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haben sich Freunde zu uns gesellt, die auch wieder Nachzügler erwarten, und da hätten wir ja eine ganze Wappensammlung in die Bäume schneiden müssen."

"Was ist denn mit deinem auge passiert?" fragte Friedrich weiter.

"Ich hab eine kleine Ungelegenheit gehabt", antwortete der Zigeuner ausweichend, "und da hab ich den queren Scheinling eingebüsst." "Aber komm", unterbrach er sich, "ich muss dich der Gesellschaft vorstellen."

Er nahm ihn bei der Hand und führte ihn gegen das Feuer, an welchem ein ganzes Schwein briet und einen Duft ausströmte, der einen Hungrigen wohl in Versuchung führen konnte. "Merkt auf, ihr Männer, und spitzt die Ohren, ihr Weiber!" rief er, "hier bring ich euch einen Freund, nach dessen Bekanntschaft ihr euch schon lang gesehnt habt. Das ist", fuhr er mit erhobener, beinahe feierlicher stimme fort, "das ist der Mann, dessen Name in jedem wald zwischen Rhein und Donau mit Hutabziehen genannt wird, obgleich er seinen eigenen Wert nicht kennt, der Mann, vor dem ein ganzes Amt zittert, der Mann, dessen Genie die Festungswerke von Hohentwiel zu einem Kinderkartenhäuschen gemacht hat –"

"Ah!" riefen die drei weiblichen Mitglieder der Gesellschaft, die im Begreifen den Männern vorauseilten.

"Mit einem Wort", vollendete der Zigeuner, indem er seinem Tone noch stärkeren Nachdruck gab, "es ist der berühmte S o n n e n w i r t ."

Mit einem Schrei der freudigsten Überraschung sprangen alle auf und umringten den Ankömmling, der kaum wusste, wie ihm geschah. Er glaubte zu träumen. Ausgestossen, gehasst und verachtet, wie er war, hatte er bis jetzt höchstens die traurige Befriedigung genossen, sich gefürchtet zu sehen, und durch seine Geschicklichkeit im Wildern hatte er sich bei den Hofbesitzern und Bauern eine gewisse eigennützige Teilnahme erworben; aber die Freundschaft, achtung, Bewunderung, ja Ehrerbietung, die ihm hier als einem jungen mann, der schon so Grosses geleistet, erwiesen wurden, und zwar von Leuten, durch deren, wie es ihm schien, ungewöhnliche Bildung und Redeweise er sich zugleich gehoben und gedemütigt fühlte, diese Erzeigungen waren ihm unbekannt, und während seine Bescheidenheit sich gegen das Übermass des Lobes und Preisens sträubte, tat doch die ungeheuchelte Anerkennung, die sich darin äusserte, nicht bloss seiner Eitelkeit, sondern auch seinem Herzen wohl.

"Nun will ich dir die Gesellschaft vorstellen", fuhr der Zigeuner fort. Er deutete auf einen grossen Mann, dessen freundliches Gesicht, unterstützt durch einen feinen, weissblauen Rock, einen günstigen Eindruck machte, nur dass um den lächelnden Mund ein spöttischer Zug lauerte und die etwas gemeine Barchentweste weder zu den silbernen Knöpfen, mit welchen sie besetzt war, noch zu dem feinen Rock recht passen wollte. "Das ist mein Freund Bettelmelcher", sagte er, "ein sehr versierter Kopf, dessen glattem Gesicht man es nicht ansehen würde, wie viel Raffinement dahinter steckt."

Der Mann mit dem abstossenden Namen reichte dem gast die Hand und bewillkommte ihn mit so zierlich gesetzten Worten, dass der widersprechende Eindruck, den sowohl sein Gesicht als seine Kleidung hervorbrachten, bei einem Neuling schnell ausgeglichen wurde.

"Und dieser", sagte der Zigeuner, indem er den andern am arme nahm, "ist mein Freund Schwamenjakkel, ein sehr ernstafter Kerl, wenn er anfängt, denn da heisst's bei ihm: 'Nix Pardon!' aber seinen Freunden treu und anhänglich; wenn er einen einmal zum Freunde angenommen hat, so geht er durch's Feuer für ihnein grundehrlicher Kerl!"

Der also Geschilderte zerdrückte dem Ankömmling die breite, starke Hand, dass dieser das Blut in den Fingerspitzen fühlte, und sagte mit heiserer stimme: "Wollen gut Freund sein." Dann räusperte er sich, als ob die paar Worte ihm die Kehle angegriffen hätten, und nickte stumm dazu.

Er war eine kurze Gestalt, noch etwas unter Friedrichs Grösse, aber dicker. Sein Gesicht war leserlicher als das seines gefährten, aber es bedurfte einiger Überwindung, um darin zu lesen. Ein starker schwarzer Bart, an den unteren Haaren ins Gräuliche streifend, gab den groben Zügen den Ausdruck einer ungeschlachten Verwogenheit; hinter den buschigen Augenbrauen lagen ein paar bösblickende Augen wie in tiefen Höhlen; die niedrige Stirne deutete auf eine harte Entschlossenheit, die wenig nach Überlegung fragte, und das gleichfalls ins Graue spielende schwarze Haar verriet, mit dem noch nicht alten gesicht verglichen, ein Leben voll Mühsal und wilder leidenschaft. Trotz dieser Härte der Erscheinung hatte der Mann nichts Bäurisches in seinem Auftreten; seine Bewegungen waren kurz und sicher, und sein Anstand blieb wenig hinter dem seiner gewandteren Genossen zurück. Seine Tracht aber war noch ungleichartiger als die des Bettelmelchers. Er trug ein graues Kamisol und gelbe hirschlederne Beinkleider, die vollkommen zu seinem gesicht, desto weniger aber zu einer höchst stattlichen braunseidenen Kamelotweste passten. Eine bessere Übereinstimmung zeigte der Anzug des Zigeuners: sein grüner geschlossener Jagdrock schickte sich trefflich zu den weissen Beinkleidern und zu einem Hirschfänger, den er an der Seite trug; aber ein schärferes Auge konnte auch an ihm eine Unvollkommenheit entdecken, denn der Schnitt der Kleider wollte nicht ganz genau zu seinem leib passen. Der Gast aber nahm es mit seiner Musterung nicht so streng, er dachte vielmehr nur an den Gegensatz, den er selbst unter diesen wohlgekleideten Leuten bildete, und verglich beschämt seinen