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bei Nacht sperrten sie mich allein in ein' Käfig, wo ich von lauter Quadern umgeben war. Nun war ich schon so gewitzigt, um zu wissen, dass das Verzweifeln zu gar nichts hilft, frass also allen Grimm und allen Jammer um dich und allen Durst nach Befreiung in mich hinein, Tag und Nacht, und hielt mich still, als ob ich ganz zufrieden wär und hätte die Welt vergessen. Geduld, sagt das Sprichwort, Geduld überwindet Sauerkraut; aber freilich, man darf dabei nicht müssig gehen. Zum Glück hatte ich schon im Ludwigsburger Zuchtaus einige Brokken von der jenischen Sprache aufgeschnappt, und die konnte ich auf Hohentwiel fürtrefflich brauchen."

"Jenisch?" unterbrach sie ihn. "Was ist denn das?"

"Pass auf!" sagte er. "Die Kochern scheften grandig in Käfer Märtine, schaberen bei der Ratte in Kitteren, fegen Schrenden, Klaminen und Hansel, holchen auf Gschock, tschoren Sore, zopfen Kies aus rand, kasperen Gasche, achlen und schwächen toff mit nickligen Schicksen, josten im Flach um Jack, schmusen und schmollen, aber kistig holchen Niescher, zopfen sie krank, kistig schupfen sie Schiebes, wenn sie aber in der Leke scheften und ihre Massematte maker werden, bestieben sie Makes Makoles, holchen kistig kapore, werden talcht, an die Nelle geschniert, gekibeset oder getelleret."

"Hör auf, hör auf!" sagte sie. "Da wirds ja einem ganz dumm davon. Das ist rotwelsch, da verstehe ich kein einzig's Wort."

"Wie kannst du denn sagen, es sei rotwelsch, wenn du's nicht verstehst?"

"Grad deswegen! Was man nicht versteht, das heisst man so."

"Du weisst nicht, dass du ein wahres Wort gesprochen hast, denn rotwelsch und jenisch, das ist die nämliche Zunge."

"Du mein Heiland!" sagte sie betreten, "das sprechen ja aber nur die –"

"Kochem!" ergänzte er, da sie stockte. "Wenn du willst, kannst du sie auch Jauner, Diebe, Spitzbuben und dergleichen heissen, denn das sind ihre Namen bei den andern Leuten; sie selbst aber nennen sich Kochem. Dies ist die Gesellschaft, in die man mich zu Ludwigsburg und auf Hohentwiel getan hat."

"Ach Gott, ach Gott!" seufzte sie. "Ich bin doch auch im Zuchtaus gewesen, aber ich hab gottlob keine gelegenheit gehabt, das Jenische zu erlernen. Ich hab meistens bei einer Aufseherin arbeiten müssen, die mich zu sich genommen hat, und da hab ich, ich kann nicht anders sagen, manches Nützliche gelernt, was ich vorher nicht gewusst hab."

"Das ist Glückssache", sagte er. "Früher hat man mich in Ludwigsburg auch etwas apart gehalten, der selige Waisenpfarrer hat's damals nicht anders gelitten; das drittemal aber bin ich unter den grossen Tross gestossen worden. Wiewohl, es war mein Glück, denn hätt ich nicht Jenisch gelernt, so säss ich heute noch auf Hohentwiel."

"Was heisst denn das, was du da hergesagt hast?" fragte sie.

"Es ist nur eine probe", sagte er, "und bedeutet so viel als: 'die Kochem sind gross an Mannschaft im Schwabenland, brechen bei Nacht in die Häuser, leeren Stuben, Kammern und Kästen, gehen auf Märkte, rapsen Ware, ziehen Geld aus Taschen, schnellen die Leute, essen und trinken gut mit ihren hübschen, tanzlustigen Weibsbildern (denn daran rühmen sie sich reich zu sein), liegen auf dem Feld ums Feuer, schwatzen und lachen, aber oft kommen Streifer, nehmen sie gefangen, oft machen sie sich davon, wenn sie aber ins Gefängnis geraten und ihre Sachen an Tag kommen, kriegen sie Schläge und Prügel, müssen auch oft sterben, werden gemalefitzt, an den Galgen gehenkt, geköpft oder gerädert'."

"B'hüt uns Gott!" rief sie, "und solche Reden gehen aus ihrem eigenen Mund?"

"Das sind Dinge, von denen sie täglich reden, um sich recht an den Gedanken zu gewöhnen, gleichwie der Amalekiter König Agag zu Samuel sprach: Also muss man des Todes Bitterkeit vertreiben."

"Für 'n Amalekiter mag das schon recht sein, aber es sind doch schreckliche, greuliche Ding, und man kann's nicht verantworten, dass man dich so jung mit so leute zusammengepfercht hat. Ach, Frieder, ich bitte dich, lass du sie links ziehen und halt dich nicht zu ihnen."

"Nein", sagte er, "ich hab allen Respekt vor ihnen und will mich auch nicht mit ihnen einlassen. Deswegen gehen wir ja ausser Lands, wo auch gut Brot essen ist und wo mich keiner von ihnen kennt."

"Bei der Flucht von Hohentwiel also sind sie deine Kameraden gewesen? Ich kann mir's jetzt schon denken."

"Mit Hilfe des Jenischen", fuhr er in seiner Erzählung fort, "brachte ich bald heraus, welche von den Gefangenen die tauglichsten waren und meinem Gefängnis am nächsten lagen. Zum grössten Glücke hatte ich zwei Nachbarn, ganze Kerls, mit denen ich den Teufel aus der Hölle schlagen wollte. Uns zu verständigen, das war uns eine Kleinigkeit. Im Vorbeigehen etwas hingemurmelt, oder im Sprechen mit der Schildwacht oder dem Aufseher ein paar jenische Brocken eingestreut und dabei