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mir geschlagen. Weil man mir nun von Haus aus gar keinen Vorspann geleistet, vielmehr noch Fussangeln in den Weg geworfen hat, so hab ich um so mehr drauf pressiert, dass es zwischen uns beiden endlich einmal zum Heiraten käme; denn abgesehen davon, dass mir's ohnehin angelegen gewesen ist, so. hab ich gedenkt, wenn die Leute sehen, dass ich gegen meinen Schatz ehrlich bin und dem ledigen Leben mit seinen Lumpenstreichen Valet sage, so werden sie mir nach und nach auch wieder Vertrauen schenken. Aber ich brauch dir ja nicht lang vorzumalen, wie uns das fehlgeschlagen hat. Der alte Pfarrer, der Eiferer und Polterer, steht mir jetzt vergleichsweise als ein Ehrenmann da: der neue aber, den ich bei meiner Zurückkunft von Ludwigsburg angetroffen, hab, ist vollends der ganz gemeine Kanzelmelker, der bloss rechnet, wieviel Gulden und Kreuzer ihm das Evangelium trägt und was er aus seinen Verrichtungen für Profit herauspressen kann. Die dritte Proklamation haben wir mit Leichtigkeit von ihm erlangtum Geld und gute Worte; nur dass ich um des spöttisch mitleidigen Tones willen, mit dem er unsere Namen ablas, ihm das Gesangbuch hätt an den Kopf werfen mögen. Dann aber hat wieder alles dran getrieben, dass die Sache rückgängig worden ist, Vater und Mutter, Amtmann und Pfarrer, und der Pfarrer hat meinem Vater noch ganz anders zugeredet als sein Vorgänger, welch eine Torheit es für ihn sei, eine Schwiegertochter ohne Vermögen ins Haus zu nehmen. Weisst noch, wie wir vier Wochen lang herumgezogen sind zwischen dem Staufen und der Teck, von einem Pfarrhof zum andern, ob wir nicht einen Geistlichen fänden, der uns um Gotteswillen und aus christlichem Herzen kopulierte? War aber alles vergebens, und wie wir heimkommen, so stecken sie uns wegen Entführung und Landstreicherei vierzehn Tage lang ein und bringen mir dann eine Verzichtleistung von dir, die mich so rappelköpfig macht, dass ich erklärt hab, jetzt wolle ich auch nichts mehr von dir wissen. Wie wir dann frei wurden, war's leicht, sich über die falsche Vorspiegelung zu verständigen. Drauf klag ich in Göppingen, und der Vogt sagt selber, das sei keine Art, eine angefangene Kopulationssache nach dreimaliger Proklamation also zu hintertreiben, und gibt einen Bescheid für den Pfarrer, dass er fortfahren solle. Wie ich dich nun damit ins Pfarrhaus schicke und der Pfarrer an dich hin zankt und schimpft, das Oberamt solle ihm zuvor die Tax bezahlen, wenn es ihm mit solchem Bettlerpack beschwerlich fallen wolle, was hast du dann zu mir gesagt, du Biedermännin, die mir jetzt predigen will? Hast du nicht gesagt, der Geizhals von einem pfaffen hab Uhr und Ring an der Wand hängen, man sollt's ihm nur nehmen, dann hätt ich Geld und könnte nach Stuttgart gehen, um ihn zu verklagen und die Kopulation zu erzwingen?"

"Ach freilich hab ich's gesagt", seufzte sie, "aber ich bin eben auch ganz ausser mir gewesen vor Jammer und Verzweiflung und vor Zorn über so ein ungeistlich's Betragen gegen die Armen. Aber mein Herz hat nicht dran denkt, dass du das tun würdest, was ich im Zorn rausgeschwätzt hab. Vom Gedanken bis zur Tat ist doch noch ein weiter Weg, und besser hätt'st doch getan, wie du jetzt selber einsiehst, wenn du noch einmal ans Oberamt gangen wär'st."

"Geh mir weg mit dem Oberamt!" murrte er. "Das eine Mal hören sie einen an, und das andre Mal jagen sie einen fort, sonderlich wenn man oft kommt. Was du gedacht und gesagt hast, das hab ich getan; 's ist just so weit, wie der Weg vom Weib zum Mann. Um Geld und Geldswert ist mir's weniger zu tun gewesen, als um dem harterzigen pfaffen zu zeigen, dass ich mehr kann als er und dass er keine Stunde in seinem eigenen haus sicher ist, wenn ich's nicht haben will. Er mag seine Türen und Läden so fest verschliessen, als er will, Angst soll er vor mir haben, solang er lebt, und wenn's mich einmal gelüstet, so schiess ich ihn von seiner Kanzel runter, wie den Vogel vom Ast. Ich hab ihm noch ein paar Hostien mitgenommen, bloss um ihm zu zeigen, was ich auf sein Handwerk halte, wenn's einer um des blossen Gewinns willen treibt."

"Ich weiss ja wohl", sagte sie, immer ihn zu besänftigen bemüht, "dass das alles ist, was man dir aus der ganzen traurigen Zeit vorwerfen kann. Du hast leben müssen wie der Vogel aufm Zweig, nur mit dem Unterschied, dass der Vogel leicht sein Futter findet, und ich möchte wohl auch sehen, wie viel sich in so einer Lag ehrlich durchschlügen, ohne sich am Eigentum des nächsten zu vergreifen. Denn das bissle Gewildschiessen mit dem Krämerchristle kann dir kein Mensch als ein Verbrechen andichten, und 's ist ja auch nicht rauskommen. Der einzig Streich mit dem Pfarrer hat dir den Hals brochen. Aber dass mein Bruder dabei gegen dich mitgeholfen haben soll, das will mir nicht ein. So viel denkt mir allerdings noch, dass er dazumal just in Ebersbach gewesen ist. Weisst, er hat sich ja gleich vom Zuchtaus aus unters Militär anwerben lassen und ist nicht mehr heimkommen, bis unser Vater gestorben istach Gott, wenn