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den zur Rache entflammten Flüchtling, dessen hellem geist sich hier ein neues Schreckmittel darbot, zum unumschränkten Herrn des Fleckens zu machen drohte. Der Fischer und der Müller, dem sein Knecht blindlings folgte, erholten sich zuerst von den Schrekken jener Nacht, indem bei ihnen die Wut über den Aberglauben siegte. Besonders wurde der Fischer durch die Spöttereien des von ihm herausgeforderten Invaliden aufgestachelt, welcher keine gelegenheit vorüberliess, auf die heimlichen Gastfreunde, die der Sonnenwirtle im Flecken habe, anzuspielen; und er beteuerte sich zu wiederholten Malen, dass er einen Schuss an die ausgesetzten hundert Gulden rücken wolle, verschwor sich auch förmlich mit den beiden anderen Teilhabern seiner Rache, dem Verhassten aufzupassen und ihn lieber tot als lebendig dem amt zu überliefern. Die übrigen Bürger aber fühlten wenig Lust, es mit einem Zauberer aufzunehmen, der vor seinen Verfolgern sich in eine Halbmassflasche verkriechen oder in Pudelgestalt davonrennen konnte. So geschah es einst, dass zehn mit Schaufeln bewaffnete Männer, die ihm nahe bei dem Flecken begegneten, ungeachtet des auf seinen Kopf gesetzten Preises ihn nicht anzugreifen wagten. Sogar im Schlaf erweckte er Furcht, da man glaubte, dass er mit geschlossenen Augen zu sehen vermöge. Zwei Postknechte fanden ihn neben der Landstrasse an einem Raine sorglos eingeschlafen; einer hatte nicht das Herz, sich ihm zu nähern, und ritt davon; der andere aber wagte, ihn zu wecken und ihm bemerklich zu machen, dass er hier nicht sicher sei. Ob jedoch bei solchen Vorgängen nur die Furcht und nicht auch eine menschliche Teilnahme an dem Lose des Unglücklichen mitgewirkt habe, das ist eine Frage, über welche das menschliche Herz wohl kaum einen Zweifel haben wird.

Aber auch dem Geächteten konnten selbst seine erbittertsten Feinde mildere Herzensregungen nicht absprechen. Es war eben um jene Zeit, dass ein Esslinger Metzgerbursche, der auf den Einkauf von Schlachtvieh in die Dörfer der Umgegend ausgesandt war, abends spät noch halb tot vor Schrecken nach Ebersbach kam und ein im wald erlebtes Abenteuer erzählte. Er hatte in einer Dorfschenke einen Unbekannten getroffen, dessen offenes Gesicht ihm gefiel und dem er beim Wein vertraute, dass es ihm nicht wohl zumute sei, mit seinem vielen Gelde abends allein durch die Wälder gehen zu müssen, wo der Sonnenwirtle haus. Sogleich erbot sich der Unbekannte, ihm das Geleite zu geben. Sie tranken noch ein Glas und machten sich auf den Weg. Als sie im dichtesten wald ganz allein gingen und traulich miteinander redeten, blieb der Führer auf einem öden platz am Saume eines finstern Dickichts plötzlich stehen und hob an: "So, jetzt will ich auch sagen, wer ich binich bin der Sonnenwirtle." Der Wanderer fuhr zusammen, wie vom Donner gerührt. Nachdem sich der Geächtete eine Weile an seiner Furcht geweidet hatte, sagte er: "Ich bin nicht so schlimm, wie die leute sagen, ich hab Euch mein Wort gegeben, und das halt ich Euch als Mann von Ehre, ob ich auch noch so reich werden könnt durch Euer Geld; damit Ihr Euch aber nicht unnötig ängstiget, so will ich den ganzen Weg vollends vor Euch hergehen; folgt mir nur, Ihr kommt mit einer ganzen Streifmannschaft nicht sicherer durch den Wald." Er ging voraus, und der Metzger folgte ihm heimlich zagend; aber nach einer Stunde sah er sich wohlbehalten an der Filsbrücke bei Ebersbach. Dort kehrten beide in einem einsamen wirtshaus noch einmal miteinander ein; der Metzger wollte seinem redlichen Führer ein Trinkgeld aufdrängen, dieser aber wies es mit Stolz zurück.

Neben dieser verbürgten Tatsache erzählt die Volkssage aus der gleichen Zeit einen minder sanften Zug von ihm. Auf der Landstrasse, die er ungescheut zu betreten wagte, begegnete ihm einst eine arme Fraudie Sage behauptet, es sei seine eigene Schwiegermutter gewesenund klagte ihm ihre Not, dass sie nicht einmal imstande sei, für ihre Kinder ein Spruchbuch zu kaufen. Er gab ihr sogleich das nötige Geld, und sie entfernte sich unter tausend Danksagungen. Als sie aber später den Weg zurückkam, sah sie ihn, als ob er der Wächter der Gegend wäre, an der alten Stelle ihrer warten und erschrak nicht wenig, als er nach ihrem Korbe griff, in welchem er statt des Spruchbuchs Eier fand, die sie um das Geld gekauft hatte. Ergrimmt über den Missbrauch seines Geschenkes, schalt er sie eine Fresserin und machte sie zur Zielscheibe für die Eier, indem er mit sicherem Wurfe eines um das andere an ihr zerschellte, so dass sie über und über triefend nach haus kam.

Wie ein böser Geist schweifte er um seinen heimatlichen Flecken umher, und wenn er Leute traf, so verhörte er sie, was man in Ebersbach von ihm sage, wobei er niemals unterliess, die grausamsten Drohungen auszustossen, so dass ihm die Sage bereits eine Menge Greueltaten andichtete, ehe er eine einzige begangen hatte. Sein von Groll und Rache umhergetriebenes Gemüt sann die wildesten Taten aus; aber das angeborene bessere Gefühl hielt seine Hand zurück.

Auch der Vogt ermüdete in seiner Verfolgung und schrieb an den Amtmann, da mit Streifen auf dieses carcinoma doch nichts getan sei, so solle man nur noch in der Stille Posten ausstellen und die Eingänge der Häuser, denen etwa sein Besuch bevorstehe, hinlänglich besetzen.

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Der letzte Schnee des Winters war gefallen und wieder gegangen. Der Frühling hatte den Wald mit dem Jauchzen der Vögel erfüllt und das Feld mit dem lichten Meere seiner Blüten überflutet; die Blüten waren gefallen, und der Waldgesang war