohltäter. "Was, und mit dem Dienste ist's nichts?" sagte er.
"Schweig still und mach mich nicht scheu! Ich bin so schon wild genug. Trink deinen Kirschengeist! Sieh, ich hab dir Wort gehalten, soviel an m i r gewesen ist."
Der Zigeuner schnitt eine höhnische Fratze: "Blitz und Mord!" rief er, "so wohlfeile Versprechen kann mir ein jeder tun und mich ein paar Stunden umführen. Ich sehe schon, wie's steht. Das Christentum hat, scheint's, auf einmal ein Loch gekriegt und, nach dem einen feurigen Backen zu schliessen, gar noch einen Plätz auf das Loch."
Friedrich stiess einen Schrei aus, wie nur der tollste Jähzorn ihn eingeben kann, warf sich über den Zigeuner her und liess ihn seine Faust aus Leibeskräften fühlen. Der Zigeuner war bloss darauf bedacht, sein Fläschchen vor Schaden zu hüten, übrigens wehrte er sich nicht gegen die Schläge, die er in reichlichem Masse bekam, sondern brach statt dessen in ein schallendes Gelächter aus.
Bei diesem lachen hielt Friedrich betroffen inne. "Hund, was lachst?" fragte er zornig.
Der Zigeuner schüttelte sich. "Herzensbruder", sagte er, "ich muss lachen, dass dich das Mitleid und der Jammer zum Prügeln treibt. So was ist mir noch nie vorgekommen."
Er leerte das Fläschchen auf einen Zug, schleuderte es mit einem "Juhu" hoch empor, und während es klirrend zu Friedrichs Füssen niederfiel, schallte das Jodeln des Zigeuners schon aus einiger Ferne herüber. Verblüfft starrte ihm Friedrich nach.
3
Es war inzwischen dunkel geworden. Friedrich wollte eben ins Haus zurückkehren, als er eine Gestalt herausschlüpfen sah, in der er seine Schwester Magdalene erkannte. Sie ging in das Gärtchen, und er hörte sie dort am Brunnen wasser pumpen: denn es ist eine unlöbliche Gewohnheit der Leute, das wasser, das sie morgens frisch haben könnten, abends zu holen und über Nacht stehenzulassen. Bald aber hielt sie in dieser Verrichtung inne und fing leise zu weinen an. Er wollte zu ihr treten, da kam jemand aus dem haus nachgegangen, horchte eine Weile umher, fuhr, ohne ihn zu bemerken, ins Gärtchen hinein, und die gellende stimme der Stiefmutter rief: "Wo bleibst du denn, lahmes