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solle dabei nur das unbenommen sein, dass man sie zum Schwert oder Strang begnadigen könne."

"Das ist freilich schrecklich", seufzte sie. "Es ist eben eine arge Welt und eine böse Zeit. Aber so froh ich bin, dass du mit ihnen von der Festung entkommen bist, so ist mir's doch noch viel lieber, dass du dich wieder von ihnen losgeschält hast. Ist's auch gewiss wahr?"

"Freilich ist's wahr, so gewiss, als es von Hohentwiel einen Weg nach Sachsenhausen gibt. Ich hab freilich nicht immer den gradsten genommen; 's ist mir gangen wie bei der Erzählung da, wo du mich fort und fort auf Um- und Nebenwege drängst."

"Ich will dich nicht weiter unterbrechen. Erzähl gradaus."

"Wie wir mit unseren Vorbereitungen endlich fertig gewesen sind, haben wir uns an den steilen roten Felsen hinabgelassen. War aber wenig davon zu sehen, denn wie du dir denken kannst, haben wir eine stürmische Regennacht gewählt. Einer voran, ich in der Mitte und einer zuletzt, wie wir eben drangekommen sind, so sind wir an unserem armseligen Seil hinuntergerutscht. Wir zwei vorderen haben uns nicht lang besonnen, haben's auch nicht geachtet, dass unsere hände halb durchgeschnitten wurden, sondern sind hinabgesaust wie der Teufel, wenn er mit einer armen Seel zur Hölle fährt. Dem letzten aber ging's nicht so gut. Hat er sich zu schwer gemacht, die hände zu sehr geschont, oder ist das Seil durch uns schon abgenutzt gewesen, ich weiss es nicht: auf einmal kracht's, bricht, und neben uns geschieht ein mächtiger Fall. Es war ein Glück, dass er uns nicht auf die Köpfe fiel. Ob er sich den Hals abgestürzt hat, weiss ich heute noch nicht. Gott tröst ihn! aber für uns war keine Zeit zu verlieren. Der Fall hatte die Wachen oben rebellisch gemacht, man hört zusammen schreien, und kaum sind wir einen halben Büchsenschuss seitwärts, so brummt schon die Lärmkanone durch die finstere Nacht. Die stand uns aber treulich bei, und wir sagten lachend: 'Kanoniert und trommelt ihr, soviel ihr da droben wollt, Gott befohlen, Hohentwiel!' Die Aussicht ist übrigens schön für den Liebhaber, besonders wenn er sich nur ein paar Tage zu seinem Vergnügen droben aufzuhalten braucht, wie ein Schwager des Kommandanten, ein Professor, den wir einmal die herrliche Perspektive, wie er's nannte, loben hörten. Wir hatten sie uns jedoch gleichfalls zunutz gemacht und wie eine Landkarte studiert, das Hegau mehr als den Bodensee. Das Hegau ist gar keine üble Gegend zur Flucht, das muss man ihm lassen. Mit waldigen Köpfen oder kleinen Anhöhen, Kopf an Kopf, besät, so liegt es um die Festung da. Sie sind uns nachher oft doch etwas höher vorkommen, als man von oben meint; aber nichtsdestoweniger ein prächtiges Revier für Gäste, die aus dem Luftschloss zur schönen Aussicht abgereist sind; denn es reicht ein Wald dem anderen die Hand. Dazu hatten wir just die Zeit abgewartet, wo das Laub ausschlägt; es deckt einen doch besser, und der Wald sieht so traurig aus, wenn er nackt und kahl ist. Mein Kameradja so, von dem hab ich dir noch gar nichts gesagt; hab ich dir nie von dem jungen Zigeuner erzählt, den ich einmal aus dem Zuchtaus mit nach Ebersbach gebracht hab?"

"Ja", sagte sie, "du hast ihn bei deinem Vater als Knecht anbringen wollen, und der hat dir dafür eine Ohrfeig hingeschlagen."

"Richtig, und der war mein Kamerad beim Ausfliegen. Ich hab ihn auf der Festung wiedergefunden. Der ist aber unter der Zeit flügg worden; das ist ein ganz Ausgelernter. Wiewohl, er war schon damals viel schlimmer, als ich ihn dafür angesehen hab. Was meinst, dass er zu mir gesagt hat? Es hab ihn höllisch verdrossen, dass es mit dem Dienstle nichts worden sei; er war ein paar Wochen dageblieben, hält unterdessen etliche Freunde herbeigezeiselt und in einer schönen Nacht das Ebersbacher Sonnenwirtshaus ausgeplündert."

"Das ist aber ein schlechter Kerl!" rief sie zornig. "Dem hast mit deiner Bärenfaust eins gesteckt, gelt?"

"Lieb's Weib", sagte er bedächtig, "wenn man miteinander aus Numero Sieben fortwill, so nimmt man's nicht so streng mit dem Glauben; da denkt man: du hilfst mir, und ich helf dir. Ich hab gerlacht und hab ihm gesagt, den Gedanken mit der 'Sonne' soll er sich vergehen lassen, da seien viel Leute drin und viel Leute in der Nachbarschaft, und an grossen, starken Hunden sei auch kein Mangelich hab noch ein paar dazugemacht. Der scheele Christianus, so heisst man ihn, hat's in seiner Art gut mit mir gemeint und hat mich mit Gewalt mitnehmen wollen, hat mir auch das beste Leben versprochen und hat's nicht begreifen können, dass ich nach Ebersbach wolle, wo ich ja vogelfrei sei; aber ich bin fest dabei blieben, und so hat er mich zuletzt, ich muss sagen, recht ungern ziehen lassen, hat mir auch guten Rat und Anleitung geben zum Fortkommen, was ohne einen Zehrpfennig keine Kleinigkeit ist, und endlich hat er mir noch seinen Zinken, das heisst, sein Wappen oder Wahrzeichen,