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wiederkomme, so lass dir keinen solchen Spass mehr einfallen, ich könnt ein andermal ernstafter aufgelegt sein. Was schaust denn so nach meinem Fuss?" fuhr er ihn an, "ja so, du bist neugierig, ob kein Pferdefuss zum Vorschein komme. Nein, dummer Kerl, das Ding sitzt nicht im Fuss. Sieh, d a sitzt's!" Er klopfte ihm mit dem Knöchel des Fingers an den Kopf, wie man an ein Fass klopft, aber so stark, dass der Bäcker beinahe zu Boden fiel. Dann verliess er das Haus, und der Bäcker schloss abermals die tür, aber ohne den beruhigenden Glauben, dass diese Massregel ihm irgendeine Sicherheit zu gewähren vermöge. Er dachte nicht mehr an das Backen, sondern löschte schnell die Lichter und schlüpfte angekleidet, von Angst und Fieber geschüttelt, in sein Witwersbett.

Der Geächtete ging nach der einzigen Heimat, die er noch in seinem Vaterorte hatte, obwohl auch diese für ihn unzuverlässig geworden war. Er drückte den Riegel der Hintertüre, den Finger durch die Türspalte drängend, leise zurück, und nach wenigen Augenblikken stand er vor dem Bette seiner Schwiegermutter. Auch dieser drang ein eisiger Schreck durch die Gebeine, als sie, plötzlich erwachend, in ungewissem Sternenlichte eine geisterhafte Gestalt mit aufgehobenem Finger vor sich stehen sah und alsbald ihren verratenen Schwiegersohn erkannte.

"Welchen Judaslohn habt Ihr für die Auslieferung gekriegt?" fragte er.

Sie vermass sich mit den höchsten Schwüren, dass sie weder etwas bekommen noch etwas verdient habe und dass der Überfall ihr selbst ganz unversehens gekommen sei. Er liess den Verdacht, der mehr in seinem Gemüt als an bestimmten Beweisen haftete, auf sich beruhen und weckte seinen Knaben. Der Kleine lächelte ihn mit halboffenen Augen wie im Traume an.

"Da siehst, Friederle, dass dein Vater frei ist. Brauchst dich nicht zu grämen. Willst mit?"

"Er wird doch nicht das Kind durch die Wälder rumschleifen wollen!" rief die Alte lebhaft. "Ein Vater kann sein' Buben in dem Alter noch nicht pflegen."

"Er hat ja seine Mutter", antwortete er. "Sie ist frei und wohl aufgehoben."

"Gott sei Lob und Dank!" rief die Alte, sei es, dass eine menschliche Regung sie erfasst hatte oder dass sie ihn in guter Laune zu erhalten trachtete. "Aber wenn auch!" fuhr sie fort, "das ist kein Leben für ein Kind, und mein Hühneraug sagt mir, dass noch einmal Schnee fällt. Lass Er mir nur den Buben da, ich geb ihn nicht her."

Sie kannte ihn wohl und hatte die rechte Saite getroffen. "Wenn Ihr eine gute Ahne seid", sagte er, "so will ich fünfe grad sein lassen. Aber fahret mir säuberlich mit den Kindern, das sag ich Euch. Wo ich auch bin, mein auge zielt immer daher, und ich weiss immer, wie's bei Euch steht, so gut als wenn ich gegenwärtig wär."

Er küsste die Kinder, von welchen das kleinere ruhig fortschlief, und wandte sich zum Gehen.

"Ich will noch einmal mit dem Sonnenwirt wegen der Auswanderung reden", rief ihm die Alte nach. "Wo Er sich mit der Christine aufhält, will ich nicht fragen, damit Er nicht wieder misstrauisch wird. Er kann sich ja von Zeit zu Zeit erkundigen oder durch vertraute leute anfragen lassen. Und halt Er sich nicht hier auf, das Klima ist nicht gesund für Ihn."

"Schon recht, aber erst tu ich noch einen Tuck", antwortete er und war verschwunden. Die Alte fuhr unter die Decke und murmelte ein langes Dankgebet für ihr glückliches Entrinnen.

Am anderen Tage geriet der Flecken in eine unaussprechliche Aufregung, als man die begebenheiten der verflossenen Nacht erfuhr. Ausser dem Besuche bei dem Bäcker, der infolge der erlittenen Schrecknisse krank darniederlag, hatte der Sonnenwirtle noch ein weit tolleres Stück verübt. Er war auf unerklärliche Weise in das Haus seines Todfeindes, des Fischers, eingedrungen, hatte diesen nebst dessen Frau aus ihrem zweischläfrigen Bette aufgescheucht, sich's auf demselben bequem gemacht und das Ehepaar mit vorgehaltenem Gewehr gezwungen, ihm die ganze Nacht Gesellschaft zu leisten. Kochend vor Wut, hatte der Fischer es gleichwohl nicht wagen dürfen, einen Fuss zu rühren oder einen laut von sich zu geben, und war der Gewehrmündung des schwergereizten Feindes, so wie einem bitter höhnenden Witze eine endlose Nacht hindurch preisgegeben gewesen, während nicht weit davon auf dem rataus für die allgemeine Sicherheit gewacht wurde. Vor Tagesanbruch hatte der Eindringling das Haus unter den grässlichsten Drohungen und mit feierlicher Wiederholung des Schwures, dass er den nächsten Angriff unnachsichtlich mit einer Kugel bestrafen werde, verlassen, ohne jedoch dem Fischer ein Haar gekrümmt zu haben, und zufrieden mit der Angst, die er ihn hatte ausstehen lassen. Im Fortgehen aus dem Flecken hatte er sich sodann noch dem oberen Müller ins Andenken geschrieben, indem er ihn mit einem Schuss durch das Fenster begrüsste, der aber, da er von unten nach oben ging und in die Decke schlug, nicht in gefährlicher Absicht versendet sein konnte.

Von diesem Tage an wurde der ausgestossene Sohn des Sonnenwirts von dem im Banne des tiefsten Aberglaubens befangenen Volk zum Helden einer Sage erhoben, welche sein wunderbares Entkommen aus Mauern und Banden dem Bunde mit der Hölle zuschrieb. Der Amtmann war in Verzweiflung, da dieser Hexenglaube vollends alle Tatkraft lähmte und