Stiefmutter nicht mehr recht getraut, hab auch gedacht: und wenn ein Mensch das Fliegen lernte, so würde anfangs alles vor ihm niederknien und ihn anbeten, aber in vierzehn Tag wär's ihnen allen ein gemeines Wunder, um das sie nicht mehr viel gäben; hab mich also auf den Schrecken über meine Hohentwieler Flucht nicht zu sehr verlassen mögen. Mein Vater hat mir etwas Geld geben nach Frankfurt, und so bin ich fort, ohne dass meines Wissens der Amtmann nach mir gefragt hat. Wie ich bei deiner Mutter und den Kindern gewesen bin, das hast du nachher zu Haus selbst gehört. In Sachsenhausen ist mir's über die massen wohl gegangen, ich bin bei meinem Vetter wie das Kind im Haus gewesen, hab ihm geschafft, halb als Hausknecht, halb als Metzgerknecht, halb als Kellner, wie und wo man mich hat brauchen wollen, und wenn kein Ebersbach in der Welt wär, so hätt ich mir gar keine bessere Heimat wünschen mögen. Aber es hat mir fort und fort am Herzen genagt: dass mein Vater von seinen Anerbietungen gar nichts mehr hören liess, hat mich verdrossen, und endlich hab ich von einem Landsmann erfahren, dass deine unfreiwillige Badreise jetzt zu Ende sei. Über das fügt sich's einmal, dass ich Gäste bedienen muss, und wie ich ihrem Gespräch aus der Ecke zuhöre, so braucht einer zufällig das Sprichwort: Ein Mann, ein Wort, oder ein Hundsfott! Sieh, Christine, wie ich das gehört hab, bin ich eigentlich schon so gut wie fort gewesen. Mein Vetter hat sich ein wenig vor den Kopf gestossen gezeigt, dass ich nicht gut tun wolle; ich hab ihm aber gesagt, es reisse mich wie mit eisernen Haken nach Ebersbach, er solle mich in gutem Andenken behalten und mir den Platz nur ein Tag acht offen lassen, denn ich möchte gern wiederkommen. In Ebersbach aber war der Wind gänzlich umgeschlagen. Mein Vater hat mich gar nicht vor sein Angesicht kommen, sondern durch seine Frau bedeuten lassen, ich solle mich fortmachen, ich würde ihn nur um Hab und Gut bringen. Was ich mit ihm für ein Abkommen treffen will, darüber muss ich mich noch besinnen. Bei deiner Mutter hab ich dann erfahren, du seiest wirklich frei und im Schulhaus zu Neckardenzlingen im Dienst. Darauf hab ich gleich den Stab weiter gesetzt. Wie ich gestern abend über die brücke gehe, sehe ich Kinder da, spielen. Ich will freundlich auf sie zugehen. Sie aber mich erblicken und mit dem Geschrei: Der Sonnenwirtle! der Sonnenwirtle! wie das Mutisheer an mir vorüberstäuben, das war eins. Es hat mir weh getan, ich kann's nicht leugnen, zu sehen, wie mein Name den Weg vor mir fegt; aber ich hab's wieder abgeschüttelt. Meine Lagerstatt hab ich im Wald genommen, bin heute im Zickzack durch die Wälder herübergewandert, und da bin ich jetzt bei dir. Und hier ist auch unser Nachtlager, sieh, da tauchen die paar Häuser im Halblicht auf. Es regt sich nichts mehr, nicht einmal ein Hund, die leute sind arm und haben nichts zu bewachen. Jetzt fallen wir still und säuberlich in die Scheuer ein, und da sollst du im Heu ganz fein gebettet schlafen. Morgen ist dann das Erzählen an dir, denn für heute ist genug erzählt."
28
In der ersten Frühe weckte Friedrich Christinen und las ihr das Heu aus den Kleidern und aus den Haaren, wohin es da und dort unter dem Kopftuche eingedrungen war. Nachdem er mit ihrer Hilfe sein Äusseres gleichfalls etwas in Ordnung gebracht hatte, ermunterte er sie zum Fortgehen, ehe die Hausbewohner erwachten; denn, sagte er, wenn man den Leuten nachts in die Scheuer einbricht, und wär's auch nur, um ein wenig Nachtruh zu erbeuten, so hat man gleich den Kredit bei ihnen eingebüsst. Sie verliessen den kleinen Weiler, der aus einigen ärmlichen Häuschen bestand, und schlugen einen schmalen Waldsteig ein. Der taufeuchte, frische Herbstmorgen machte Christinen vor Kälte zittern. Friedrich suchte einen freien Platz im wald und hatte bald aus Reisern und dürrem Holze, das er hin und wieder abbrach, ein behagliches Feuer angemacht, neben welchem er das Weib seines Herzens auf seine Knie zog und so ihr ein hequemes Lager bereitete. "Das Frühstück", sagte er, "müssen wir uns freilich hinzudenken; ich hab vor lauter Eifer und Heimweh nach dir vergessen, für Mundvorrat zu sorgen." Sie versicherte, sie sei nicht hungrig, und auch er meinte, er habe sich in Sachsenhausen hinlänglich herausgegessen, um jetzt ein wenig fasten zu können.
"Lass dich einmal besehen", sagte sie, aufschauend und munter werdend. "Siehst ja ganz proper aus, man sollt dich für 'n zünftigen Meister in irgendeinem Handwerk halten, das sein' goldenen Boden hat. Musst die schönen Kleider schonen und nicht in Scheuern übernachten."
"Das kommt anders", versetzte er, "wenn wir einmal zum Land draussen sind."
"Und recht mannhaft bist worden", fuhr sie fort. "Hast ein gut's Gestell, so postiert und voll und dabei doch nicht zu breit. Dem Gesicht freilich sieht man an, dass manches drüberhin gangen ist wie ein schwerer Pflug. Man sollt dich für viel älter halten, als du bist. Wenn ich nicht wüsst, dass du kaum über siebenundzwanzig sein kannst,