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sie verfolgten unangefochten ihren Weg. Von einem Rain, an welchem der Fusssteig steil emporkletterte, flog sie mit einem leichten Sprung auf die Strasse hinab und er ihr nach. Er fasste sie eng um den Leib, sie ihn desgleichen, und so wanderten sie in der Nacht zusammen hin. Sie drückte ihn noch einmal fester an sich: "so, jetzt erzähl!" sagte sie.

"Also!" begann er. "Wie ich vor drei Jahren nach Hohentwiel kommen bin, das weisst du. Ich wär aber doch begierig, ob du auch weisst, was dein Hannes, mein hochachtbarer Herr Schwager, dazu beitragen hat. Gelt, d a s wird er dir nicht gesagt haben?"

"Ich weiss gar nichts", sagte sie, "als dass du den Tag, nachdem wir uns das letztmal gesehen haben, in der 'Sonne' bist gefangen genommen worden und dass es da wieder einen Kampf und ein Getümmel geben hab, wie vor sechs Jahr, wo du vom Dach ins Zuchtaus geflogen bist, und dass man dich dann weit fortgebracht hat, nach Hohentwiel. Kannst dir selber sagen, was mir d a s gewesen ist, dass ich dich zeitlebens nicht mehr sehen soll, und dazu zwei unversorgte Kinder, von denen eins noch nicht einmal auf der Welt gewesen ist. Aber von meinem Hannes weiss ich nichts."

"Der hat eine Pique auf mich gehabt, von damals her, wo er mit mir ins Zuchtaus kommen ist, und du weisst doch selber am besten, wie unschuldig ich daran gewesen bin. Wie's nun Lärm geben hat wegen der Dummheit im Pfarrhaus –"

"Du sagst recht", unterbrach sie ihn: "freilich ist's eine Dummheit gewesen. Weisst noch, was ich zu dir gesagt hab, wie du mir nachts mit den Sachen übers Bett kommen bist? 'Bist denn immer noch ein Bub? willst denn gar nie kein Mann werden?' hab ich gesagt. Und warum hast denn nicht, wie du mir doch versprochen hast, den Kelch gleich wieder ins Pfarrers Garten geworfen? Ich hab dir doch gesagt, das sei ja der Krankenkelch, werde wohl hundert Gulden wert sein, und wenn's auf dich bekannt werde, so kommest an Galgen."

"Sei doch vernünftig!" sagte er. "Ich hab ja nicht können. Wie ich mich wieder gegen das Pfarrhaus hingeschlichen hab, hat mich der Nachtwächter gesehen, und da hab ich nimmer trauen dürfen. Ich hab dann eben die Sachen zu Haus im Stroh versteckt, und da hat's am Morgen der Knecht gefunden und meinem Vater bracht, und der hat in der Todesangst alles dem Pfarrer geschickt. Er hat gemeint, man könnt ihn selber als Hehler beim Kopf nehmen, und die Frau Stiefmutter hat ihm natürlich die Höll noch heisser gemacht."

"Hättst aber auch den Spass können bleiben lassen!" eiferte sie. "Wenn du nur ein klein bissle Grütz im Kopf gehabt hätt'st, so hätt'st doch wissen müssen, dass ein Eidbruch in einem Pfarrhaus, sonderlich wenn Kirchensachen dabei wegkommen, so laut schallt wie die Posaun von Jericho. Und wenn nur auch was dabei rauskommen wär! Aber der ganz Bettel ist ja des Einsteigens nicht wert gewesen."

"Das ist wahr", versetzte er, "ausser der silbernen Sackuhr, dem goldenen Ring und den paar Batzen Geld ist an der ganzen Lumperei nichts echt gewesen. Das andere Ührle war von Messing und zerbrochen, und dein kostbarer Nachtmahlskelch, den du hast auf hundert Gulden taxieren wollen, was ist er gewesen? von Kupfer und ein wenig verguld't."

"Drum eben!" sagte sie noch eifriger. "Und doch hast bei der Lumperei nicht bedacht, dass es um den Hals gehen oder, wie sich's nachher auch zeigt hat, eine Lebenslänglichkeit dabei rausspringen kann."

"Du hast gut reden", entgegnete er verdriesslich. "Bin ich darum aus meiner sichern Freistatt zu dir kommen, um mir gleich von dir vorpredigen zu lassen? Du hast, scheint's, ganz vergessen, wie man's uns gemacht hat –"

"Das hätt freilich den besten Mann verzürnen können", unterbrach sie ihn begütigend.

"Zuerst", fuhr er heftig fort, "stecken sie mich um nichts und wieder nichts auf andertalb Jahr ins Zuchtaus. Wie ich das überstanden hab und ins bürgerliche Leben zurückkehren will, so nimmt kein Hund mehr ein Stück Brot aus meiner Hand. Da hab ich erst gesehen, dass meine beide frühere Zuchtausstrafen für nichts geachtet worden sind; aber die dritte, die hat dem Fass den Boden ausgeschlagen. In meines Vaters Haus hab ich mehr wie ein Vagabund auf dem Heu und Stroh als wie ein Kind im anererbten Bett geschlafen. Mein Mütterlich's, hat mir mein Pfleger mit lachen gesagt, sei über den Prozess- und Ersatz- und Zuchtauskosten drauf gegangen, und so hat mir meine Volljährigkeit nichts mehr geholfen. Rechnung hat man mir gar nicht abgelegt, und mein Vater hat mich dabei im Stich gelassen: mein Pfleger, hat er gesagt, sei eben einmal ein Herr auf dem Rataus, und mit diesem müsse man delikat verfahren. Ich hoff ihm noch eine besondere Delikatesse anzutun. Die Metzger, bei denen ich als Knecht hab herum schaffen wollen, haben mehr oder weniger deutlich das Kreuz vor