bald mit feineren Schmeicheleien überhäuft wurde. Selbst seine Büchse wurde gelobt, und er glaubte zum erstenmal in einer Welt zu sein, die alles an ihm vortrefflich fand. In diesem behaglichen Zustande störte ihn nichts als das Benehmen der älteren Schwester Margareta, das er auf die Länge auffallend zudringlich fand: sie setzte ihm mit mehr als herausfordernden Blicken und Reden zu und wusste sich dabei auf eine Weise an ihn anzuschmiegen, die ihn zugleich abstiess und doch entzündete. Dies hatte zur Folge, dass er das Feuer, das sie in ihm anfachte, mehr und mehr ihrer jüngeren Schwester zuwendete, die nicht bloss durch ihre Zurückhaltung gewann, sondern bei längerem Anschauen nach und nach eine Schönheit entfaltete, welche das Auge zu immer häufiger wiederholten Besuchen einlud. Diese Schönheit bot weit mehr ein Ganzes dar als die zusammengesetzten Reize ihrer buhlerischen Schwester. Auch konnte der strenge Ernst, der in dem dunklen gesicht mit der geraden wohlgebauten Nase vorzuherrschen schien, einem warmen Lächeln weichen, die festgeschlossenen Lippen konnten zu einem Scherzwort auftauen, das den freien Ton der Unterhaltung überbot, und wenn ihr schwarzbraunes Auge einmal flüchtig über den Gast hinstreifte, so war es ihm, als ob sie hinter diesem stillen blick eine Glut verberge, die sie plötzlich verzehrend auflodern lassen könnte. Er sagte sich vor, er wolle sie nur ein wenig auf die probe stellen, indem er, durch Margaretens freches Strohfeuer erhitzt, sein Knie an das ihrige drückte; sie rückte aber leise weg, und er beschloss, den Versuch nicht so bald zu wiederholen.
Der "Balo" war unter Scherzen und Erzählungen verspeist, wobei die geschichte des Ausbruchs von Hohentwiel, der einem der drei Kühnen das Leben gekostet hatte, den Hauptgegenstand bildete, und das auf einem Baumstumpf aufgelegte Fässchen war schon geneigt, als der Zigeuner zum Beweise für die Schlechtigkeit der Welt die Lebensgeschichte des neuen Freundes zu erzählen begann und ihn dadurch zu Berichtigungen und Ergänzungen nötigte. Die Mitteilung wurde mit der lebhaftesten Teilnahme aufgenommen, und selbst Schwamenjackel bemerkte, es sei scheusslich, so mit einem Menschen umzugehen. "Wie könnte es mir einfallen", sagte die alte Anna Maria, "meine Kinder im Heiraten beschränken zu wollen! Ich hab ihnen stets ihren Willen darin gelassen, es ist ja ganz ihre eigene Sache." Am stärksten aber verurteilte die Gesellschaft das Benehmen der Obrigkeit, die sich in Dinge gemischt habe, welche sie gar nichts angehen. Dabei wurde Friedrichs Standhaftigkeit mit Bewunderung hervorgehoben, und das Gefühl des erlittenen Unrechts, das schon zuvor an ihm zehrte, immer heftiger in ihm angefacht, bis es zuletzt ihm wie den andern feststand, dass die Welt aus lauter Spitzbuben bestehe, die man mit allen Waffen zu bekämpfen berechtigt sei. Die Weigerung des Pfarrers endlich, eine Trauung ohne Trinkgeld, wie es Schwamenjackel nannte, vorzunehmen, rief eine Empörung hervor, welche, von Leuten dieses Schlages ausgesprochen, einen besonderen Nachdruck erhielt und sie selbst wiederum in den Augen des Neulings, besonders wenn er ihre gesellschaftliche Stellung mit der Amtswürde des habsüchtigen Geistlichen verglich, bedeutend heben musste. Sie bekannten sich sämtlich für gute katolische Christen und versicherten mit nicht geringem Stolze, dass ihre Konfession an solchen abschreckenden Beispielen weit ärmer sei.
"Wisst ihr das Stückchen vom Leutnant Löw und seinem Louisd'or?" fragte die jüngere der beiden Zigeunermädchen, und auf Verneinen der anderen erzählte sie: "Eine arme Frau mit einem Kind steht weinend an der Kirche. Begegnet ihr ein Jud und fragt, warum sie weine. 'Der Pfarrer will mein Kind nicht taufen', sagt sie, 'weil ich die Taufgebühr nicht zahlen kann.' 'Ei', sagt er, 'da ist bald geholfen', und gibt ihr einen Sonnenlouisd'or, sie solle ihn dem Pfarrer bringen und sagen, eine Christenseele habe ihr aus der Not geholfen. Darauf geht sie in die Sakristei, und wie die Kirche aus ist, kommt sie ganz vergnügt heraus. 'Nun! wie hat's gegangen?' fragte der Jude, der auf sie gewartet hat. Das Kind sei glücklich getauft, sagte sie, sie hätte freilich geglaubt, der Pfarrer solle ihr auf das Gold herausgeben, was ihm nicht eingefallen sei; aber dennoch hat sie dem Juden tausendmal gedankt. 'Gott's Wunder', sagt der Leutnant Löw, 'wenn der Pf äff herausgegeben hält, so war der Spass freilich noch grösser, aber Dank's wert ist's auf keinen Fall, denn der Luckedor war falsch.'"
Die Gesellschaft brach in ein unbändiges Gelächter aus, in welchem sich Schwamenjackels stimme durch ein eigentümliches Grunzen unterschied. Bettelmelcher lachte, dass ihm die Tränen in den Augen standen.
"Leutnant Löw?" fragte der Gast, als man sich müde gelacht hatte. "Unter welchem Militär gibt's denn jüdische Offiziere?"
Das Gelächter brach von neuem so heftig aus, dass er, in der Überzeugung, ungeschickt gefragt zu haben, mitlachen musste.
"Diese Art Militär", belehrte ihn der Zigeuner, "ist bei Mergental zu haus, steht aber nicht im Dienste des deutschen Ordens, obwohl unter allen Ländern dort am besten zu leben ist, denn der Deutschmeister hat gelobt, nie einen mit einer Todesstrafe zu belegen und nie die Auslieferung eines Flüchtigen zu verlangen, und alle seine Untertanen vom Schulteissen bis zum Nachtwächter halten's mit uns; dort ist kein Bub und kein Mägdlein, das nicht Jenisch versteht.