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nächsten Ritt auferlegt."

"Da er eine wenig erbauliche Figur zu Pferd machen wird, so ist er dieser Prästation zu entlassen", verfügte der Amtmann.

"Wenn's der Herr Amtmann nicht ungnädig nehmen wollten", wagte der Sonnenwirt einzuwenden, "es ist auch das eine von meinen vielen Sorgen und Verlegenheiten. Die ganze Metzgerzunft wird mir aufsässig wegen des beständigen Reitenmüssens, so dass ich nächstens nicht mehr weiss, wem ich den Tag ansetzen soll. Sie klagen, es koste sie so gar viele Zeit und bringe sie im Verdienst zurück. Ein mancher kommt gar nicht mehr zu mir zur Zech, und das ist mir ein empfindlicher Verlust."

"Es ist aber auch keine geringe Last für die Leute", sagte der Amtmann. "D a r i n hat der Kreuzwirt recht, dass Sein entarteter Sohn dem Flecken einen horrenden Schaden zufügt. Wenn alle leiden müssen, so darf Er am wenigsten zurückstehen. Es wäre vielleicht doch gescheiter gewesen, Er hätte fünfe grade sein lassen und die Mariage zugegeben."

Der Sonnenwirt fühlte sich wie zu Boden geschmettert. Derselbe Mann der Autorität, der sich so durchgreifend gegen diese Heirat erklärt und seinen Arm zu ihrer Hintertreibung hergeliehen hatte, machte ihm jetzt Vorwürfe, dass er seinem Sohne nicht den Willen gelassen habe. Er sah den Amtmann mit einer flehenden Jammermiene an, verstummte aber unter der Bürde, die ihn niederdrückte.

Die Amtmännin kam ihm zu Hilfe und erinnerte ihren Mann, dass, wenn sein Vorwurf begründet wäre, er ihn nach seinem eigenen Geständnis ebensogut und noch stärker treffen würde als den Sonnenwirt.

"Ach Gott!" sagte dieser, dankbar für den Beistand, "wenn Sie erlauben, Herr Amtmann und Frau Amtmännin, ich hab überhaupt schon lange Zeit keine gute Stunde mehr in meiner Familie. Seit mein Sohn amtlich für einen Erzböswicht erklärt worden ist und jetzt natürlich nichts mehr an mir erben kann, wenn ich ihn auch einsetzen wollt, seitdem ist der Hader zwischen meinem Weib und meinen Tochtermännern los. Sie liegt mir immer an, ich soll ein Testament zu ihren Gunsten machen, und das müssen die beiden anderen, der Chirurgus voran, gemerkt haben."

"Sie hat ja keine Kinder", bemerkte der Amtmann.

"Wohl 'geben, aber sie hat Verwandtschaft, die sie auf die 'Sonne' bringen möchte."

"Da würde ich vor allen den Chirurgus bedenken", riet der Amtmann. "Der Mann hat savoir vivre, gibt einen gewandten Wirt und wäre wohl am meisten geeignet, die 'Sonne' im Flor zu erhalten."

Der Sonnenwirt versprach, diesen guten Rat in Erwägung zu ziehen, gegen welchen die Amtmännin keine Einsprache tat. Als er sich empfehlen wollte, hiess ihn der Amtmann noch bleiben und unterredete sich mit ihm über den Hauptzweck, wegen dessen er ihn hatte rufen lassen wollen. Er teilte ihm den Inhalt des oberamtlichen Schreibens mit und forderte ihn auf, sich zuvörderst darüber auszusprechen, ob die Hirschbäuerin wohl dazu zu bringen wäre, einen Verrat an ihrem Schwiegersohne zu begehen.

"Die ist eine Schmotzampel an Leib und Seel", antwortete der Sonnenwirt, "die verkauft ihren Herrgott, wenn sie nur Geld sieht. Das ist auch ein Grund gewesen, warum ich meinen Sohn nicht hab in die Familie heiraten lassen wollen."

"Mir kommt da ein guter Einfall", sagte der Amtmann. "Ich hatte neulich in alten Akten und Urkunden zu stöbern und machte dabei zufällig die Entdeckung, wie es mit dem Leibeigenschaftsverhältnis der Hirschbauernfamilie bewandt ist. Der erste des Namens hat das Haus als eine Art Wildhüter zu Lehen erhalten mit der ausdrücklichen Bedingung, Jagd auf die Wilderer zu machen. Da nun gar kein Zweifel sein kann, dass Sein Sohn neben anderen ähnlichen Beschäftigungen auch diesem ehrsamen Gewerbe obliegt, so könnte man es ihr als eine Servitut auferlegen, dass sie die Hand zu seiner Beifahung zu bieten habe, widrigenfalls die herrschaft berechtigt wäre, sie von Haus und Hof zu jagen."

"Für den Notfall", erwiderte der Sonnenwirt, "kann diese Drohung nichts schaden, aber sie wird kaum vonnöten sein. Auf den Abend will ich das alt Weib zu mir kommen lassen und hoff, in kurzem dem Herrn Amtmann erwünschte Antwort zu bringen."

Er wünschte einen glückseligen Tag und ging, ohne sich zu fragen, ob das Vorhaben, das er der Hirschbäuerin gegen ihren Schwiegersohn zutraute und um dessenwillen er sie verurteilte, ein anderes sei als das Vorhaben, das er gegen seinen eigenen Sohn bereits auszuführen im Begriffe war.

Auch der Amtmann und seine Frau dachten an eine solche Vergleichung nicht. "Wenn der Sonnenwirt die 'Sonne' dem Chirurgus zuwendet", sagte der erstere lachend, "so stirbt die Sonnenwirtin, sobald sie etwas vom Testament erfährt, am Gallenfieber."

"Das wäre dem Mann je eher je lieber zu gönnen", versetzte die Amtmännin. "Er hat nicht zum besten mit ihr gelebt, und sie ist auch in der Tat, so wie man sie näher kennenlernt, eine herzlose, neidische, maliziöse Kreatur."

Der Himmel weiss, womit die sonst so kluge Sonnenwirtin es bei der gestrengen Frau verschüttet haben mochte.

Schon am nächsten Morgen ritt eine Staffette nach Göppingen mit der Meldung des Amtmanns an den Vogt, dass alles sich nach Wunsch anlasse, und mittags hatte der Amtmann vom Vogt die Weisung, er solle, da die alte Müllerin versprochen habe,