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, mit dem hundertfachen Profit nicht zufrieden sind und das Publikum mit ihren Sündenpreisen betrügen. Wer diesen Schelmen ihren Raub abjagt, ist den Käufern so lieb, wie den Bauern der Wildschütz, der ihre Felder bewahrt. Und da wir einmal von einer festen Ordnung reden, so meine ich, man könnte ebensogut einen planmässigen Handel einrichten, feste Preise machen und vertraute Leute zum Wiederverkauf aufstellen, damit man nicht christlichen und hebräischen Juden preisgegeben und genötigt wäre, jedes Stück gleich wieder zu verschleudern."

"Davon hab ich eben reden wollen", versetzte die Zigeunermutter, "aber meine Christmeine Katarine" – verbesserte sie sich, "kommt mir mit ihrem schnellen Geist zuvor. Dieser Handel müsste jedoch grossenteils in person betrieben werden, da man von den meisten Unterkäufern, wie wir aus Erfahrung wissen, doch nur betrogen wird und sich nicht hinlänglich gegen sie schützen kann. Ihr könnt euch jetzt schon denken, wo ich hinaus will. Wir müssten mit unsern Reisen zugleich einen wandernden Kramhandel für gemeinschaftliche Rechnung verbinden, der sich ganz offen in die Karten sehen lassen und viel ehrlicher betrieben werden müsste, als es bei den honettesten Krämern der Fall ist: überall Patente gelöst, jedes Stückchen Ware aufs pünktlichste verzollt, gegen das Gesetz und das kaufende Publikum durch und durch reell und dabei Preise, die jede Konkurrenz schlagen müssen! Das können wir. Es fehlt gar nichts, als dass wir in der Gesellschaft ein Mitglied haben –" "Und dazu ist unser Freund Schwan wie gemacht!" rief ihr Sohn dazwischen.

"Das will ich ja gerade sagen!" rief die Alte eifrig. "Man darf unsern Freund nur ansehen. Wenn er Sonnenwirt wäre an seines Vaters Statt oder sonst ein offenes Geschäft hätte, oder mit einer Kramkiste umherreiste, wie ja fürnehme Krämer mit den kostbarsten Waren hausierenwer würde einem Mann von solch aufrichtiger Physiognomie, von solch leutseligem und bescheidenem Betragen nicht sein Vertrauen schenken?"

"Schönes Kompliment!" rief Bettelmelcher lachend. "Das heisst mit andern Worten: wir sehen aus wie Spitzbuben und er wie ein Biedermann."

"Alles in seiner Art", sagte die Alte, "und jeder an seinem Platz! Was kann unser Freund für sein Gesicht? Er sagt, er sei um sein Mütterliches gebracht worden. Oh, das ist ein grosser Irrtum! Sein Mütterliches guckt ihm aus dem Gesicht heraus. Die meisten Menschen sehen bloss ihrem Vater ähnlich, und die Männer verhärten sich im Leben, das kann nicht anders sein. Wenn aber einer etwas von seiner Mutter hat, so braucht man die Frau gar nicht gekannt zu haben, man sieht's auf den ersten blick, und wenn er noch so finster und grimmig dreinschaut. Ich verstehe mich auf Physiognomien. Das ist ein Gesicht, mit dem es alle, die sich ehrliche Leute nennen, gern zu tun haben, denn man merkt ihm gleich den Deutschen und, was noch mehr sagen will, den Schwaben an."

Die Augen der Alten ruhten bei diesen Worten mit einer brennenden Wärme auf ihm, als ob ihr altes Herz sich noch von jugendlichem Liebesfeuer durchglüht fühlte. Es belästigte ihn, es lächerte ihn, und dennoch tat es ihm wohl. Erst als ihre ältere Tochter den Ausspruch der Mutter mit tätlichen Beweisen der Zustimmung begleiten wollte, fühlte er einen wirklichen Widerwillen und rückte von ihr weg, wie die jüngere vorhin sich von ihm entfernt hatte.

"Die Mutter hat zwei Deutsche zu Männern gehabt", sagte der Zigeuner lächelnd zu seinen Gesellen. "Das verbirgt sich nicht. Aber ihr Vorschlag scheint mir gut."

"Très bon", sagte Bettelmelcher, "das Projekt ist insidiös."

Schwamenjackel sagte nichts, sondern schaute gedankenvoll durch die leere Flasche, die er sich vor die Augen hielt. Die stumme Kundgebung bewog seinen Genossen, dem versäumten Schenkendienste gewissenhaft wieder obzuliegen.

"Was sagst d u zu dem Antrag, Bruder Schwan?" wendete sich der Zigeuner an den Gast.

"Ich rechne mir euer Zutrauen zur Ehre", antwortete dieser, "aber ich weiss nicht, ob ich auf den Posten tauge."

"Zweifel und Bedenken über deine Fähigkeit lassen wir nicht gelten, da gib dir nur gar keine Mühe", erwiderte der Zigeuner. "Es fragt sich bloss, ob du Lust und Liebe hast, dich zu einem gemeinsamen Geschäftsbetrieb mit uns zu verbinden, und ich denke, die Antwort sollte dir nicht schwer werden. Du weisst, ich hab dich schon von Hohentwiel aus mitnehmen wollen, und es hat mir nicht gefallen, dass du durchaus nach Ebersbach gewollt hast. Jetzt sehe ich's noch viel deutlicher ein, dass dein Herumhocken in dieser Gegend zu nichts Gutem führen kann. Deine Hartnäckigkeit bringt dich gewiss noch an den Göppinger Galgen. Mach, dass du in eine andere Luft kommst; es ist allentalben etwas zu verdienen. Und was ist das für eine Existenz, für Leben und Sterben hier und da ein Stück Fleisch oder Brot aus einem Haus zu holen und den Hals dabei zu riskieren, oder einem Brenner aus Malice, weil er einen elenden Fusel hergegeben hat, den Brennhafen fortzuschleppen, den man unterwegs liegen lassen muss! Das mag, wie gesagt, zur Abwechslung dann und wann recht sein, wenn nicht viel dabei auf dem Spiel steht, aber für einen Mann von deinen Gabennimm mir's nicht übel, Schwan, du weisst, ich pflege offen