ich an d e n Tag denke! – und vor drei Jahr, um die Zeit, wo man dich gesetzt hat, ist er wieder im Urlaub dagewesen."
"Komm", sagte er, "du wirst doch nicht im Freien über Nacht bleiben wollen. Ich weiss auf unserem Weg einen kleinen Weiler, wo wir sicher sein werden. Wenn die leute noch auf sind, so müssen sie uns ein Nachtquartier geben, wir sind ja Mann und Weib, und wenn sie schlafen, so weiss ich auch zu helfen."
Sie verliessen die harte, unebene Strasse und schlugen einen gemächlichen Waldpfad ein, auf welchem sie in der bisherigen Weise sich umschlingend nebeneinander gehen konnten. "Wie mein Vater am anderen Morgen dem Pfarrer seine Sachen wieder geschickt hat", fuhr er fort, "da hab ich gleich gemerkt, dass Mohren ist – ja so, das lautet böhmisch für dich – ich will eben sagen, ich hab gemerkt, dass Feuer im Dach ist, dass das Ding Lärm macht, hab mir also den Kopf nicht lang zerbrochen, sondern hab ihn zwischen die Füss genommen und mich in der 'Sonne' verborgen, bis ich etwas Luft hätt, um durchzukommen. Das war ein Rennen und Laufen den ganzen Tag, ich hab alles von meinem Versteck aus angehört und mich nicht gerührt. Möglich ist's, dass die Frau Sonnenwirtin in ihrem witzigen Hirn draufkommen ist, hinter den alten Fässern und dem Rumpelzeug im hundertjährigen Staub könnt was Lebendiges stecken, aber gradaus ist sie mir nicht zu Leib gegangen, das ist überhaupt ihr Genie nicht. Gegen die Nacht, während ich eben denke, jetzt könnt ich bald entschlüpfen, hör ich an meinem Versteck herumtappen, klopfen und Frieder! rufen. An der Stimm erkenn ich deinen Hannes, geb aber nicht gleich Antwort. Drauf fährt er fort, ich solle mich doch nicht so verstellen, er sei mit etlichen Kameraden im Urlaub da, sie haben von meinem Malheur gehört und meinen's gut mit mir, ich solle nur herfürkommen, sie wollen mich in die Mitte nehmen und mir durchhelfen; auch hab er mir von dir etwas Nötiges auszurichten. Was hätt ich ihm nicht trauen sollen? Mir ist's im Schlaf nicht eingefallen, dass er mir von früher her etwas nachträgt, was mich gar nicht einmal betrifft. Wie ich aber gutsmuts heraussteige, so fassen mich die Soldaten und schreien: Arretiert! Ich hätt mich vor denen pappeten Herrgöttern mit ihren Krautmessern und ihren gemalten Schnurrbärten nicht geforchten, ich hätt's mit allen aufgenommen, aber ich stand dir da, ganz steif und starr über die Verräterei, wenn man mich gestochen hätt, ich hätt kein Blut geben, und so bin ich regungslos von ihnen gefangen und gebunden worden. Wenn sie also nachher behauptet haben, es hab einen Kampf und ein Getümmel gekostet, so haben sie schmählich gelogen, um ihre Heldentat desto grösser zu machen."
"grosser Gott!" rief sie jammervoll: "also mein eigener leiblicher Bruder hat dich ans Messer geliefert, und ich hab kein Wort davon gewusst! Es ist mir nur lieb, dass er jetzt weit weg in Garnison liegt. Und an mir willst du's nicht auslassen, dass mein Bruder so eine Schlechtigkeit an dir begangen hat?"
"Wär ich sonst so weit her zu dir kommen?" antwortete er.
Sie gab ihm ihre Dankbarkeit durch warme Liebkosungen zu erkennen. "Aber gelt", sagte sie, "ich hab auch nicht lang gefragt, wie ich dich gesehen hab? Du hast nur sagen dürfen: Geh mit! und gleich bin ich gangen."
"So ist's recht", versetzte er. "Wir sind ja Mann und Weib. An Gottes Segen ist alles, an der pfaffen Segen gar nichts gelegen."
"Jetzt erzähl weiter", drängte sie.
"Auf Hohentwiel", fuhr er fort, "hab ich keine gute Zeit gehabt. Harte, schwere Arbeit und liederliche Kost tagaus tagein, immer das nämliche Leben zwei Jahre lang, und dazu die Aussicht, dass es in alle Ewigkeit so bleiben soll. Da kann einem der Spass vergehen. Ich hab aber den Mut nicht sinken lassen, und gleich ein paar Wochen nach meinem Eintritt hab ich mich zu salvieren versucht. Das ist aber nicht so leicht wie im Zuchtaus, von wo mir's ein Kinderspiel war, dich ein paarmal zu besuchen. Sie haben mich zum Festungsbau gebraucht, denn an ihrer unüberwindlichen und unübersteiglichen Festung, wie sie's heissen, bauen sie beständig fort, wie am Turm zu Babel, um sie immer noch unüberwindlicher und unübersteiglicher zu machen. Wenn ich eine Armee gegen sie zu führen hätte, ich wollt ihnen ventre à terre im Nest sitzen, eh sie's merkten, denn ich weiss, wo ihr berühmtes Kleinod schadhaft ist. Das erstemal ist mir es aber schlecht geraten, da hab ich noch im Bubenunverstand und im Desperationsfieber gehandelt, bin nur grad mitten in die Freiheit hineingesprungen, wo sie am breitsten und aber auch am tiefsten war, von einer grossen Höhe herunter, aber dann auch keinen Schritt weiter mehr. Die Wachen haben gleich nach mir geschossen, aber von obenher trifft man nicht so geschwind, und das Schiessen war unnötig, denn ich blieb ganz ruhig liegen, weil ich den Fuss gebrochen hatte. Nachdem ich geheilt war, musste ich wieder arbeiten, und