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vielleicht wird ihr auch viel verziehen, und ehrlich ist sie auf alle Fäll.' Er ist's dann zufrieden gewesen. Ob sie ihm alles von mir gesagt hat, weiss ich nicht, es ist nie zwischen uns die rede davon gewesen, aber ich hab in dem Haus gelebt wie im Paradies. Die leute sind fromm, nicht bloss mit Morgenund Abendsegenlesen, sondern reden auch den ganzen Tag von frommen Sachen, wie's eben das Geschäft erlaubt, denn darin versäumen sie nichts; aberich weiss nicht recht, wie ich mich ausdrücken sollin ihrem Christentum ist so etwas Gegenwärtig's, das nicht bloss hoch im Himmel droben oder weit fort im jüdischen Land, sondern mitten in Denzlingen drin ist und immer dem heutigen Tag und der jetzigen stunde gilt, ganz anders als man's sonst in der Kirch und im Leben trifft. Und grad so sind des Pfarrers auch, drum halten sie auch zusammen, wie man's selten bei Pfarrer und Schulmeister find't. Dabei sind sie allweil guter Ding und oft sogar recht lustig und zum lachen aufgelegt, besonders der Pfarrer macht gern allerlei Spässle, und der Schulmeister antwortet ihm drauf, lassen sich auch nichts abgehen, wiewohl sie gar nicht dick tun und ihr sache reichlich mit der Armut teilen. Aber freilich, sie haben's auch, und wer bei ihnen ist, wird alle Tage satt. Ich hab oft nachts vorm Einschlafen dran denken müssen, wie mir's so gut geht, und wo du jetzt auch umirren werdest, und ob meine arme Kinderle satt ins Bett gangen seien, denn ich sag dir's ungern, aber 's ist hohe Zeit, dass wir nach ihnen sehen: meiner Mutter ist das Tischtuch lieber als das Hungertuch, sie hat zwar nie viel gehabt, aber je ärmer sie wird, desto schleckiger ist sie, sie verschleckt alles, was sie kann."

"Das muss aufhören", sagte er. "heute abend sind die Kinder da, wo sie hingehören: bei uns. Jetzt ist nur noch die Frage, wie ich mich mit meinem Vater auseinandersetzen soll. Seine Antwort hat mich wenig kümmert, ich hab vorher mit dir einig sein wollen. Hättest du jetzt eher Lust, aus deinem Paradies heraus mit mir nach Pennsylvanien zu gehen?"

"In den Mond, wenn's nicht anders sein kann", erwiderte sie. "Die Hauptsach ist, dass wir beieinander sind, wir und die Kinder, drum hat's mir auch kein' Augenblick zweifelt, was ich tun soll. Aber hör, wenn's dein Vetter so gut mit dir meint, wie du sagst, könnten wir denn nicht bei dem ein Plätzle finden, oder tät er uns nicht zu einem verhelfen, dass wir nicht so weit fliegen müssen und unterwegs vielleicht die Flügel verstauchen?"

"Ja sieh", antwortete er, "der Vetter hat's freilich gut mit mir vor, aber Welt ist überall Welt, er sieht auch aufs Greifbare und fragt nicht danach, ob's Motten und Rost fressen. Darum hätt ich ihm nicht meine ganze Absicht anvertrauen mögen, weil er mir mit einem einzigen Wort dazwischen hätt fahren können. Wenn ich aber mit dir und den Kindern da bin, so kann er auf keinen Fall verlangen, dass ich euch wieder heimschicken soll; und wenn alle Sträng brechen, nun, dann ziehen wir eben weiter, bringen uns im Krieg mit Marketendern fort oder gehen übers Meer."

Sie sah ihn zweifelhaft an und schwieg, aber der heitere Schimmer von Hoffnung, der ihr Antlitz neu zu beleben begonnen hatte, wich allmählich wieder aus ihm, und jener Zug leidender Geduld und Entsagung, der den Frauen aus dem volk einen so mitleiderregenden Gesichtsausdruck geben kann, nahm seine alte Stelle ein.

Der Wald öffnete sich, und vor den beiden Wanderern lag die Alb, an deren fuss sich eine schmale Strasse hinzog. "Wollen uns dem Bergsträssle da anvertrauen", sagte er. Sie taten es, indem sie die Ortschaften, die ihnen in den Weg kamen, auf den durch die Felder führenden Fusspfaden umgingen. Die Sonne begann für einen Herbsttag ungewöhnlich heiss zu brennen, und ihre scheitelrechte Stellung zeigte den Mittag an. "Ich wollt, ich hätt was zu trinken", seufzte Friedrich, "und wär's auch nur ein Schoppen Most oder Äppelwein, wie sie am Main drunten sagen."

"Und mir tät ein Löffele Warm's noch nöter", seufzte Christine ebenfalls.

"Gelt, arm's Weible", sagte er, "dir ist's ungewohnt, mit langem kalten Magen zu wandern? Da hast Geld, geh du in das Ort da hinein und lass dir eine Suppe geben, kannst mir dann etwas zu trinken und ein Brot dazu herausbringen, das genügt für mich. Das Geld, das ich mir in dem halben Jahr zu Sachsenhausen erspart hab, muss für uns und die Kinder reichen. Ich will mich derweil unter den Baum in Schatten legen."

"Meinst, es hab kein Gefahr", fragte sie.

"Ich kenn mich so weit in der Gegend aus", erwiderte er, "dass der Berg da über uns die Teck ist. Da herum sind wir ja ganz unbekannt. Du siehst aus, wie wenn du aus der Nachbarschaft wärst, und wenn ich in meiner städtischen Tracht