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andern ein ganzes Handwerkszeug. So gibt's bloss e i n '."

"Wer hätt' sich's auch träumen lassen", begann einer, "dass die Metzelsupp so ausging! Sie hat so lustig angefangen."

"Es kann noch Blutwurst regnen", fiel ein anderer ein. "Jetzt kann's der Fleck büssen müssen, dass man ihm so nachgestellt hat und erst noch vergeblich."

"Es ist auch nicht recht", sagte ein dritter, "dass man einen Menschen zu seinen Kindern lockt und bei ihnen überfällt. So was sollt man ja dem unvernünftigen Tier nicht zuleid tun."

"Ja, 's ist wider die natur", sagte ein vierter. "Ich will nichts davon, und wenn ich auch drunter mitleiden muss, so weiss ich doch wenigstens, dass mich's unschuldig trifft."

Er sagte dies so laut, dass man es in jeder Ecke der stube hören konnte. "Nun, wenn er etwa unsichtbar zugegen ist", bemerkte der Invalide lachend, "so hat er's sicherlich gehört und wird sich darnach richten."

Der Fischer, der bei der veränderten Lage der Dinge die öffentliche Meinung von sich abfallen sah, sagte ingrimmig: "Die Göppinger können warten, bis ich ihnen wieder einen fang und mir für sie die Finger verbrenn."

"Ja", versetzte der Müller, "und meinen sie denn, ihr Unschick sei dadurch ungeschehen gemacht, dass man nicht davon reden soll?"

"Auf die Länge lässt's sich natürlich nicht verbieten", sagte der Schütz. "Der Befehl ist aber, man solle vorderhand kein unzeitig Geschrei machen, wenn er aber so verwegen sei, dass er sich abermals in die hiesige Gegend ziehe, so solle man unverweilt und mit der grössten Öffentlichkeit einen Preis von hundert Gulden auf seinen Kopf setzen."

"Hundert Gulden?" rief der Fischer. "Auf sein' Kopf?" rief der Müller.

"Hundert Gulden, wer ihn bringt, lebendig oder tot", antwortete der Schütz.

Der Fischer schlug die flachen hände auf den Tisch. "Den Preis will ich verdienen", sagte er.

"Ich auch!" rief der Müller.

"Und ich!" rief der Knecht, dem die Gespensterfurcht zu vergehen schien, seinem Meister nach.

Die anderen Gäste tranken schweigend aus, und ihre langen Gesichter verrieten, dass das Gelübde der drei sie nicht sonderlich im Glauben an die Sicherheit des Fleckens befestigt habe. Bei dem allgemeinen Aufbruch waren der Invalide und der Schütz die letzten. "Gelt, Beck, hast auf eine grössere Zech abgehoben?" sagte dieser zum Bäcker, "und jetzt ist auf einmal ein Haar in dein' Wein gefallen. Ich will dich wenigstens einigermassen schadlos halten. Gib mir ein paar Schoppen mit, das Amt soll's zahlen. Es muss heute nacht etliche Mannschaft auf'm Rataus wachen, für alle Fäll. Der Herr will ruhig schlafen können, denn 's ist ihm doch nicht ganz wohl bei der sache. Aber trotzdem bricht er einmal über's ander in ein lachen aus, dass ihm der Bauch wackelt, und sagt vor sich hin: 'Ich vernemme, dass die Anstalten des Herrn Vogts nicht die besten sind.'"

Er empfing den verlangten Wein und ging mit dem Invaliden fort. Der Bäcker, der jetzt allein war, zündete eine Küchenampel an, löschte die Lichter aus und setzte sich in den hinterlassenen Lehnstuhl seiner verstorbenen Frau, um hier die nahe Backstunde abzuwarten, vielleicht auch in der Hoffnung, an die Wachmannschaft auf dem rataus noch etwas von seinem Wein abzusetzen. Er schlief ein, glaubte aber noch nicht lange geschlafen zu haben, als er, durch ein Geräusch oder eine innere Beunruhigung erweckt, die Augen aufschlug. Mit offenen Augen glaubte er zu träumen, denn am Wirtstische sass in dieser späten Stunde eine Gestalt, die den grossen Krug vor sich aufgepflanzt, eine Flasche daraus gespeist hatte und den Wein aus dem gefüllten Glase bedächtig kostete. Der Bäcker schloss die Augen und öffnete sie wieder, aber die Erscheinung war noch immer da und schien greifbare Wirklichkeit zu sein. Durch den Wald von Kopf- und Bartaaren, die das trotzige Gesicht beinahe ganz bedeckten und ihm für einen unter lauter glatten Gesichtern aufgewachsenen Menschen ein fürchterliches Aussehen gaben, erkannte er ihn bei dem armseligen Schein der Ampel, den Gefürchteten, den Schrecken der Gemeinde, des Amtmanns und des Vogts. Sein blick ruhte mit spöttischem Ausdruck auf dem Wirt. "Hast wieder einmal geduselt, Beck?" begann er. "Dein Wein ist nicht besonders. Wie dein Weib noch gelebt hat, hast du einen besseren geführt. Gott hab sie selig, sie war ein braves Weib, schlecht und recht, betete wenig Sprüche, hatte aber Christentum im Herzen und hätte es für eine Sünde gehalten, einen guten Wein zu verderben. Ich will nicht hoffen, dass du ihn schmierst."

"Er steht schon den ganzen Abend im Krug", sagte der Bäcker schüchtern. "Ich will frischen holen."

"Tu das und komm bald wieder, denn ich hab eine Erquickung nötig."

Der Bäcker ging. Sowie die tür sich hinter ihm geschlossen hatte, eilte der seltsame Gast hinzu und horchte. Bald hörte er, wie die Haustüre ging und der Schlüssel langsam und leise darin umgedreht wurde. "Ich