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er nur die kleineren Stücke und denkt nicht daran, dass ihm so ein grosser Pack verschwinden kann. Wenn er aber etwas merkt, so zieht man nur den Faden auf, dass die Ware durch die Säume auf den Boden fällt, hebt sie auf, als ob man sie zufällig vom Tische gestreift hätte, und überreicht sie mit dem grössten Anstände von der Welt, so dass er noch höflich danken muss."

"Das Schottenfellen", bemerkte der Gast, "scheint mir also bloss ein Geschäft für die Frauenzimmer zu sein. Da haben ja die Männer das Zusehen."

"Ein rechtes Frauenzimmer wird sich's stets als ein Glück anrechnen, für ihren Geliebten arbeiten zu dürfen", sagte die ältere der beiden Schwestern zärtlich zu ihm.

"Die Weiber sind flinker und gescheiter als die Männer", bemerkte die jüngere stolz. "Was die mit ihren plumpen Fingern bei einem Einbruch davontragen, reicht oft nicht, um einen Tag zu leben, während ich auf einem guten Markt, wie sie am Rhein drüben sind, ein paar hundert Gulden an einem einzigen Tag verdienen will."

"Vom Weibsverdienst zu leben, das war nicht nach meinem Geschmack", versetzte der Gast.

"Und ich", erwiderte sie, "möchte mich nicht von einem Mann erhalten lassen. Lieber will ich i h n erhalten, wenn mir einer gefällt."

"Die Männer sind nicht so müssig dabei, wie man meint", sagte die Alte. "Sie haben auf dem Markt einen wichtigen Dienst zu versehen. Einmal müssen sie ihren Schottenfellerinnen die Waren in Sicherheit bringen, damit diese, wenn gerade ein guter Tag ist, wieder ihrer Arbeit nachgehen können. Dann müssen sie den Markt bewachen, nicht bloss gegen die Fleischmänner, die dort Aufsicht halten, sondern oft auch gegen Bekannte, die sich einen Anteil vom Ertrag nehmen wollen und vorgeben, man habe ihnen den Markt verderbt. Ein Mann hat also oft alle hände voll zu tun, wenn der Markt glücklich ausfallen soll, und einer allein ist nicht immer Manns genug, denn wenn's Lärmen gibt, die Fleischmänner über die Weiber herfallen und sie gefangen nehmen wollen, so müssen die Männer sie oft mit Gefahr ihres Lebens befreien."

"Das lässt sich eher hören", sagte der Gast.

"Ja", fiel der Zigeuner ein, "da ist im Pfälzischen drüben so ein vermaledeiter Kerl, der Kastor, der's mit der Kostenbärbel und ihrer Tochter hält. Der führt eine schöne Polizei auf den pfälzischen Märkten, lässt die beide Canaillen unter seiner Aufsicht stehlen, soviel sie wollen; aber andern ehrlichen Leuten, die ein Geschäft machen wollen, passt er um so schärfer auf und jagt ihnen alles wieder ab, nicht für das Amt, sondern für seinen eigenen Sack. Auf dem Bruchsaler Markt, weisst, Margarete, wie wir einmal miteinander dort gewesen sind, da hat er mich auf einmal mit meinem Namen angeredet und hat mir mit Verhaftung gedroht, wenn ich ihm nicht sechs Karolin gebe. Unser ganzes Vermögen bestand damals in einem Schwerttaler und einem Stückchen Wollendamast. Das hat er uns alles abgejagt und der Margarete noch obendrein ihre Haube mit feinen Spitzen, die nicht einmal vom Markt und wenigstens fünf Guldenwert war, und hat uns versprochen, dass er's uns auf dem Germersheimer Markt wiedergeben wolle, wenn wir uns gut halten und ihm die Hälfte unseres dortigen Ertrages abtreten wollen. Hätt ich einen einzigen entschlossenen Mann bei mir gehabt, wie ihr drei seid, da hätten dem infamen Kerl die Ohren sausen sollen."

"Bei einem Nachtgang", bemerkte Schwamenjakkel, "ist doch mehr Mannhaftigkeit und auch mehr Spass."

"Die Mutter meint ja nicht, dass man die Branche ganz aufgeben soll. Zur Abwechslung kannst du dir immer wieder einen Spass machen. Aber recht hat sie: es kommt nicht viel dabei heraus und macht ein aufsehen, dass gleich eine ganze Gegend davon voll ist und dass man viel Berg und Täler zwischen sich und den Ort schieben muss. Warum haben wir Geld? Warum können wir herrlich und in Freuden leben, heute und alle Tage? Weil wir auf den rheinischen Märkten gute Geschäfte gemacht haben. Es ist nur schade, dass man nicht immerfort in der einen Gegend bleiben kann. Wenn aber vier zuverlässige Männer, wie wir, mit unsern Weibern zusammenstehen, dann können wir alle Märkte im schwäbischen und fränkischen Kreis beherrschen. Keiner darf uns ins Handwerk pfuschen, weil die andern nicht zusammenhalten, und gehen wir nach einem festen Plan zu Werke, so dass immer eine gute Zeit verstreicht, bis wir auf den nämlichen Markt zurückkommen, dann können wir ungestört fortarbeiten bis an unser seliges –"

"hänfenes Ende!" ergänzte Bettelmelcher.

"Das hat keine Gefahr, beim Schottenfellen am allerwenigsten", entgegnete der Zigeuner.

"Nein, nein, das Projekt ist gut", versetzte Bettelmelcher.

"Wo aber die Kunden herbekommen, an die man die Waren absetzen müsste?" fragte der Neuling. "Den Kattun oder Damast kann man doch nicht essen oder trinken."

"Das lass deine geringste sorge sein", erwiderte der Zigeuner lachend.

"In ganz Franken und Schwaben", sagte seine jüngere Schwester, "gibt's Pfarrer, Schulteissen, Wirte und sonst honette Leute genug, die bei einem wohlfeilen Einkauf ein Auge zudrücken. Alle Welt verwünscht die Krämer, die auf ihre Zunftrechte pochen