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's auch angenommen, denn ich hab vielmals denkt, ich werde das Kind nicht lebig zur Welt bringen."

"Er ist ein versoffener Lump", sagte Friedrich, "aber er ist doch besser als mancher, der in der Tugend und in der Wolle sitzt. Wie's dem Armen zumut ist, das begreift doch nur wieder der arme, aber eben darum können sie einander nicht viel helfen. Ich glaube, der Schlucker hat ein paar unerzogene Kinder."

"Viere!" sagte Christine. "Er hat aber gesagt, du habest ihm hie und da einen Schoppen eingeschenkt, und das werde er dir gedenken. Die Herren haben mir nichts geben als böse Wort. Sie haben mir bedeutet, ich dürf mich nicht aus dem Flecken entfernen, weil die sache ans löbliche Oberamt berichtet werden müss', von wegen deines bösen Lebens. Dort sind sie auch bald mit mir fertig gewesen. Ich hab mein Kind vor dürfen zur Welt bringen und ein paar Wochen pflegen, und dann hab ich eben ins Zuchtaus wandern müssen."

"Auf zwei Jahr!"

"Nein, denke nur, auf unbestimmte Zeit, bis die Aufseherin mir das Zeugnis geben hat, ich sei jetzt so, dass man mich entlassen könn, und das ist bloss daher kommen, dass ich gehört hab, du seiest von Hohentwiel ausgeflogen, denn unartig bin ich zwar nie gegen sie gewesen, aber immer still, bis die Freud über mich reinbrochen ist, und dann hab ich ihr alles getan, was ich ihr an den Augen abgesehen hab, und zuletzt ist sie für mich gut gestanden, dass man mich hat springen lassen, weil ich jetzt ganz bessert sei."

"Die Art gefällt mir erst noch", bemerkte er. "würde im Zuchtaus immer väterlich und mütterlich regiert, so dass das Haus seinen Namen verdiente und die Leute darin zur Zucht gebracht würden, so wär's das beste, sie auf unbestimmte Zeit hineinzutun, bis der Zuchtvater oder die Zuchtmutter sie wieder freisprechen würden, und bekäm das vielleicht manchem gut, der jetzt andere zum Zuchtaus verdammt. Und dann möchte man einen, der nicht gut tut, meinetwegen auf lebenslänglich drin lassen; nur weiss ich keinen Menschen, dem ich ein solches Urteil anvertrauen möchte, als höchstens meinem seligen Waisenpfarrer. Aber die gewöhnliche Art von Zuchtausstrafenfür das und das Vergehen soundsoviel Wochen oder Monate oder Jahredas kommt mir immer vor wie ein Schneider, der einem soundsoviel Ellen zu seiner leiblichen Länge anmisst, oder auch, weil ich grad vom Wirtschaften herkomm, wie ein Speiszettel: Kalbsbraten tut soundsoviel, Hammelsbraten soundsoviel, Schweinsbraten soundsoviel, Wein, Nachtlager, Mittag-, Abendessen und Frühstück, alles zusammen einen Gulden und dreissig Kreuzer. Dann gibt's auch wieder gelindere Richter, die machen's wie ein sanftmütiger Wirt, der den Gast nicht mit einer runden Summe erschrecken will und statt des Guldens bloss neunundfünfzig Kreuzerle sagt. Bei einem Wirt ist das schon recht, und er mag zusehen, wie er eins ins andere rechnet und fertig wird, aber die Rechnung in Jahren, Monaten und Wochen nicht am Beutel, sondern an der lebendigen Seele eines Menschen ausgemessendas ist eine Vermessenheit, und kann ich weder Sinn noch Verstand drin finden."

"Wie ich wieder aus'm Zuchtaus kommen bin", fuhr Christine fort, "hab ich gehört, du seiest dagewesen, aber seiest wieder fort in die weit Welt. In der 'Sonn' hat man nicht davon geschnauft, wo du bist Ich hab selber einmal angefragt, da hat mir die Sonnenwirtin ein Stückle Brot hingelegt und hat gesagt, du seiest ganz verschollen, und 's tät für mich und alle das best sein, du bliebest's auch. Ich hab das Brot liegen lassen und bin fort. Mein Jerg ist grad dazumal nicht zu Haus gewesen, und mein Mutter hat mich nicht behalten wollen, weil ich ihr eine unnütze Brotesserin sei, wiewohl sie eigentlich uns ihr Brot verdankt, denn sie isst's eben mit unseren Kindern, die man ihr in Verpflegung geben hat."

"Aus dem Heiligen?"

"Nein, so spendabel ist der Heilig nicht. Da hat's geheissen: 'Herr Sonnenwirt, Er ist ein reicher Mann, und die Kommun kann da nicht eintreten, also zahlt Er das Kostgeld für Seine Enkel'."

"Ist wahr, er hat mir einmal geklagt, die Kinder kosten ihn so viel Geld, und deswegen könne er das Geld zur Auswanderung nicht so geschwind aufbringen."

"Solang mein Jerg dagewesen ist, hat's den Kindern an nichts gefehlt, seit der aber mehr und mehr fort ist, hat man anders für sie sorgen müssen. Wie nun mein Mutter mir hat zu verstehen geben, dass ich ihr überlästig sei, hab ich meine Kinder mit tausend Schmerzen küsst und hab das Herz in beide Händ genommen und bin nach Denzlingen gangen zur Schulmeisterin. Die ist zum Glück grad in der grössten Verlegenheit gewesen und hat gesagt, ich hätt ihr nicht geschickter kommen können, sie hab eben eine Magd aus'm Dienst gejagt, die ihr gestohlen hab. Drauf hat sie zu ihrem Mann gesagt: 'Sieh, mit der äusserlichen Frömmigkeit sind wir angeführt gewesen, jetzt folg mir und hilf mir's auch einmal mit dem Weltkind da probieren; die ist kein Heilige und hat viel durchgemacht, aber