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was man nicht weiss. In einem Wirtshaus lässt sich manches verschleppen, man kann da nicht so nachrechnen, wo die Sachen hinkommen. Ich möchte doch auch wissen, aus welchem Beutel er auf dem Tanzboden immer so dick getan hat."

"Ich glaube, er hat dem Herzog hier und da einen Hirsch weggebüchst", sagte der jüngere Müller.

"Ja, ja", rief der Fischer, "die Flinte, die er als Bub von seinem Vater kriegte, hat ihre Früchte getragen. Das ist die zweite gefährliche Kunst, die er schon gelernt hat, eh er hinter den Ohren trocken war."

"Nu, wenn's weiter nichts ist", sagte der ältere Müller, "so wollt ich nur, er tat alles wegbüchsen, was mit Geweih und Hauer in Wald und Feld spaziert. Das wär ein Verdienst, für das man ihm, weiss Gott, bei allen Gemeinden im Ländle das Bürgerrecht geben dürfte."

"Freilich", stimmte der Knecht ein, "Wildern ist keine Sünd, nur darf's nicht herauskommen."

Und gegen diesen festen Glaubenssatz wagte selbst der hartnäckig grollende Fischer nichts einzuwenden.

"Was hat ihn denn zum zweitenmal in das Ding da, das man nicht gern beim Namen nennt, gebracht?" fragte der Knecht weiter.

"Seine Gewalttätigkeit", antwortete der Fischer.

"Eine Prügelei", erwiderte der jüngere Müller gleichmütig.

"Was die Prügelei betrifft, da kann ich nicht wider ihn sein", sagte der ältere. "Gib acht, Peter, das musst dir erzählen lassen, das ist ein Staatsstückle. Der Kreuzwirtden kennst du ja, er hat seinen Namen nicht umsonst, denn er ist gar ein frommer Kreuzträger und eine wahre Kreuzspinne dabeider hatte von jeher ein scheeles auge auf den Frieder gehabt."

"Auf den Alten auch. Der verzeiht's ihm heute noch nicht, dass er ihn beim Kirchenkonvent angebracht, weil er einen Ochsen geschlachtet hatte am Sonntag. Der Sonnenwirt wurde damals um ein Pfund heller gestraft."

"Auch den Frieder", fuhr der ältere Müller fort, "hat er einmal bei seinem Vater verschwätzt, so dass er Hiebe von ihm kriegte. Der Alte hat nachher selber eingestanden, er habe dasmal seinem Sohn unrecht getan."

"Ja", fiel der jüngere ein, "ich hab's mit meinen eigenen Ohren gehört, und ich war dabei, wie er zum Frieder sagte, er solle es nur dem Kreuzwirt bei gelegenheit wieder eintränken."

"Und dies ist auch gekommen", fuhr der ältere fort. "Denn so eine Teufelsgelegenheit bleibt niemals aus. Nun, was geschieht? Auf dem Heimweg vom Kirchheimer Markt trifft der Frieder mit dem Kreuzwirt zusammen, und der fängt an, ihn zu hänseln und zu rätzen, denn so gottselig er sich stellt, das Necken und das Kratzen kann er nicht lassen. Zuletzt, wie er noch nicht genug hatte, kommt er auch auf die Zuchtausstrafe, die der Frieder durchgemacht hatte, und sagt zu ihm: 'Du bist ein ganz geschickter Kerl, dir kann's nicht fehlen, du verstehst ja zwei Handwerk, das Metzgen und das Wollkardätschen; wenn dir's in einem fehlschlägt, so kannst du dich auf das andere werfen.' – Er das sagen, und der Frieder ihn am Kragen nehmen und zu Boden werfen, das war eins. Der hat Prügel gekriegt! Nun, der Fischer weiss ja, was der Bub für eine Tatze hat."

"Es ist ihm recht geschehen", sagte der jüngere Müller. "Einen Gefallenen muss man aufheben undnicht noch tiefer niederdrücken."

"Pass nur auf, Peter, jetzt kommt erst der Hauptspass", fuhr der ältere fort. "Wie er ihn genug geprügelt hatte und ausschnaufen musste, so sagt er zu ihm, er solle ihm jetzt versprechen, dass er dessentwegen nicht klagbar werden wolle. Der Kreuzwirt, am Boden, verspricht's mit Ach und Krach und schwört's ihm hoch und teuer. Der Frieder aber, wie er den Schwur hört, fällt er abermals mit neuer Kraft über ihn her. 'Sieh, meineidige Kanaille', sagt er, 'ich weiss, dass du doch nicht Wort hältst, und dafür will ich dich gleich im voraus prügeln.'"

"Das ist ja ein Fetzenkerl!" rief der Knecht mit ungeheuchelter Bewunderung aus.

"Der Kreuzwirt klagte auch richtig beim Amt, und da kam eben mein Frieder noch einmal auf ein halb Jahr nach Ludwigsburg."

"Es heisst von ihm wie vom Esau", sagte der Fischer: "'Seine Hand war wider jedermann und jedermanns Hand wider ihn.'"

"Hast das fromme Sprüchle vom Kreuzwirt gelernt?" spottete der jüngere Müller. "Nein", fuhr er fort, "dem haben seine Prügel gebührt, und ich bin dem Frieder nicht feind darum. Wenn nur die Schand nicht wär, denn Zuchtaus ist eben einmal Zuchtaus."

"Meint Ihr, Vetter?" rief der ältere. "Es kommt auch darauf an, von wegen was man ins Zuchtaus kommt. Und wenn einer sonst guter Leute Kind ist, so kann man so einen Unschick wieder vergessen. Wenn er jetzt unter eine tüchtige Hand käm und gehobelt würdein zehn Jahren könnt er der angesehenste Mann sein und tat kein Hahn mehr darnach krähen