ist."
"Die Geschicht vom Simson ist gelesen worden", antwortete der Knabe.
"Hast du mitlesen dürfen?" fragte der Vater. "Kannst lesen?"
"Noch nicht ganz gut", sagte der Knabe, "'s kommt nur hie und da ein kleiner Vers zum Lesen an mich. Aber die Geschicht hat mir mächtig gut gefallen, wie der Simson den Löwen zerrissen hat und wie er mit dem Eselskinnbacken tausend Philister geschlagen hat und hat ihnen das Stadttor in der Nacht fortgetragen und Füchs in ihre Felder trieben mit brennende Schwänz, und wie er zuletzt das Haus eingerissen hat, dass es auf ihn und alle Philister zusammengefallen ist."
"Du gibst ja recht acht", sagte der Vater freundlich. "Möchtest vielleicht auch ein Simson werden?"
Der Knabe sah ihn verwundert an.
"Gelt, das verstehst du nicht? Was möchtest denn werden?"
"Ich möchte werden, was mein Vater ist."
"Was ist denn dein Vater?"
Der Knabe sah ihn starr an und antwortete auf wiederholtes fragen: "Ich weiss nicht."
"Warum sagst du denn, du möchtest werden, was dein Vater ist, und weisst es nicht?"
"Ha, so sagt jeder Bub, wenn man ihn fragt, was er werden wöll."
"So! Wie heissen sie denn deinen Vater?"
"Er sei söllig stark, so dass alles Angst vor ihm haben müss."
"So? und was sagen sie sonst von ihm?"
Der Knabe schwieg.
"Wie gehen denn deine Kameraden in der Schule mit dir um? Sag's, ich will's wissen."
"Sie lassen mich nicht ins Buch neingucken, so dass mir der Schulmeister schon oft eine besondere Bibel geben hat, und einmal, wo sie wüst gegen mich gewesen sind, hat der Schulmeister zu ihnen gesagt, sie sollen mich gehen lassen, ich sei ein unglücklich's Kind, ich könn nichts dafür."
"Für was?"
Der Knabe schwieg.
"Ich befehl dir's, ich will wissen, was sie von deinem Vater gesagt haben."
Er musste seinen Willen im gebietendsten Tone geltend machen, bis der Knabe endlich schüchtern und zögernd antwortete: "Sie sagen – Er hab – gestohlen."
"Und wenn das wahr ist, so willst du dennoch werden, was dein Vater ist?"
"Ja."
"Was ist einer, der stiehlt?"
Er bedurfte abermals der grössten Anstrengung, um aus dem Knaben die Antwort herauszubringen: "Ein Dieb."
"Ein Dieb also willst werden?"
"Ja."
"Wart, ich will dir einen Denkzettel geben! Ahne, wo ist die Rute?"
Er gewahrte nicht, dass die Alte nach langer Abwesenheit erst in diesem Augenblick wieder in die stube trat und die tür ein wenig hinter sich offen liess. Sie bat für den Knaben, als sie hörte, um was es sich handle, und suchte dem unglücklichen Vater bemerklich zu machen, dass das Kind sich nicht auszudrücken vermöge und dass er ihm noch keine Unterscheidung zumuten dürfe. "Nein", sagte er unerbittlich, "man soll mir nicht nachsagen, dass ich den Buben zu solchen Gedanken angeleitet oder ihm's auch nur zugelassen hab, und wenn ich keine Rute haben kann, so tut's auch die Hand."
Er zog den Knaben zwischen die Knie und patschte ihn mit seiner kräftigen Hand so nachdrücklich, dass derselbe mit offenem Mund schnaubte und schnappte; doch gab er keinen laut des Schmerzes von sich.
"Was heulst nicht, du Krott?" fragte der Vater, in seinem wenig überlegten Besserungsgeschäfte innehaltend.
"Ich hab immer gehört, mein Vater hab nie geheult, wenn man ihn auch noch so arg geschlagen hab", antwortete der Knabe, nicht trotzig, aber mit entschiedenem Tone und seinem Vater ruhig ins Auge sehend.
Dieser liess die Hand sinken und zog den Knaben in seine arme. "Ach, Friederle, mein Kind, mein lieb's Kind", rief er, "ich hätt dich ja gewiss nicht geschlagen, wenn ich allezeit bei dir wär und dich im Guten unterweisen könnt. Aber ein Dieb sollst und darfst du mir nicht werden, das verbiet ich dir hoch und teuer. Glaubst du, dass ich's gut mit dir mein?"
"Ja", sagte der Knabe, indem er ihn mit seinen blauen Augen aufrichtig ansah.
"Willst mir's nachtragen, dass ich dich geschlagen hab?"
"Nein."
"Willst mir versprechen" – er drückte ihn immer heftiger an sich und schrie ihm die Worte ins Ohr: "werde brav! werde rechtschaffen! Du musst nicht meinen, es müsse dir auch gehen wie deinem Vater! Es geht nicht jedem so, es darf dir nicht auch so gehen! Wenn du älter bist und mehr weisst als jetzt, dann wirst du einsehen, dass du kein Dieb zu werden brauchst, wenn du deinem Vater anhänglich sein willst. Dann wirst du aber auch verstehen, dass dein Vater nicht so schlecht gewesen ist, wie die leute von ihm gesagt haben. Und deine Mutter, die du so wenig gesehen hast, ist eine gute Mutter, Kind, und kann nichts dafür, dass sie nicht öfter nach dir sieht, und wenn sie wieder bei dir sein