1855_Kurz_155_148.txt

kann – –"

Die stimme brach ihm, er schlug die hände vor die Augen und legte den Kopf auf den Tisch. Es wurde ganz still, nur dass man tief aus seiner Brust herauf ein unterdrücktes Schluchzen hörte. Die Alte sah sich einen Augenblick um, setzte sich dann so, dass sie dem Tische und der tür den rücken zukehrte, und begann hierauf mit einer stimme, die abscheulich lautete, das geistliche Lied zu singen: "Valet will ich dir geben, du arge falsche Welt."

Der Geächtete hatte seinen Empfindungen eine kurze Zeit freien Lauf gelassen, da weckte ihn ein durchdringendes Geschrei seines kleinen Sohnes: "Vater! Vater! Philister über dir, Simson."

Er fuhr auf und starrte, die Augen voll Tränen, in die stube, aber die Bewegung hatte nur dazu gedient, seinen Kopf einer Schlinge preiszugeben, die im gleichen Augenblicke fest um seinen Hals zugezogen wurde. Die stube war voll bewaffneter Männer. Er fuhr mit der Hand nach dem Halse, um sich von der Schlinge freizumachen. Da schrie der Fischer, der unter den vordersten war: "Hand weg, oder du musst verworgen!" Zugleich wurde die Schlinge noch fester angezogen, so dass er taumelte. Er liess ab vom Widerstande und war nach kurzer Zeit an Armen und Beinen so fest geschnürt, dass man ihn ohne Gefahr fortschaffen konnte. Die Alte schickte sich heulend und schreiend an, mit ihrer trüben Ampel zum Haus hinauszuleuchten, und beteuerte ihm fortwährend, dass sie an dem Unglück unschuldig sei. "Mag sein", erwiderte er, sie mit ungewissen Blicken messend, "aber dir, Fischerhanne, ist's geschworenund wenn ihr mir auch die Arm fesselt, die Schwurfinger kann ich doch noch bewegender nächste Streich, den du mir spielst, ist dein Tod." – "Verhoffentlich wird kein weiterer nötig sein", sagte der Fischer, und alle lachten zusammen. Während ein teil der Wachmannschaft den Gefangenen so eilig fortschleppte, dass er nur noch mit den Augen seinem Knaben ein Lebewohl zuwinken konnte, stöberte ein anderer, den Fischer an der Spitze, in der stube herum. Die Alte, als sie dies bemerkte, überliess den Fortgehenden die sorge, wie sie sich ohne Licht zurechtfinden wollten, und eilte in die stube zurück, konnte es aber nicht verhindern, dass die Hasen, als offenbares Herrschaftseigentum, in Beschlag genommen wurden.

Der Knabe war ausser sich, und die Nachbarn, welche halb teilnehmend, halb neugierig hinter den Häschern in die stube gedrungen waren, versuchten ihn umsonst zu trösten. Nachdem die Alte sich über den Verlust ihres soeben zum Geschenk erhaltenen Wildbrets einigermassen beruhigt hatte, schwatzte sie ihm vor, sein Vater werde nur ein wenig zur Mutter nach Göppingen gebracht und werde bald wiederkommen. Er liess sich nach und nach beschwichtigen; über eines aber konnte er sich nicht zufrieden geben: "Mein Vater", sagte er, "hat sonst nie geheult, und jetzt haben sie ihn grad geholt, wo er geheult hat."

In diesem Augenblicke kam der Schütz, zu spät, um an der Gefangennehmung, zu welcher er beordert war, teilzunehmen, aber früh genug, um der Alten eine Nachricht zu bringen, die sie ganz darniederschmetterte. "Wisset Ihr auch, Hirschbäurin", sagte er, "dass Euer zweiter Sohn in Stuttgart hat Soldat werden müssen? Er hat einem Soldaten zur Desertion geholfen, und der Oberst Rieger, der dem Herzog sein Kriegsvolk zusammenwirbt, hat darauf gemeint, er sei ihm als Stellvertreter ebensogut oder noch lieber."

Sie warf sich zu Boden und raufte ihre Haare. Diesmal war ihr Schreien und Heulen ernstlich gemeint. "Jetzt hab ich mein Stecken und Stab verloren!" jammerte sie.

31

"Pass auf, Beck!" sagte der obere Müller, mit seinem Knecht eintretend, im Hausgang zu dem Bäcker, der mit einem grossen Kruge Weins gelaufen kam: "Pass auf, heute kriegst das Haus voll leute! Der halb Fleck ist auf'm Marsch zu dir und will's probieren, ob dein Kesselfleisch so gut ist, wie's dein Weib selig hat machen können. Wir sind die ersten und wollen gleich ein gut's Plätzle besetzen."

Der Bäcker lachte und stiess statt der Antwort die tür auf, durch die man die stube bereits überfüllt von Gästen sah. "Der Müller meint, er sei der erst zur Metzelsupp!" rief er diesen zu. Ein allgemeines Gelächter empfing den verspäteten Gast. "Mach nur, dass du hersitzst!" riefen einige, indem sie zusammenrückten und ihm und dem Knechte Platz machten: "'s ist eine Staatssau gewesen, aber kannst froh sein, wenn du nur noch das Schwänzle von ihr triffst!"

Ungeachtet dieser Drohung, die nicht so ernstlich gemeint war, liessen sich's der Müller und sein Knecht trefflich schmecken, während die Gäste den Bäcker lobten, der seit dem schon lange erfolgten tod seiner Frau keine Metzelsuppe gegeben hatte, und sich zugleich darüber freuten, dass man bei den guten Aussichten auf das heurige Jahr auch einmal wieder einen billigen Wein trinken könne.

Nachdem der Müller seinen Magen gefüllt, sah er sich im Kreise der Gäste um. "Was, der Profos ist auch da?" rief er. "Ich hab gemeint, Ihr lieget am Gliederweh darnieder und könnet kein' Fuss und nächstens kein' Zahn mehr regen