1855_Kurz_155_13.txt

aus mit der Freundschaft. Du weisst, ein Mensch hat allezeit den andern nötig."

"Wie kam er denn aber zum Stehlen?" fragte der Knecht.

"Ich will's dir sagen", fuhr der jüngere Müller fort. "Wie er sah, dass er doch immer den kürzern zog, weil sein Vater auf seiten der Stiefmutter war, so wollte er in die Fremde gehen und begehrte einen Zehrpfennig nach Amerika."

"Nach Amerika?" rief der Knecht. "Das ist ja ein Weltskerl!"

"Der Alte aber", fuhr der Müller fort, "war dazumal schon b'häb geworden und behielt die Schlüssel zur Geldtruhe fest im Sack; auch meinte er, der Bub, der erst vierzehn Jahr alt war, sei noch zu jung zum Reisen, und darin hatte er gänzlich recht, denn der Bub ist nachher richtig auch nicht gar weit gekommen und nicht gar lang fortgeblieben. Der aber meinte, was man ihm nicht gutwillig gebe, das könne er ja mit Gewalt nehmen, und beerbte seinen Vater vor der Zeit, noch eh ihm der Alte aus der Helle gegangen war."

"Oder aber", sagte der ältere Müller, "er hat als sein eigener Richter seine Jahr und seine Taschen vollgemacht und eben sein Mütterliches eingesackt."

"Es ist just, wie man's ansieht. Übers Geld zu kommen und die Schlösser aufzumachen, war dem G'studierten, wie ihn der da heisst, eine Kleinigkeit; er hatte ja dem Alten schon mehrmals den Spass gemacht. Kurz und gut, er nahm ihm vierhundert Gulden, brachte sie ihm aber nicht übers Bett."

"Vierhundertunddreissig!" fiel der Fischer ein.

"Mein'twegen vierhundertunddreissig, wenn das Sündenregister voll sein muss. Du musst's ja wissen, denn du bist der erste gewesen, Fischerhanne, der ihn des Einbruchs zieh."

"Hab ich gelogen?" fragte der Fischer.

"Ja, die Wahrheit hast du gelogen."

"Dann ist er durchgegangen?" fragte der Knecht.

"Ja, aber er kam nicht nach Amerika, sondern bloss bis Heilbronn. Dort liess er sich bei den kaiserlichen Husaren anwerben als Freiwilliger. Pferd und Montur bezahlte er flott von seinem eigenen Geld. Wenn er nur bei ihnen geblieben wär!"

"Ist erst noch wahr!" rief der ältere Müller. "Der Kerl hätt's zu was bringen können. Der? der hätt General werden können."

"Ist er denn desertiert?" fragte der Knecht.

"Nein, aber nach zehn Wochen stach ihn der Fürwitz, ob man ihn zu Ebersbach vergessen habe, und da kam er mit einem Urlaubspass als Husar angeritten. Das war ein aufsehen! Dem Amtmann trotzte er ein Attestat ab, dass er von ehrlichen Leuten geboren sei. Beweisen konnte man ihm nichts, wiewohl das Geschrei und der Verdacht wegen der vierhundert Gulden allgemein war, und niemand wagte, ihn zu greifen, den kaiserlichen Husaren, bis er im Hecht bei der Zeche schwedische Dukaten, auch halbe Gulden blikken liess. Diese verrieten ihn, denn sie waren von seines Vaters Geld. Nun gab's Lärm im Ort. Der Frieder aber sprang in den Sattel, jagte den Flecken auf und ab mit gezogenem Degenden Fischerhanne hätt er schier gar erritten; er hieb nur einen Zoll zu kurz, so hätt man sehen können, ob du weisses Blut hast oder rotesund drohte mit sechzehn andern Husaren, mit denen er den Flecken besetzen wolle. Die kamen aber nicht. Dem Amtmann ritt er vors Haus, klopfte auf den Schenkel, höhnte und drohte. Von da ging's vor die 'Sonne', wo er's ebenso machte. Kurz, er trieb allen erdenklichen Übermut, wie ein losgelassener Eber; denn natürlich, er war betrunken. Wie er nun vollends seine Pistolen losschoss und niemand seines Lebens mehr sicher war, da musste die Bürgerschaft ein Einsehen haben. Ich gesteh's, und es reut mich jetzt noch nicht: ich lud meine Flinte mit Schrot, der Zeiger Frank und der Spanner Eberhard, des Chirurgen Bruder, taten desgleichenwer ihn eigentlich getroffen hat, weiss ich nicht. Aber er stürzte vom Gaul wie ein Mehlsack. Das Pferd war hin, er selbst hatte den linken Fuss voll Schrot, und also war's leicht mit ihm fertig werden."

"Das ist ja ein Mordkerl!" rief der Knecht. "Aber hat es Euch und den andern Schützen keine Ungelegenheit gemacht", fragte er weiter, "dass ihr der Obrigkeit so mir nichts, dir nichts ins Handwerk gegriffen habt?"

"Bewahr!" lachte der Müller. "Obrigkeit und Bürgerschaft waren froh, dass sie die Belagerung überstanden hatten, und der Amtmann hat, glaube ich, dem Vogt nichts davon berichtet, auf was Art der Sturm abgeschlagen worden sei."

"Und seitdem", fragte der Knecht, "sitzt er im Zuchtaus?"

"Ich hab dir's ja gesagt", erwiderte sein Herr, "dass er jetzt zum zweitenmal drin ist."

"Was? Ist er seinem Vater abermals über den Geldkasten gegangen?"

"Nein, in dem Fach hat er ein Haar gefunden und hat ihm abgesagt."

"Man kann ihm nichts Böses nachsagen", versetzte der Fischer, "bis auf das,