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dem eigentlichen Adressaten den rücken zugekehrtdas ist für einen Kochem soviel wie ein ganzes Buch; aus zwei, drei Worten, die von einem andern fast ohne Mundbewegung an ihn hergesäuselt kommen, studiert er sich alles raus, was er nötig hat. Freilich braucht's auch manchmal längere Verständigungen. Da kommt man dann am besten mit Singen fort. Ein Gesetzlein aus einem Gassenhauer, wenn die Schildwacht gutmütig und selber lustig ist, oder wenn man nicht trauen darf oder gar einander ein langes und breites zu sagen hat, ein Kirchenlied, das hilft einem weit. Wie hab ich's nicht meinem alten Schulmeister gedankt, dass er mir die Choräle so ferm eingetrichtert hat! Die Soldaten haben oft ganz andächtig zugehört, wenn ich ein langes Busslied nur so halblaut vor mich hingesumset und dabei den Text zwischen den Zähnen zerdrückt, nur hie und da ein deutsches Wort deutlich herausgehoben hab. Das Undeutliche aber war alles jenisch und für meine beiden Leidensgenossen deutlich genug. Das hat dann dazu dienen müssen, noch eine zweite Sprache miteinander zu verabreden, die unsre Hauptsprache werden musste. Die Quader nämlich waren viel zu dick, als dass wir uns bei Nacht hätten unterreden können, und daran war uns natürlich am meisten gelegen. Nachdem wir aber ein bequemes Alphabet fertig gebracht hatten, so klopften wir einander ganze Nächte fort, und was wir klopften, das waren lauter Worte und Sätze. Gelt, du musst lachen? Aber die Klopfsprache war mir damals die liebste in der Welt und hat sich auch viel besser bewährt als die Blutsprache, die du mir einmal im Arm auf die Wanderschaft hast mitgeben wollen. Zu allem andern Glück kam dann noch ein kostbarer Fund, ein Nagel nämlich, der mir eines tages in die hände geriet, und dieses kleine Werkzeug hat den Grund zu unserer Freiheit legen müssen."

"Was bist d u für ein Mensch!" rief sie. "Man sollt oft meinen, du seiest mehr als ein Mensch."

"Du kannst dir denken, wie oft mir da die Finger geblutet haben, und dann hab ich's sehr gefühlt, dass ich ein Mensch bin, und wenn ich ans Freiwerden und an dich und unsre Kinder gedacht hab, da hab ich auch wieder gewusst, dass ich einer bin. Um es kurz zu machen, nach einer vierteljährigen schweren Nachtarbeit, neben den schweren Tagesarbeiten, war ein Loch durch die Mauer glücklich gebrochen, das niemand entdeckte, aber dann dauerte es noch lang, bis alle günstige Umstände zusammentrafen. Was irgend zum Knüpfen und Binden tauglich war, das hatten wir in den zwei Jahren wie die Hamster zusammengescharrt, und das kleinste Flöcklein Hanf war uns nicht zu schlecht gewesen. Keine Seele kann sich eine Vorstellung machen, was das ein Stück Arbeit gewesen ist und welche Attention, Diebesgeschicklichkeit und Spitzbüberei es erfordert hat, nach und nach die nötigen Stricke zusammenzubringen. Das war fast noch mehr als die Arbeit an der Mauer. Viele Stunden lang müsst ich erzählen, wenn ich dir alles ausführlich sagen wollte; aber wer diese Werke und diese Felsen und diesen spitzen Wolkenkegel nicht gesehen hat, dem kann man doch keinen Begriff von den Schwierigkeiten einer solchen Flucht beibringen. Ich würde's auch keinem übel nehmen, wenn er's nicht glaubte; aber die Tatsache steht nichtsdestoweniger fest, denn ich war lebenslänglicher Gefangener und bin nicht freigegeben worden, und geh jetzt dennoch hier an deiner Seite durch den freien grünen Wald und hab ihnen den Stolz auf die Unüberwindlichkeit ihrer starken Feste Hohentwiel zuschanden gemacht. Und nun frag dich, wenn ich das zustand gebracht hab, ob ich nicht auch imstand sein müsse, dich und deine Kinder durch Fleiss und Geschick irgendwie durchzuschlagen."

"Oh, du kannst alles, was du willst", sagte sie mit schmeichelndem und zugleich neckendem Tone, "bist ein halber Hexenmeister worden, und ich weiss gar nicht, du redst auch nimmer wie sonst in Ebersbach, dein Reden hat so eine fürnehme Art, und brauchst Ausdrück, wie ich's nie früher an dir gehört hab."

"natürlich!" lachte er, "drum bin ich in der Welt drein gewest, und das doppelt. Einmal am Main und Rhein drunten lernt man einen ganz andern Schick, und bei meinem Vatersbruder, obgleich in seinem Haus nichts Neumodisches zu finden ist, kehren gar stattliche Kunden ein, weil er den Wein noch nach der alten Mode schenkt, ungestritzt und wohlbehandelt und dabei billig, so dass Wirt und Gäste bestehen können. Da kommen dir Leute von Welt hin, feine Köpfe, und wenn man auf ihre Reden aufpasst, so bleibt was an einem hängen. Sie haben mich freilich auch manchmal ein wenig ins Gebet genommen und mir zu verstehen gegeben, man merke mir den Schwaben an, eh ich nur den Mund auftue; aber aus welchem Käfig der Vogel ausgeflogen war, das haben sie mit all ihrem Witz doch nicht ergründet. Dann aber ist auch das Zuchtaus und die Festung eine Welt, die ihre Leute bildet, nicht bloss, wie du meinst, zum Stehlen und Raubenei nein, jedes Handwerk, ob es gut oder schlecht sei, erfordert Fertigkeiten und Kenntnisse, die dem Menschen Ehre machen. So ein Stromer oder Jauner, der in den Landen umherzieht, Fuchs und Has zugleich ist, der weiss und kann dir Dinge, die einem gewöhnlichen Ofenhocker nicht im Traum vorkommen. Wenn's eine gute gelegenheit gegeben hat