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zurückgelehnt, so dass sein Schlafrock von Damast mit grossen Blumen auseinandergefallen war und die lange goldbordierte Weste nebst dem goldenen Uhrgehänge über dem stattlichen leib sehen liess. Er war bis zu den seidenen Strümpfen und den Silberschnallenschuhen herab so vollständig angekleidet, dass er nur den Schlafrock wegzuwerfen und in den Tressenrock zu schlüpfen brauchte, um eine Staatsvisite zu machen oder zu empfangen. Dieser Voraussetzung widersprach jedoch sein Haarbeulel, der, entweder nachlässig gebunden, oder infolge unruhiger Bewegungen des Kopfes wieder aufgegangen, in trauriger Unordnung über die Lehne herabhing und seinen Puder auf den Boden verstreut hatte, dabei aber vollkommen zu dem gesicht seines Trägers stimmte, in dessen Zügen der äusserste Verdruss zu lesen war.

Die Amtmännin trat in der Hausjacke und Morgenhaube herein. "Schauderhaft!" rief sie und beeilte sich, den anarchischen Haarbeutel wieder in die Schranken der Ordnung zurückzubringen. Dann legte sie die Hand auf die Stuhllehne und blickte ihren Gatten aufmerksam an. "Du bist nicht gut bei Laune, mein Schatz", begann sie endlich.

"Man kann nicht immer bei Laune sein, mein Schatz", erwiderte der Amtmann, dem die Verbesserung seines Kopfputzes unbequem gewesen sein mochte, obgleich er dabei stillgehalten hatte.

"Und dein Gesicht", fuhr sie fort, "nimmt neuerdings eine gewisse blaurötliche Färbung an, die mir Besorgnis einflösst. Du solltest dir mehr Bewegung machen, du steckst noch so tief in den Wintergewohnheiten. Der Schnee ist weg, das Wetter macht sich leidlich: soll ich dir nicht deine Jagdstiefeln bringen lassen?"

Der Amtmann wendete sich unmutig ab. "Du könntest mich ebensogut vergiften, Sibylle", sagte er, "als mir einen solchen Rat geben."

"Ich kann dich nicht kapieren, Daniel!" erwiderte sie befremdet und scharf, denn sie war dieses Tones von ihrem mann ungewohnt. Als Leute, die mit der Zeit fortgeschritten waren, liebten beide die von ihren altmodischen Eltern ihnen in der Taufe beigelegten Vornamen nicht sonderlich und pflegten sich deshalb nur dann bei diesen Namen zu nennen, wenn sie von einer etwas stechenden Laune gegeneinander befallen waren.

Der Amtmann, der das Nachgeben mehr durch die Leitung als durch das eigene Beispiel seiner Frau gelernt hatte, dämpfte seinen Ton ein wenig und sagte erläuternd: "Du scheinst nicht daran zu denken, dass der vermaledeite Bursche, der Sonnenwirtle, in den Wäldern haust. Sonst sollte mich der Winter nicht von der Jagd abgehalten haben. Mein ganzer Chagrin rührt ja einzig und allein von diesem Lotterbuben her."

"Er hat noch niemand angefallen", sagte die Amtmännin. "Er holt sich hie und da Viktualien, wo er sie findet. Das ist alles. Und du kannst ja Mannschaft genug mitnehmen."

"Du bedenkst gar nicht, dass er auf m i c h eine spezielle Pike hat", versetzte der Amtmann.

"Ich halte ihn nicht für so rachsüchtig", erwiderte sie. "Bei seiner Kühnheit, Stärke und Verschlagenheit hätte er sonst hier, wo er doch manchen hasst, schon das grösste Unheil anrichten können."

"Wer steht dir dafür, dass es nicht noch geschieht?" rief der Amtmann. "Solang seine Konkubine in Göppingen gefangen sitzt, wird er sich hüten, die Strenge des Gesetzes gegen diese Geisel herauszufordern. Wenn sie aber einmal frei ist, und ewig behalten kann man sie nicht, weil sie nichts Erweisliches pecciert hat, so wird er schon die Hörner herausstrecken. Ich sehe es kommen, dass er das Handwerk, wenn's im kleinen nicht mehr geht, ins grosse ausdehnt und sich in den Orden der Jauner aufnehmen lässt."

"Nun, diese gibt's wenigstens in unserer Gegend nicht."

"Sie sind überall und nirgends: wenn sie heute ausbleiben, so sind sie dafür morgen da. Diese politischen Blutigel, die sich auf mehrere Tausende belaufen mögen, scheinen eine inexstirpable Landeskalamität zu sein. Sie kosten der Gesamteit der verschiedenen Dominien in Schwaben jährlich Hunderttausende von Gulden, teils an Erbetteltem und Gestohlenem, teils an Unkosten, die gegen sie aufgewendet werden müssen. Ich glaube auch nicht, dass man eher mit ihnen fertig wird, als bis statt der ohnmächtigen General streifen des schwäbischen Kreises einmal das ganze Land in Masse wider sie aufsteht, sie auf einen Punkt zusammentreibt und alles über die Klinge springen lässt. Und ich habe eine Ahnung, dieses Scheusal von einem Menschen wird sie uns noch auf den Hals ziehen, um sein Mütlein an uns zu kühlen."

"So benutze die Zeit, eh sie kommen, zu einer Erholungsreise, wenn dir kleinere Ausflüge nicht zusagen."

"Hat sich was zu reisen!" rief er ärgerlich. "Dieser Auswurf der Menschheit hält mich ja wie einen Hund an der Kette fest. Alles zittert vor ihm: wenn ich fortginge, so liefe mir der ganze Flecken nach. Und dennoch könnte ich mich bemüssigt sehen, ein wenig nach Stuttgart hinabzufahren und unseren Gönnern in der Regierung aufzuwarten, um den üblen Insinuationen des Vogts zu begegnen, der seine Angst vor diesem Cartouche an mir Unschuldigem auslassen will und mich unaufhörlich mit Vorschriften tormentiert und mit Vorwürfen überhäuft. Fürwahr, der hat den Titel Expeditionsrat nicht umsonst. Er expediert einen Erlass um den andern daher und wird den Flecken, wenn es so fortgeht, noch an den Bettelstab expedieren, aber der ganze Stoss" – er warf bei diesen Worten den Haufen der vor ihm liegenden Ausschreiben unwillig durcheinander – "hat bis