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muss einem Menschen nicht hände und Füsse binden. Wir sind freie Leute, und wenn er zu uns treten will, so soll es sein eigener freier Wille sein. Du musst deinen Preis annehmlicher stellen."

"Wohlan also", sagte Bettelmelcher nach einem verstohlenen blick auf Christinen, die wirklich schlief, "wenn du uns zu der ersten grösseren Unternehmung, die wir ausführen, deinen Kopf und deinen Arm versprichst, so kannst du über meine Zunge verfügen. Mehr verlang ich nicht."

"Es gilt!" rief der Gast aufspringend, "hier ist mein Wort und meine Hand!"

Die drei andern Männer sprangen ebenfalls auf die Beine, und einer nach dem andern empfing seine dargereichte Hand zu einem kräftigen Druck.

"Und ich", rief der Zigeuner, "leiste hiemit Bürgschaft für ihn, dass er sein Wort halten wird. Wenn das geschehen ist", wandte er sich zu ihm, "so bist du nicht weiter gebunden, und es steht ganz in deinem Belieben, ob du bei uns bleiben willst oder nicht. Auch sollst du dich zu keinem Unternehmen verpflichtet haben, das nicht nach deinem Sinn wäre."

Sie setzten sich wieder, und zur Besiegelung des Gelübdes kreiste noch einmal die Flasche mit der Neige aus dem Fässchen, das nun völlig auf dem kopf stand.

"Den Pfarrer, von dem ich dir gesagt habe", vertraute nun Bettelmelcher dem gast, als er bemerkte, dass dieser ihn erwartungsvoll ansah, "den triffst du in Dinkelteim bei Schwäbisch Hall."

"Gut! Ich habe mit meinem Weib morgen einen Handel in Gmünd zu machen, und von da wollen wir gleich den Stab weiter setzen. Sowie ich zurückkomme, steh ich euch zu Diensten. Ob's ein Marktgang ist oder ein Unternehmen, wo man das Fell einsetzt und die Haar davonfliegen, gilt mir gleich. Nur eins beding ich mir aus: einem Unschuldigen will ich nichts zuleid tun, aber gebt mir eine gelegenheit, dass ich dieser schnöden, falschen Welt mit ihrem Geiz und Hochmut, mit ihrer Unterdrückung und verlogenen Ehrbarkeit das Herz aus ihrem eigennützigen Leib herausreissen kannund wenn's den Kopf kostet, ihr sollt mich kennenlernen."

"Bravo, Bruder Schwan!" rief der Zigeuner. "So denken wir auch!"

"Die gelegenheit sollst du haben!" rief Bettelmelcher. "Meinst du, du seiest allein unterdrückt? Ich könnte jetzt so gut Pfarrer sein, wie der Pfaff, der dir die Kopulation abgeschlagen hat, ich hatte schon ein wenig zu studieren angefangen, da hat mich ein betrügerischer Vormund um all mein Hab und Gut gebracht."

"Ich hab auch noch mit einem solchen abzurechnen!" rief das halbgeworbene Mitglied der Bande.

"Was sind Bedrückungen des einzelnen gegen die Verfolgungen, die mein ganzer Stamm erfahren hat!" hob die alte Zigeunerin an. "Vor ein paar hundert Jahren sind unsere Vorfahren aus fernen Landen weit im Osten durch Krieg und Not in dieses Land gekommen, wo eine blässere Sonne scheint. Sie haben sich friedlich in den Wäldern aufgehalten, haben von den Leuten geheischen, was sie zu ihrer Notdurft brauchten, und haben in guter Freundschaft mit ihnen gelebt. Dann haben böse Menschen Misstrauen und Hader gesät, und seit mehr als hundert Jahren wird unser Stamm verfolgt, so dass keins von uns sein Haupt ruhig auf den Boden legen kann. Jedes friedliche Fortkommen ist uns abgeschnitten, als ob wir nicht auch Christen und Kinder Gottes wären, die gelebt haben müssen, und wir mögen unsere Nahrung suchen, wie wir wollen, so sind wir dafür von Mutterleib an zum Tod verurteilt. drei Männer hab ich nacheinander gehabt, keinen lang: alle drei sind am Galgen gestorben. Zwei Schwestern und ein Bruder sind den gleichen Todesweg gegangen; die dritte Schwester hat sich zu Karlsruhe im Gefängnis erhenkt, denn Freiheit ist unsere Lebensluft. Von zwei Männern meiner Schwestern ist einer durch das Schwert, einer durch den Strang gestorben. Ein Sohn, zwei Schwiegersöhne, eine Schwieger- und eine Schwestertochter sind gehenkt, zehn Männer, mit mir verschwägert oder verwandt, desgleichen gehenkt, geköpft, gerädert, auf hundertundein Jahr auf die Galeere angeschmiedet. Einen Mann, einen Bruder, einen Sohn und einen Tochtermann hab ich mit eigener Hand vom Galgen geholt und unter heissen Tränen und Gebeten begraben. Bei den andern hat's nicht sein mögen. Und nun betrachtet mein Los und wagt noch über euer eigenes zu klagen."

Mit niedergebeugtem kopf und gramdurchfurchtem Antlitz sass sie da, die Hekuba eines geächteten Stammes. Der Gast konnte kein Auge von ihr wenden, wie sie die Blicke vor sich in den Boden bohrte. Weit entfernt, in ihren Erlebnissen ein abschreckendes Beispiel zu sehen, fühlte er eine tiefe Teilnahme für sie und die verwaisten Mädchen, die schon so früh den versengenden Frost des Lebens kennengelernt. Freilich verschwieg sie weislich, dass ihr Volk keineswegs ohne eigene Schuld in den deutschen Landen Schutz und Gastfreundschaft verwirkt hatte; dass zwei ihrer Männer diesem volk nicht angehört, überging sie gleichfalls mit Stillschweigen; und durch welche Taten so viele der Ihrigen von einer freilich rohen, aber zum Kampfe auf Leben und Tod genötigten Staatsgesellschaft sich ein schauerliches Ende zugezogen, das schien sie gegen ihre Erlebnisse nicht in die Waagschale zu legen.

"Lasst m i c h reden!" rief Schwamenjackel, seine Worte mit heiserer stimme kurz hervorstossend. "Mein Vater, der mich erzogen und