1855_Kurz_155_145.txt

den Bösewicht in ihr Haus zu locken, genügsame Mannschaft mit Gewehr und Prügeln dahin verstecken und denselben achtzehn Gulden, der Müllerin aber, wenn der Fang mit ihrer Beihilfe gelungen sein werde, – zwei Gulden als Belohnung ausbezahlen.

Dritter teil

30

"Gesegnete Mahlzeit beieinander! Das ist ja schön, dass man die Ahne und die Kinder bei der Gottesgabe findet, die Leib und Seel zusammenhält."

Mit diesen Worten trat der Geächtete durch die tür ein, deren Schwelle er so manchmal in Glück und Leid überschritten hatte. "Was speist man denn?" fragte er heiter.

"Rübelessupp und Grundbirn!" antwortete der Knabe, der mit der Grossmutter und seinem kleinen Schwesterlein zu Tische sass und mit seinem Löffel der gemeinsamen Schüssel wacker zusprach.

"Will Er's nicht mitalten?" fragte die Hirschbäuerin, ohne sich in ihrer eifrigen Beschäftigung stören zu lassen.

"Danke! was für drei gekocht ist, ist nicht für vier; man muss keine Deichsel an die Suppenschüssel machen. Im Gegenteil bring ich hier ein paar Brätlein. Wenn Ihr's nicht essen wollt, so könnt Ihr's unter der Hand zu Geld machen." Er hielt ihr ein paar Hasen hin. Bei diesem Anblick legte sie schnell den Löffel auf den Tisch, ergriff das Geschenk und trug es in eine Ecke der stube, wo sie einen leeren Korb darüberdeckte.

Der Ankömmling setzte sich an den Tisch, holte einen hölzernen Löffel aus der Schublade und fütterte das Kleine, das erwartungsvoll nach der Grossmutter hinstarrte, aus der Schüssel, ohne sich selbst einen Bissen zu gönnen. Bei dem trüben Schein der armseligen Ampel blickte er abwechselnd seine Kinder an und freute sich, dass es ihnen so gut schmeckte.

"Wo ist denn der Lobele blieben?" fragte die Alte, sich wieder an den Tisch setzend.

"Mein weissköpfigs Schwägerle", erwiderte er, "hab ich in Rechberghausen beim Christle gelassen. Ich hab einen weiten Umweg machen müssen" – er warf einen blick nach der Ecke, wo die Hasen lagen – "wo ich ihn nicht hab mitnehmen wollen, und ihn allein heruntergehen zu lassen, dazu ist mir's zu spät gewesen. Morgen früh ist er wieder da. Ist's richtig, was er mir ausgerichtet hat? Mein Vater will sich also zu einem gütlichen Abkommen mit mir verstehen?"

"Ja", sagte sie, "er hat mich kommen lassen und hat so mit mir geredt, dass ich glauben muss, es sei sein Ernst. Vierhundert Gulden will er Ihm geben, wenn Er mit der Christine und den Kindern nach Pennsylvanien geht, die Hälfte bar und die Hälfte drüben, aber das Bare nicht eher, als bis mit der Abreis alles im reinen sei. Bis dahin will er sorgen, dass den Kindern nichts abgeht."

"Wenn nur die Christine frei wär, dann ging ich gleich", versetzte er. "Wisst Ihr nichts von ihr?"

"Nein."

"Einundzwanzig Wochen sind es jetzt, dass ich ihr Gefängnis umschwärme", sagte er. "Was ich in dieser Zeit durchgemacht hab, wird nicht bald einem Zigeuner vorgekommen sein, denn der hat doch noch die Wahl, in welcher Gegend er sein Nachtquartier nehmen will, und wenn's auch nur in einer Höhle wär. Ich aber bin wie ein böser Geist immer in das Revier da gebannt gewesen."

Die Alte lächelte schlau. "Beim Krämerchristle", sagte sie, "hat's doch gewiss nicht an Loschement gefehlt."

"Beim Christle", sagte er, "kann ich meinen kleinen Schwager unterbringen, wenn er mir eine Botschaft tut und ich ihn nicht in der Nacht heimlassen will, und vom Christle nehm ich's an, wenn er, wie ein paarmal geschehen ist, in meiner Abwesenheit meinem Weib oder meinen Kindern etwas schickt, zumal wenn das" – er sah die Alte scharf an – "nicht für die Schleckerei, sondern für die bittere Notdurft ist. Beim Christle und sonst da und dort bin ich selber auch ein paarmal über Nacht gewesen, wenn man ein gemeinsames Geschäft vorgehabt hat, bei dem der Nutzen zum kleinsten teil auf meiner Seite gewesen ist. Aber wenn gleich Rechberghausen nicht dem Herzog von Württemberg, sondern dem Grafen von Preising gehört, so hätt ich doch dem Christle nicht zumuten mögen, einem vogelfreien Menschen, wie ich bin, nach dem man über jede Grenze streifen darf, einen beständigen Aufentalt zu geben. Nein, Schwieger, ich bin in diesen einundzwanzig Wochen das wenigste Mal unter Dach und Fach gekommen, und wenn ich nur in einer Scheuer hab unterkriechen können, so ist das ein Festtag für mich gewesen. Die meiste Zeit aber hab ich tief im Wald, oft auch im freien Feld, auf dem Schnee geschlafen, ein paar harte Felle von geschossenem wild zur Decke und den kalten, sternglitzernden Himmel über mir. Wenn mir früher jemand behauptet hätte, das sei ein Mensch auszuhalten imstand, ich hätt ihm nichts davon geglaubt. Aber seht nur meine Kleider an: die zeugen am besten von meiner Lebensart; im Herbst sind sie noch ganz neu gewesen, und jetzt hängen sie halb in Fetzen an mir herum. Und wenn mir nicht der grosse Bart gewachsen wär, so könntet Ihr sehen, wie ich abgemagert binnichts als Haut und Knochen. Und fasten hab ich gelernt, wie kein katolischer Heiliger; ich bin ordentlich